Glücksgefühle in Paris: Para-Radsportlerin Maike Hausberger Foto: Imago//Oliver Kremer
Die halbseitig gelähmte Maike Hausberger gewann bei den Paralympics in Paris Gold. Das Ziel der Radsportlerin, die in Stuttgart lebt und trainiert, sind nun die Spiele 2028 in Los Angeles. Fraglich ist allerdings, wie lange sie sich ihre Karriere noch leisten kann.
Wer sich mit Maike Hausberger auf eine Tasse Cappuccino trifft, muss vor allem eines mitbringen: Zeit. Denn die Para-Sportlerin erzählt nicht nur gerne, sie hat auch viel zu erzählen. Über eine beeindruckende Karriere. Über spezielle Erfahrungen. Über ein besonderes Leben. Aus ihr spricht dabei nicht nur die erfolgreiche, ehrgeizige und empathische Athletin. Sondern stets auch die Frau, die trotz aller Widrigkeiten nie ihre positive Einstellung verloren hat. „Ich kann alles“, sagt sie, „nur eben anders.“
Maike Hausberger (29), die in Trier zu Hause ist, seit April am Olympiastützpunkt in Stuttgart trainiert und im Oktober nach Untertürkheim zog, kam mit einer halbseitigen Lähmung zur Welt. Die Ursache ist nicht restlos geklärt, wahrscheinlich erlitt sie im Mutterleib einen Schlaganfall. Sie kann ihre linke Hand kaum nutzen, hat Probleme mit dem Gleichgewichtssinn, und es fällt ihr schwer, auf der linken Seite ihres Körpers, auf der ihre Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, Muskulatur aufzubauen. Schuhe binden, ein Brot schmieren, ein Fahrrad lenken – nichts ist selbstverständlich. Und doch kein Grund zu hadern. Im Gegenteil. „Meine Behinderung wurde mir geschenkt“, sagt Maike Hausberger, die gläubige Christin, die drei ältere Geschwister hat und im Untertürkheimer Posaunenchor ein auf die rechte Hand angepasstes Waldhorn spielt, „ich weiß nicht, wo ich heute wäre, wenn ich nicht vom ersten Tag an hätte kämpfen müssen.“
Wille. Durchhaltevermögen. Energie. Das sind die Eigenschaften, die Maike Hausberger im Alltag benötigt. Und die sie als Sportlerin seit Jahren antreiben. Ihren größten Erfolg feierte sie im September – in Paris.
Paris setzt gleich doppelt Maßstäbe
Die Olympischen Spiele in der französischen Hauptstadt werden unvergessen bleiben. Atmosphäre, Ticketverkauf, Sportstätten – Paris 2024 setzte Maßstäbe. Ähnliches lässt sich über die Paralympics sagen, die für die Organisatoren einen ebenso hohen Stellenwert hatten. „Paris“, erklärt Maike Hausberger, „war ein einziges Fest.“ Bei dem es auch für sie ganz Besonderes zu feiern gab.
Auf dem Weg zu Gold: Maike Hausberger Foto: Imago//Oliver Kremer
Schon die Nominierung war emotional. Und weckte Erinnerungen. 2021 vor den Corona-Spielen in Tokio gab es aufgrund der Vorgaben des Radsport-Weltverbandes UCI im Team D nur noch einen freien Platz, die Entscheidung fiel gegen Maike Hausberger. „Ich bin mir sicher, dass ich eine Medaille geholt hätte“, sagt sie. Kein Wunder, dass sie nach der Ausbootung in ein Loch fiel, frustriert war, gar ans Aufhören dachte. „Ich bin damals schon dreimalige Weltmeisterin gewesen. Da kam natürlich der Gedanke auf, dass ich selbst ja gar nicht mehr dafür tun kann, um es es zu den Paralympics zu schaffen. Das war ein echter Tiefpunkt.“ Nach dem es eine Weile dauerte, bis ihr Kampfgeist die Oberhand behielt. „Am Ende“, erklärt Hausberger, „hat meine Leidenschaft für den Sport gesiegt.“ Auf ganzer Linie.
