Parasit im Landkreis Göppingen Warum Zecken trotz der Gefahren nützlich sind

  Foto: dpa/Robert Günther

Zecken machen vielen Menschen Angst, der Förster Gottfried Schön sieht in ihnen mehr als ein Risiko. Tierärzte wissen, wie auch Hunde und Katzen gesund bleiben.

Zeckenpanik! Menschen aus dem Süden leben in immer mehr Risikogebieten und schlittern in ein Rekord-Zecken-Jahr nach dem anderen. Umso gelassener reagiert der Geislinger Revierförster Gottfried Schön. Aus Berufsgründen ist er bestens mit den Ektoparasiten vertraut. Wobei er gut wegkommt: 5 bis 20 Zecken habe er pro Jahr, andere Kollegen zählten 200. Sie streifen sie ab im Gras, an Hecken oder Sträuchern, im Garten oder im Wald. „Dass sich Zecken vom Baum fallen lassen, ist Quark“, betont Schön.

 

Für Horrorgeschichten aus dem Netz und Hysterie hat er wenig übrig: „Die Gefahr von Zecken wird hochgekocht.“ Ähnlich unaufgeregt sehen Sabine und Markus Renz die Lage. Ihr eigener Hund sei zwar ein begnadeter Zeckensammler: 20 und mehr Plagegeister gable er manchmal bei einem Spaziergang auf – dieses Jahr sei es besonders schlimm. Auch in ihrer Geislinger Praxis entfernen die Tierärzte immer wieder Zecken von empfindlichen Stellen, etwa dem Kopf eines Tieres, teilweise behandeln sie entzündete Stichstellen. Das Erkrankungsrisiko für Hunde und Katzen halten sie aber für überbewertet.

Mäuse sind die Hauptwirte der Zecken

Dennoch sind Gottfried Schön und das Ehepaar Renz der Meinung, dass sich Mensch wie Tier vor den Parasiten schützen sollten. Gründe für die Warnungen gibt es schließlich. Ob aktuell mehr oder weniger Zecken durch Geislingen krabbeln als gewöhnlich, kann Förster Schön aus eigener Erfahrung nicht beurteilen. Generell sei es so: Wo viele Mäuse hausen, leben viele Zecken. Denn die Nagetiere sind die Hauptwirte der Zecken. An den Mäusen können sich die Blutsauger mit Borreliose oder FSME anstecken – Krankheiten, die sie wiederum an Menschen weitergeben. Borreliose ist eine Krankheit, die Ärzte mit Antibiotika behandeln können. Bis eine infizierte Zecke die Bakterien übertragen kann, muss sie mehrere Stunden am Körper eines Menschen gesaugt haben. Schön sagt: „Als gesunder Mensch merkt man eine Zecke.“ Wenn jemand eine Zecke findet, sollte er sie so schnell wie möglich entfernen.

Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) wird bei drei bis sechs Prozent der Personen, die von einer Zecke gebissen wurden, eine Infektion nachgewiesen. Allerdings zeigt nur ein Bruchteil der Betroffenen Symptome. Noch weniger Menschen erkranken an dem Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSME), der eine Hirnhautentzündung auslösen kann. Wie hoch das Risiko genau ist, lässt sich laut RKI nicht berechnen. Denn nur 0,1 bis 5 Prozent der Zecken in Risikogebieten, wie auch Geislingen, tragen FSME-Viren in sich.

In die Tierarztpraxis kommen selten Hunde mit Borreliose

Das Virus wird direkt nach einem Zeckenstich übertragen, doch dagegen können sich Menschen impfen lassen. Laut dem Gesundheitsamt des Landkreises Göppingen gab es in Geislingen weder in diesem noch im vergangenen Jahr Meldungen von FSME-Infektionen. Dieses Jahr wurde bisher eine Infektion in Donzdorf gemeldet, im Vorjahr war es eine in Böhmenkirch, zwei in Donzdorf sowie eine in Uhingen. 2022 gab es zwei Meldungen in Geislingen, in den drei Jahren davor keine einzige. Da Borreliose in Baden-Württemberg nicht meldepflichtig ist, liegen der Behörde hierzu keine Zahlen vor.

In die Tierarztpraxis Renz kommen selten Hunde mit Borreliose, noch nie hatte einer FSME. Bei Katzen spielen beide Krankheiten im Alltag keine Rolle. Drei Hunde behandelten die Tierärzte dieses Jahr wegen Anaplasmose, eine ebenfalls von Zecken übertragene bakterielle Infektion, die vor allem Hunde betrifft. Wie bei Borreliose hilft Antibiotika. Wichtig ist auch bei Tieren, die Zecken möglichst schnell zu entfernen, etwa mit einer Zeckenzange oder einem Zeckenhebel. „Ob man links oder rechts herumdreht, ist egal“, sagt Markus Renz. Von Öl oder Klebstoff rät er dringend ab. Wer Bedenken hat, bewahrt die Zecke nach dem Stich auf. Bei Verdacht auf eine Krankheit kann sie im Nachhinein untersucht werden, um festzustellen, ob sie einen Erreger in sich trug. So garstig und unbeliebt die krankmachenden Milben auch scheinen, sie haben in der Natur eine Funktion. „Alle Lebewesen stehen in Interaktion“, erklärt Gotthard Schön. „Je mehr Faktoren in einem Ökosystem wirken, desto stabiler ist es.“ Eine jede Population nehme überhand, wenn sie keine Gegenspieler hat.

Die Parasiten aktivieren das Immunsystem ihrer Wirte

Zecken wirken regulierend auf die Bestände von Wildtieren: Sie sortieren die Kranken und Schwachen aus und dienen selbst als Nahrung für Schnecken, Wespen oder Vögel. Die Parasiten aktivieren das Immunsystem ihrer Wirte, sodass die Fittesten überleben, und beschleunigen damit die Evolution. Zur Vorbeugung für Hunde und Katzen gibt es laut Sabine und Markus Renz Tabletten, Flüssigkeiten zum Auftragen am Nacken oder entlang der Rückenlinie – sogenannte „Spot-on“-Präparate – sowie Halsbänder. Für Reisen im Ausland raten die Tierärzte zu Produkten, die zugleich vor Stechmücken schützen. Gottfried Schöns Tipp für Menschen: lange Kleidung, manche seiner Kollegen zögen sich Feinstrumpfhosen an – im Hochsommer überlegten sich das die meisten allerdings zweimal.

Diese Zecken wurden im Landkreis gefunden

Parasitologie
An der Universität Hohenheim leitet die Professorin Ute Mackenstedt das Fachgebiet Parasitologie. Drei Jahre lang, von 2019 bis 2022, führte die Professorin ein Projekt durch, in dem Menschen aus ganz Deutschland besondere Zecken einsenden sollten.

Landkreis Göppingen
 Aus dem Landkreis Göppingen erhielten die Forscher 17 Exemplare. 15 davon waren der Gemeine Holzbock – die häufigste Zeckenart in Deutschland. Zweimal wurde die Auwaldzecke geschickt, eine größere Art, die aber weniger auf den Menschen fixiert ist. Gefährlicher ist sie für den Hund, weil sie Hundebabesiose, auch Hundemalaria genannt, übertragen kann. 

Weitere Themen