Paralympics in Cortina Nach Schlaganfall: Kathrin Marchands Neuanfang in der Loipe

Marchand beim Olympia-Training in Schwarzwald Foto: Rémy Vroonen

Als Ruderin war Kathrin Marchand bereits Weltklasse. Dann überlebte sie mit viel Glück einen Schlaganfall. Jetzt startet sie im Ski-Langlauf bei den Paralympics in Cortina.

Neben der Loipe am Notschrei, einem Langlaufzentrum im Schwarzwald, zieht Kathrin Marchand ihre Skier aus. Eine Naht im neuen Carbonschuh drückt. Sie beugt sich hinunter, da setzt sich ein Ski in Bewegung. Erst langsam, dann immer schneller gleitet er den Hang hinunter. Marchand schaut ihm einen Moment hinterher, flucht leise und rennt los. Als sie zurückkommt, Ski unterm Arm, ruft ihr Trainer: „Das üben wir noch mal!“ Beide lachen.

 

Die Szene spielt im Dezember des vergangenen Jahres. Kathrin Marchand will zu den Paralympics, dabei steht sie erst seit wenigen Monaten auf Skiern. Eigentlich ist sie Ruderin, eine sehr erfolgreiche: U23-Weltmeisterin, Vize-Europameisterin, Olympiateilnehmerin in London und Rio – eine Bilderbuchkarriere, die sie 2016 beendete. Der Leistungssport war eigentlich abgeschlossen, das Leben danach geordnet. Sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit als Ärztin in einer Notaufnahme, holte Treffen mit Freunden und Familie nach.

Überlebenschance: fünf Prozent

Dann kam der 1. September 2021. Während eines Online-Spinningkurses verschwamm das Handy-Display, sie sah nicht mehr richtig. Als Ärztin wusste Marchand sofort, was diese Symptome bedeuten können. Und doch suchte sie nach harmlosen Erklärungen: Unterzucker, zu wenig Schlaf, Übertraining. Fast eine Stunde wartete sie, ehe sie den Notarzt rief. Die Diagnose: Thrombose in der Nackenarterie, Schlaganfall. Überlebenschance: fünf Prozent.

Zu ihrem Glück wanderte der Thrombus nicht Richtung Herz und Lunge. Sie überlebte. Doch seitdem sieht sie ein Drittel weniger, das Gespür in ihrer linken Körperhälfte ist eingeschränkt. Ein Körper, der jahrelang präzise reagierte, ist unzuverlässig geworden. Anfangs konnte sie sich die Hose nicht mehr selbst anziehen, verlief sich in ihrer eigenen Wohnung, verlor in der Reha beim Rummikub-Spiel gegen 80-Jährige.

Anstatt sich zurückzuziehen, wählte Marchand den Angriff. Sie kehrte als Para-Sportlerin zurück ins Ruderboot, wurde Dritte bei der Europameisterschaft und qualifizierte sich für die Paralympischen Sommerspiele in Paris, wo ihr nur ein Wimpernschlag zur Bronzemedaille fehlte.

Und nun also schon wieder ein Neuanfang. Im Schnee. Möglich wird dieser dritte Anlauf durch ein bundesweit einzigartiges Experiment: das „Exzellenzcluster Ausdauer“ am Olympiastützpunkt Freiburg. Dort werden Para-Spitzensportler darin unterstützt, eine zweite Disziplin aufzubauen – oft ist es eine Winter- neben einer Sommersportart. Für Marchand heißt das: Rudern im Sommer, Skilanglauf im Winter.

Kurz vor vier Uhr nachmittags, der Schwarzwald liegt bereits im grauen Dezemberlicht. Marchand ist früh am Morgen zu Hause in Köln in den Zug gestiegen und drei Stunden nach Freiburg gefahren, weiter nach Kirchzarten und von dort aus mit ihrem Trainer im Auto zum Notschrei.

Mit neuen, bequemeren Schuhen steigt sie wieder in die Bindung. Die Stöcke stechen rhythmisch in den Schnee, ihr Körper dampft im schwarzen Trainingsanzug. In der blauen Brille spiegeln sich die schneeschweren Fichten.