Weltrekord um 20 Sekunden verbessert
Denn vor Paris gab es eine ähnliche Situation: fünf starke Radfahrerinnen, nur zwei freie Startplätze. Diesmal erhielt Maike Hausberger ein Ticket, weil sie als Einzige auf der Bahn und der Straße Chancen auf einen Podestplatz hatte. Und sie rechtfertigte das Vertrauen. Im Velodrom Saint-Quentin-en-Yvelines verbesserte Hausberger in der Qualifikation der 3000-Meter-Einzelverfolgung den Weltrekord in ihrer Klasse um 20 (!) Sekunden. Das hatte damit zu tun, dass sie zuvor dank harter Arbeit einen Weg gefunden hatte, trotz ihrer Einschränkung mit der linken Hand einen Zeitfahrlenker nutzen und so wesentlich aerodynamischer unterwegs sein zu können. Aber auch mit ihrer guten Form. Letztlich hielt die Bestzeit zwar nicht lange und es reichte, weil bei den Paralympics mehrere Wettkampfklassen zusammengefasst werden, auch „nur“ zu Rang vier – die Zuversicht aber war groß. Und das völlig zu Recht.
Im 500-Meter-Zeitfahren, in dem Maike Hausberger aufgrund der fehlenden Griffkraft beim Start Nachteile hat, steigerte sie ihre Bestzeit um mehr als zwei Sekunden und erfüllte sich ihren Traum von einer Paralympics-Medaille. Sie holte Bronze, die Freude war riesig. „Ich habe nur noch Stolz und Erleichterung gefühlt. Meine Familie ist vor Ort gewesen. Es war überwältigend, eine Erlösung.“ Aber noch nicht das Ende.
Am wichtigsten war, keinen Defekt zu erleiden
Drei Tage später stand das 14,1 Kilometer lange Zeitfahren auf der Straße an. Die größte Sorge von Maike Hausberger galt ihrem Rad. Sie fuhr das älteste Modell aller Starterinnen mit Felgenbremsen, es durfte nichts passieren – denn es gab keine passenden Ersatzlaufräder auf dem Materialwagen. Maike Hausberger kam ohne Defekt durch und gewann mit 15 Sekunden Vorsprung Gold. „Meine Tränen hätten für eine kleine Flutwelle gereicht“, sagt sie, „es war ein unglaubliches Gefühl – auch weil ein bisschen Wehmut dabei war. Ich wusste, dass ich so etwas Emotionales wahrscheinlich nie wieder erleben werde.“ Was nicht heißt, dass es keine sportlichen Ziele mehr geben würde.
Im Hinterkopf hat Maike Hausberger, die schon 2012 in London und 2016 in Rio als 400-Meter-Läuferin und Weitspringerin dabei war, ehe sie wegen einer Fußgelenksverletzung umsatteln musste und zu einer der besten Radsportlerinnen der Welt wurde, ihre vierte Paralympics-Teilnahme in Los Angeles. Sportlich, daran gibt es keine Zweifel, verfügt sie über genügend Potenzial. Eine Frage gibt es dennoch: „Kann ich es mir leisten, meine Karriere bis 2028 fortzusetzen?“
Hausberger: „Deutschland ist Sport-Entwicklungsland“
Derzeit lebt und trainiert Maike Hausberger, die an der Fernuniversität Soziale Arbeit studiert, dank der Sporthilfe unter Profibedingungen, die Prämie für die Goldmedaille in Höhe von 20 000 Euro bekommt sie zusätzlich in zwölf Monatsraten ausgezahlt. Das Problem: Sicherheit bietet diese Unterstützung nicht. Eine verpasste Nominierung, eine Verletzung, eine Krankheit – und sie steht vor dem Nichts. Zudem bräuchte sie dringend ein technisch hochwertiges Zeitfahrrad, das sie selbst bezahlen müsste. „Deutschland ist, was den Hochleistungssport angeht, ein Entwicklungsland“, sagt Maike Hausberger, „ich bin mir sicher, dass viele Athletinnen und Athleten noch leistungsfähiger und erfolgreicher sein könnten, wenn der Kopf frei von Existenzängsten wäre.“
Für sie selbst, da ist sie sich ganz sicher, gilt dieser Satz auf jeden Fall. Stattdessen muss die Para-Radsportlerin wie schon bisher versuchen, ihren eigenen Weg zu gehen. „Ich habe das Glück, eine Veranlagung zu besitzen“, sagt Maike Hausberger, „wenn ich etwas unbedingt schaffen will, dann bleibe ich so lange dran, bis ich es geschafft habe.“