Paralympics-Gewinner Kappel aus Welzheim Ein Meter vierzig purer Sportsgeist

Beim Kugelstoßen sind Konzentration, Kraft und Ausdauer gefragt. Niko Kappel trainiert  mindestens fünfmal pro Woche. Foto: Gottfried Stoppel
Beim Kugelstoßen sind Konzentration, Kraft und Ausdauer gefragt. Niko Kappel trainiert mindestens fünfmal pro Woche. Foto: Gottfried Stoppel

Niko Kappel hat bei den Paralympics in Rio die Goldmedaille im Kugelstoßen geholt. Der Welzheimer trainiert im Stuttgarter Olympiastützpunkt für den VFL Sindelfingen – und tritt auch sonst im Leben kaum kürzer.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)
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Welzheim - Zack! Metallkugel um Metallkugel landet in den schweren Kunststoff-Vorhängen, die in der Trainingshalle der Leichtathleten im Stuttgarter Olympiazentrum hängen. Vor jedem neuen Versuch wiegt Niko Kappel das Wurfgeschoss in seinen Händen – es ist vier Kilogramm schwer, doch bei ihm wirkt es federleicht. Dass Kappel nicht hundertprozentig der Norm entspricht, gerät da ganz in Vergessenheit: Der Athlet ist 1,40 Meter groß, im vergangenen Monat hat er bei den Paralympics in Rio die Goldmedaille im Kugelstoßen, Startklasse F41, geholt.

In seiner Heimatstadt Welzheim haben sie ihm bei seiner Rückkehr einen rauschenden Empfang bereitet, inzwischen hat der Trainingsalltag den 21-Jährigen wieder. Mindestens fünf Mal pro Woche kommt er in das Olympiazentrum neben der Mercedes-Benz-Arena. Dort macht er Kraftsport, Ausdauerübungen, rennt – und schleudert die Kugel in den Vorhang. Seine Weite erfährt Kappel so zwar nicht. „Aber ich muss nicht jedes Mal die Kugel holen gehen“, sagt der Sportler grinsend. Und, viel wichtiger: „Man kann sich dadurch besser auf die Technik konzentrieren. Denn die ist das A und O.“ Sein Körper muss natürlich auch in Form sein. Auch wenn seine durchtrainierten Oberarme und breiten Schultern etwas anderes vermuten lassen: „Die Wurfenergie kommt vor allem aus den Beinen.“

Der Trainingspartner ist 2,03 Meter groß

Im Jahr 2008 hat Kappel mit der Leichtathletik angefangen. Vorher hatte er auch Fußball gespielt, aber Kugelstoßen und Speerwurf lagen ihm einfach mehr. „Ich bin auch kein Läufertyp, spätestens nach der dritten Runde bin ich kaputt“, berichtet er. Vor zwei Jahren war dann ein Punkt erreicht, an dem er weder mit der Kugel noch mit dem Speer so richtig weiterkam. Dann wagte er den Sprung zum hauptberuflichen Trainer Peter Salzer vom Landessportverband. „Das war ein Mega-Schritt für mich“, sagt Kappel. Seine Behinderung sei gar kein Problem gewesen: „Wir haben nicht ein Mal über Inklusion geredet, sondern einfach gemacht.“ Sein Trainingspartner Tobias Dahm ist übrigens 2,03 Meter groß.

Wirklich „behindert“ fühlt sich Kappel nicht: „Jeder hat doch irgendwo Vor- oder Nachteile. Ich hole mir halt öfter einen Hocker als andere“, sagt er und lacht. Sein Zuhause sei nicht umgebaut, und beim Autofahren helfe ein Rüstsatz, der die Pedale verlängert. Überhaupt hat man kaum das Gefühl, dass Kappel kürzer tritt als andere Menschen. Ganz im Gegenteil: Zum Training kommt der 21-Jährige heute im Anzug – ihm ist davor noch ein beruflicher Termin dazwischen gekommen. Er arbeitet in Teilzeit als Firmenkundenberater bei der Volksbank in seiner Heimatstadt Welzheim. Ferner sitzt er dort für die CDU im Gemeinderat, und bis vor zwei Jahren spielte er noch Schlagzeug. Das hat er allerdings aufgegeben – die Zeit fehlt einfach.

Bis vor kurzem hatte Niko Kappel die Teilnahme an den Paralympics in Rio als großes Ziel auf seiner Homepage angegeben – das kann er getrost abhaken. Anfang September ging es für ihn nach Brasilien. Von der Eröffnungsfeier der Paralympics hat Kappel aber nichts mitbekommen: „Ich war ja gleich am nächsten Tag mit dem Wettkampf dran“, erzählt er. Schlafen konnte der 21-Jährige vor Aufregung aber auch ohne die große Party nicht.

Der Langzeitkonkurrent war „ganz schön angefressen“

Freunde haben Kappel den Namen „Bonsai“ verpasst, „weil ich ein kleiner Mann bin und für einen kleinen Mann so viel Kraft habe“, sagt Kappel. So viel Kraft, dass er seit dem vergangenen Jahr den deutschen Rekord mit der Vier-Kilogramm-Kugel hält. Und so viel Kraft, dass es in Rio für eine Goldmedaille reichte. Ein Zentimeter brachte ihm den Sieg – um diese Weite zog er beim Wettkampf am Favoriten vorbei, dem Welt- und Europameister Bartosz Tyszkowski aus Polen. „Ich verstehe mich eigentlich sehr gut mit ihm, aber da war er ganz schön angefressen“, erzählt Kappel und grinst.

Mit 13,57 Metern, dem paralympischen Rekord, übertraf Kappel seine bisherige persönliche Bestleistung um 34 Zentimeter. Zum Weltrekord in seiner Klasse – den momentan der Paralympics-Zweite Tyszkowski hält – fehlten gerade einmal sieben Zentimeter, acht Zentimeter, um einen neuen aufzustellen.

Kappel folgt einem strikten Trainingsplan. Seit Rio hat er auch einen PR-Berater. „Er kümmert sich zum Beispiel darum, wie ich zu Terminen nach Berlin oder Hamburg komme.“ Die Situation sei neu für ihn: Selbst in den Metropolen weit weg von Welzheim erkennen ihn inzwischen Leute auf der Straße. Ihm macht das nichts aus: „Ist doch toll, dass die Paralympics so eine Reichweite haben.“ Doch vor lauter Interviews und neben der Suche nach einem persönlichen Hauptsponsor darf er natürlich den Sport nicht aus den Augen verlieren. Der Weltrekord scheint jetzt zum Greifen nahe – aber zunächst steht eine andere Herausforderung an: Im nächsten Jahr finden die Weltmeisterschaften in London statt. Niko Kappel wird dabei sein und ist sich sicher: Auch seine Gegner schlafen bis dahin nicht, sondern trainieren hart.




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