Paralympics-Sieger Vertrauen als Basis – warum das Duo Linn Kazmaier und Florian Baumann so gut funktioniert

Linn Kazmaier (li.) und Florian Baumann bei den Winterspielen in Peking Foto: imago/Hu Chao

Bei den Paralympics 2022 überraschte die erst 15-jährige Linn Kazmaier alle Experten und sich selbst. Wie ist es der sehbehinderten Wintersportlerin seitdem ergangen? Und welche Rolle spielt ihr Guide Florian Baumann?

Sport: Dirk Preiß (dip)

Wintersportler, so heißt es ja immer, werden im Sommer gemacht. Soll bedeuten: Wer sich in den Sommermonaten ordentlich schindet, wird in der kalten Jahreszeit mit Erfolgen belohnt. Aber: Auch andersherum wird ein Schuh draus. Zum Beispiel bei Linn Kazmaier und Florian Baumann.

 

Das Duo sorgte im Winter 2022 bei den Paralympics für Aufsehen. Die damals erst 15-jährige Linn Kazmaier als sehbehinderte Biathletin und Langläuferin und der 21-jährige Student als ihr Guide, also als derjenige, der seiner sportlichen Partnerin in der Loipe Orientierung gibt. Einmal Gold, dreimal Silber, einmal Bronze – so lautete die Wahnsinnsbilanz der beiden in Peking. Und das hatte Folgen für das restliche Jahr. Ziemlich angenehme.

Es kamen Medienanfragen, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Es flatterten reihenweise Einladungen ins Haus. Ende Mai waren die beiden beim Bundespräsidenten zu Gast und erhielten von Frank-Walter Steinmeier das Silberne Lorbeerblatt. Linn Kazmaier wird zu Hause in Oberlenningen mittlerweile auf der Straße erkannt – und seit Herbst darf sie sich Para-Nachwuchssportlerin des Jahres nennen. Selbst in der Kategorie der Erwachsenen kam die mittlerweile 16-Jährige auf Rang zwei.

Fluch und Segen der vielen Ehrungen

„Das alles war total ungewohnt“, sagt die Schülerin. „Nach Peking war erst einmal viel Trubel hier in Deutschland“, ergänzt Florian Baumann, der aus Beuren stammt. Und beide wussten schnell: Das kann auch gefährlich werden. „Es war auf der einen Seite schön, aber eben auch anstrengend“, sagt Linn Kazmaier – weshalb sich das Duo schnell auch wieder auf die Trainingsarbeit konzentrierte.

Die Rolle des schwäbischen Duos hat sich ja auch verändert, aus den Außenseitern sind stete Sieganwärter geworden. Und auch wenn die meist starke Konkurrenz aus Russland und Belarus nach wie vor nicht an Wettkämpfen teilnehmen darf, mangelt es nicht an Gegnerinnen und Gegnern. Wie man da besteht? Indem man möglichst wenig an der bisher so erfolgreichen Herangehensweise verändert.

Linn Kazmaier und Florian Baumann beschäftigen sich jedenfalls auch jetzt nicht mit möglicherweise riesigen Erwartungen. Es zählt die Entwicklung der eigenen Leistung – und die Fähigkeit, das Erarbeitete in den wichtigen Momenten abrufen zu können. Beim Weltcup-Auftakt hat das geklappt, das Duo feierte schon wieder drei erste Plätze. Ab dem 21. Januar geht es im schwedischen Östersund dann um WM-Titel. „Es wäre schön“, sagt Linn Kazmaier, „mit ein paar Medaillen nach Hause zu kommen.“

Was dafür notwendig ist neben den meist acht Trainingseinheiten pro Woche? Ein immenses Vertrauen zwischen der sehbehinderten Sportlerin und ihrem Guide. „Das hatten wir sehr schnell zueinander“, erinnert sich Linn Kazmaier und betont: „Es ist wichtig, dass man das Gefühl hat, dass der Guide alles unter Kontrolle hat.“ Die 15-Jährige leidet von Geburt an an einer Zapfendystrophie und einem Nystagmus, was bedeutet, dass sie nur verschwommene, wackelige Bilder sehen kann. Als sie den Ausdauersport in der Loipe im Leistungsbereich für sich entdeckt, ist klar, dass sie einen Guide benötigt, der vorneweg läuft und ihr Ansagen zum Strecken- und Rennverlauf macht.

Eine zweite Karriere im Leistungssport

Mit Florian Baumann ist sie entfernt verwandt, beide kannten sich, wussten von den sportlichen Ambitionen. Doch der heutige Guide hatte gerade beschlossen gehabt, den Leistungssport sein zu lassen. Er trainierte als Biathlet am Skiinternat in Furtwangen: Als die Entscheidung anstand, noch mehr für eine Karriere als Profi zu investieren, entschied er sich im Frühjahr 2020 gegen den Leistungssport. „Über den Sommer habe ich Abstand gewonnen“, erinnert er sich. Doch dann „fehlte irgendwas“ – und die Anfrage von Linn Kazmaier kam gerade richtig. Im Oktober 2020 absolvierten sie eine erste gemeinsame Trainingseinheit.

Viele sind seitdem hinzugekommen. Beide wohnen mittlerweile in Freiburg im Sportinternat. Linn Kazmaier als Schülerin in einer WG mit sieben anderen Sportlerinnen, Florian Baumann als Student. „Alles, was den Sport betrifft, machen wir gemeinsam“, sagt Baumann – mit einer Ausnahme.

Ambitionen in der Leichtathletik

Linn Kazmaier nämlich ist nicht nur in der Loipe ambitioniert unterwegs, sondern auch auf der Tartanbahn. Über 1500 Meter ist sie zwar noch nicht so stark wie im Biathlon oder Langlauf, ein Paralympics-Start auch in der Leichtathletik ist dennoch ein Ziel der ehrgeizigen Teenagerin. Florian Baumann ist hierbei lediglich Trainings-, nicht aber Wettkampfpartner.

In der Leichtathletik wird Linn Kazmaiers Beeinträchtigung anders eingeschätzt als im Wintersport, ein Guide wird ihr hier nicht zugestanden – was eine zusätzliche Herausforderung ist. „Ich sehe, wo die Bahn endet und der Rasen beginnt und ob jemand vor mir läuft“, sagt Linn Kazmaier, „den Abstand oder den Rennverlauf kann ich aber nur schwer einschätzen. Und die angezeigten Zwischenzeiten erkenne ich auch nicht.“ Dennoch: Die Lust am Ausdauersport ist auch im Sommer groß. Dann also, wenn Wintersportler gemacht werden.

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