Ein paar Meter voraus läuft Trainer Uli Zipfel, roter Anzug, rote Mütze, eine Erscheinung wie aus einem Skifilm der 80er Jahre. „Schwerpunkt drüber! Rein in die Spur!“, ruft er und führt sie um eine Kurve in den Wald hinein. Ohne ihn, sagt sie später, würde sie sich wahrscheinlich verlaufen. Beim Wettkampf muss sie aber alleine laufen.

Zum Wintersport kam Kathrin Marchand zufällig. Bei den Sommerspielen in Paris sprach sie im Deutschen Haus der Sportpsychologe Rainer Kiefer an. Er baute am Olympiastützpunkt Freiburg gerade das „Exzellenzcluster Ausdauer“ auf und hatte Marchand bereits im Blick. Seine Idee: neben dem Rudern ein zweites sportliches Standbein im Skilanglauf. Die Vorteile, sagte Kiefer, seien vielfältig. Abwechslungsreicheres Training, neue Trainer und Trainingsgruppen, zusätzliche Erfolgschancen – und damit auch bessere finanzielle Perspektiven. Vor allem aber steigere die Ausdauerarbeit im Schnee die körperliche Leistungsfähigkeit insgesamt und komme so auch der Hauptsportart zugute. 26 Athletinnen und Athleten sind inzwischen dabei.

Die ersten Rollerskier-Runden um den Fühlinger See

Marchand war zunächst skeptisch. Sie trauerte noch der verpassten Bronzemedaille hinterher. Außerdem war sie zuletzt als Teenager auf Ski gestanden. Doch ein paar Tage später sagte sie Kiefer zu. Wenn sie schon im Rudern ohne Medaille heimfahren musste, dachte sie sich, dann kann sie das auch im Langlauf.

Schließlich drehte sie auf der Straße um den Fühlinger See, auf dem sie immer fürs Rudern trainiert, ihre ersten Rollerskier-Runden. Ein Video zeigt wacklige Bewegungen, das linke Bein arbeitet kaum mit. „Das war wirklich eine Katastrophe“, sagt Kathrin Marchand. Und blieb trotzdem dran.

Ende November 2024 stand sie im norwegischen Lillehammer erstmals seit Jahren wieder auf Skiern. Der Internationale Skiverband klassifizierte sie für den Para-Langlauf. Ein Arzt und ein Trainer prüften Schnelligkeit und Koordination, sie sollte rückwärts laufen und auf einem Bein stehen. „Seit wann machst du Langlauf?“, wurde sie gefragt. „Ab morgen“, antwortete sie. Kathrin Marchand wurde schließlich der Startklasse LW9 zugeordnet – einseitig vollständig eingeschränkt.

Am Notschrei schießt sie eine Abfahrt aus dem Wald hinunter, stößt sich unten kraftvoll ab und arbeitet sich mit schnellen Doppelstößen den Anstieg hinauf. Zack, zack, zack – oben angekommen. Genau das trainieren sie heute: explodieren am Berg.

In der vierten Runde bleibt sie stehen. Gemeinsam mit Uli Zipfel schaut sie die Videoaufnahme an, die er am Hang gemacht hat. „Mit den Armen sieht es deutlich besser aus“, sagt er. „Jetzt noch etwas mehr Schwung in die Beine.“ Kathrin Marchand nickt. „Das linke Bein ist etwas steif. Es bewegt sich nicht so, wie ich mag.“

Sie erinnert sich noch an das erste Training mit Uli Zipfel im Schnee: Balance, Gleitphase, Einbeinstand – nichts wirkte selbstverständlich, vor allem bergab fehlte Sicherheit. Durch ihre Wahrnehmungsstörung verschwanden Abzweigungen aus dem Blickfeld, mit wachsender Müdigkeit ließ auch die Konzentration nach. Doch ihre enorme Ausdauer aus dem Rudersport fiel sofort auf: der starke Oberkörper, der kraftvolle Doppelstock, Rhythmusgefühl und Trainingsdisziplin. „Sie bringt wahnsinnig viel mit“, sagt Zipfel.

Ihr erster Sprint: schneller als erwartet

Im Januar des vergangenen Jahres durfte sie ins Trainingslager der Nationalmannschaft – eigentlich undenkbar ohne echte Ski-Erfahrung. Aber dank des Exzellenzclusters, das die Umschulung auch finanziert, machte der Bundestrainer eine Ausnahme. Allerdings unter klaren Bedingungen: Im Sprint durfte ihr Rückstand höchstens 20 Prozent auf eine erfahrene Läuferin betragen. Kathrin Marchand war sogar schneller als sie.

