Paralympics-Siegerin im Radsport Wie lange kann sich Maike Hausberger den Leistungssport noch leisten?

Auf dem Rad läuft es: Para-Athletin Maike Hausberger. Foto: Imago/Beautiful Sports

Bei der Para-WM gehört Maike Hausberger, die in Untertürkheim lebt, zu den Favoritinnen. Danach muss sie ihre Prioritäten neu ordnen – obwohl Los Angeles 2028 ein großes Ziel ist.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Sportlich ist Maike Hausberger auf der sicheren Seite, denn sie hat die Paralympischen Spiele 2024 in Paris erlebt. Das Flair, die Zuschauerresonanz, die Organisation – sie weiß: dies alles war einmalig. Zudem gewann die Radsportlerin in der französischen Hauptstadt auch noch Gold im Zeitfahren auf der Straße. Die Tränen, die danach flossen, hätten „für eine kleine Flutwelle gereicht“, sagt sie. Aus Freude über den Triumph. Aber auch, weil ihr schon damals klar war, dass sie etwas so Emotionales nicht noch einmal wird genießen dürfen. Oder anders ausgedrückt: „Ich habe in meiner Karriere alles erreicht. Was jetzt noch kommt, ist Zugabe.“ Zum Beispiel die Straßen-WM in Ronse.

 

In dem Städtchen in der belgischen Provinz Ostflandern wird Maike Hausberger (30), die seit einem knappen Jahr in Untertürkheim wohnt, zweimal starten. An diesem Freitag im Zeitfahren, am Sonntag dann im Straßenrennen. Ihre Form ist zwar nicht ganz so gut wie vor den Paralympics, aber immer noch gut genug, um zu den Favoritinnen zu gehören. „Zuletzt rollte es im Training, ein Podiumsplatz wäre schön“, sagt die fünfmalige Straßen-Weltmeisterin, die auch auf der Bahn zu den Weltbesten gehört, „aber ich mache mir keinen Druck. Ich wäre zufrieden, wenn es mir gelingt, alles aus mir herauszuholen. Und dann muss ich sehen, zu was es reicht.“

Die linke Hand kann sie kaum nutzen

Maike Hausberger, die aus Trier stammt und seit April 2024 am Olympiastützpunkt in Stuttgart trainiert, kam mit einer halbseitigen Lähmung zur Welt. Die Ursache ist nicht restlos geklärt, wahrscheinlich erlitt sie im Mutterleib einen Schlaganfall. Sie kann ihre linke Hand kaum nutzen, hat Probleme mit dem Gleichgewichtssinn, und es fällt ihr schwer, auf der linken Seite ihres Körpers, auf der ihre Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, Muskulatur aufzubauen. Schuhe binden, ein Brot schmieren, ein Fahrrad lenken – nichts ist selbstverständlich. Umso mehr zählt es, sportliche Ziele zu verwirklichen.

Maike Hausberger nach ihrem Paralympics-Sieg in Paris. Foto: Imago/Beautiful Sports

Maike Hausberger begann als Leichtathletin, bei den Paralympics 2012 in London und 2016 in Rio startete sie als 400-Meter-Läuferin und Weitspringerin, ehe sie wegen einer Fußgelenksverletzung umsatteln musste und zu einer der besten Radsportlerinnen der Welt wurde – die nun in einem Alter ist, in dem sie viel nachdenkt. Über ihre Karriere. Ihre Ausbildung. Ihre Perspektiven. Und über den Stellenwert des Sports in Deutschland.

Das Material aus eigener Tasche finanziert

Um zu verdeutlichen, wie schwierig die Lage für Para-Leistungssportler sein kann, muss man sich nur das Material von Maike Hausberger anschauen. Im Zeitfahren von Paris saß sie auf dem ältesten Modell im Teilnehmerfeld (mit Felgenbremsen), und es durfte nichts passieren, denn es gab keine passenden Ersatzlaufräder auf dem Materialwagen. Mittlerweile verfügt sie – auch dank einiger Unterstützer, darunter der frühere Gerolsteiner-Profi und Tour-de-France-Starter Ronny Scholz – über ein neues, eigenes, sehr schnelles Zeitfahrrad, zu dem sie aber trotz der Hilfe immer noch einen fünfstelligen Betrag aus eigener Tasche beisteuern musste. „Deutschland ist, was den Hochleistungssport angeht, ein Entwicklungsland“, sagt Maike Hausberger, „was ich dem Sport gebe, steht in keinem Verhältnis zu dem, was ich rausziehe.“ Weshalb sich die Frage stellt, wie lange sie sich das alles noch leisten will. Und kann.

 Maike Hausberger studiert an einer Fernuniversität Soziale Arbeit, zuletzt erhielt sie, weil sie nun 30 Jahre alt ist, von ihrer Krankenversicherung die Nachricht, dass der Studenten-Tarif für sie nicht mehr gelte und sie sich fortan freiwillig versichern müsse. „Der enorme Aufwand für den Leistungssport, die Erfolge, die Behinderung, die es nicht einfacher macht, all das wird nicht miteinberechnet“, sagt Maike Hausberger, „mehr Respektlosigkeit kann man nicht zeigen.“ Weshalb ihr wohl nichts anderes übrig bleiben wird, als ihre Prioritäten zu verschieben.

Natürlich ist es für die Radsportlerin ein reizvolles Ziel, 2028 in Los Angeles dabei zu sein. Es wären ihren vierten Paralympics. Und doch ist Kalifornien weit weg, vor allem mit Blick auf ihre berufliche Zukunft. „Auf diese muss ich jetzt meinen Fokus richten“, sagt Maike Hausberger, „ich brauche eine fundierte Ausbildung, die ich vor Los Angeles 2028 abgeschlossen haben will. So wie es derzeit läuft, ist mir alles zu unsicher – die finanzielle und mentale Belastung ist einfach zu groß.“

Was nicht heißt, dass sie die Paralympics in drei Jahren jetzt schon abschreibt. Aber beim Leistungssport, das scheint klar zu sein, muss Maike Hausberger Abstriche machen. Nach der WM in Ronse.

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