Es folgten die ersten Weltcuprennen in Val di Fiemme und Toblach. Bei der Sprint-WM in Trondheim lag sie im Halbfinale auf Rang zwei, übersah in der Abfahrt die Spur, stürzte kurz vor dem Ziel, wurde Fünfte. „Ich war überrascht, wie gut ich schon mithalten konnte“, sagte sie später.

Der sportliche Neustart bedeutete auch beruflich einen Einschnitt. Eine zugesagte Hausarztstelle sagte sie wieder ab und arbeitete stattdessen auf Honorarbasis im Bereitschaftsdienst einer Kölner Privatklinik, fünf bis sieben Tage im Monat. An den anderen Tagen trainiert sie. Finanziell ist das riskant. „Wenn ich mich verletze und nicht arbeiten kann, habe ich ein Problem“, sagt sie. Warum also tut sie sich das an? Die Antwort führt zurück zum Schlaganfall. „Ich hatte verdammt Glück, dass ich überhaupt noch lebe“, sagt Marchand. „Manche Dinge muss man einfach machen, wenn man sie machen will.“ Und gerade habe sie einfach Lust auf Wintersport.

Ganz ohne Zweifel geht es nicht. Das viele Unterwegssein, neue Trainingsumfelder, ungewohnte Reize – all das fordert sie. Dann aber stelle sie sich eine einfache Frage: Was wäre die Alternative? Mehr arbeiten, mehr verdienen – aber nicht glücklicher sein. „Unterm Strich bin ich mir ziemlich sicher, dass es der richtige Weg ist.“ Über ihre Erfahrungen spricht sie auch in Vorträgen mit dem Titel „Wie das Nutella-Brot auf der richtigen Seite landet“. Es geht um Resilienz. Darum, aus Rückschlägen etwas Neues entstehen zu lassen.

“Auch Para-Sport ist Hochleistungssport“

Auch in sozialen Medien positioniert sie sich bewusst. Immer wieder muss sie dort herabwürdigende Kommentare über sich lesen. Zum Beispiel, dass sie gar nicht behindert aussehe. Oder dass Para-Sport ja nicht so schwer sein könne, wenn sie so schnell Erfolge erziele. Sie schreibt dagegen an, betont, dass auch Para-Sport Hochleistungssport sei. Dass sie 15 Stunden pro Woche trainiere – schon seit Jahrzehnten. Und dass viele Einschränkungen eben einfach unsichtbar seien. Aufklärung und Sichtbarkeit sind ihr wichtig.

Am Notschrei wird es dunkel, das Flutlicht geht an. Kathrin Marchand läuft noch eine Runde aus und gleitet dann langsam zurück zum Parkplatz im Wald. Am Auto sagt sie: „Letztes Jahr habe ich noch viel mit Gewalt gemacht.“ Inzwischen gehe es um Feinheiten. Sie erinnert sich noch, als ihr der Bundestrainer sagte: „So langsam sieht es aus wie Skilanglaufen.“ Ein großes Kompliment. Da waren es noch drei Monate bis zu den Paralympischen Spielen. Kathrin Marchand musste schnell lernen. Sie wollte unbedingt hin.

Für die Nominierung musste sie bei einem Weltcup die Norm erfüllen: maximal fünf Prozent Rückstand auf die Drittplatzierte. Gleich im ersten Anlauf gelang es ihr. Im vergangenen Monat kam dann die Nachricht: Sie darf mit nach Cortina.

Ihr Traum wird nun wahr. Nur 14 Monate nach ihren ersten Schritten auf Langlaufskiern fährt sie zu den Paralympischen Winterspielen. Sie wird in drei Disziplinen antreten: An diesem Dienstag startet sie im Sprint: Um 9.45 Uhr ist Qualifikation, um 12.15 Uhr das Hauptrennen. Außerdem stehen noch die zehn Kilometer Klassisch und die 20 Kilometer Skating für sie an.

Allein ihr Start hat bereits eine historische Dimension. Die 35-Jährige ist die erste Athletin der Welt, die bei Olympischen Sommerspielen sowie bei Paralympischen Sommer- und Winterspielen startet. Ein Dreifach-Statement.

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