Parasport-Akademie MTV Stuttgart setzt europaweites Ausrufezeichen
Der Stuttgarter Verein will den Spitzensport mit der Gründung einer Parasport-Akademie fördern.
Der Stuttgarter Verein will den Spitzensport mit der Gründung einer Parasport-Akademie fördern.
Seit Anfang dieses Jahrtausends beschäftigt sich der MTV Stuttgart intensiv mit dem Thema Inklusion. Rollstuhlsport und Blindenfußball sind seitdem fester Bestandteil des sportlichen Angebots am Kräherwald. Über die Jahre wurde der Behinderten- beziehungsweise Inklusionssport immer mehr ausgebaut, das Programm kontinuierlich erweitert. Ein neues Kapitel hat der Verein mit seiner mehr als 180-jährigen Geschichte nun vor kurzem aufgeschlagen: die Gründung einer Parasport-Akademie.
„Europaweit sind wir damit einzigartig“, sagt Mandy Pierer, die seit dem Jahr 2021 Inklusionsmanagerin des Vereins ist. Zusammen mit Hannes Spranger hat die studierte Sozialarbeiterin drei Jahre lang die Idee der Parasport-Akademie verfolgt, vor einem Jahr die Anstrengung intensiviert und Anfang dieses Februars die neue Innovation des MTV dann ins Leben gerufen. Doch was ist das Ziel der Akademie? Auf längere Sicht wolle der Verein Athleten und Athletinnen zu den Paralympics bringen, sagt Pierer, und Spranger ergänzt: „Es ist unser Anspruch, Kindern und Jugendlichen mit Behinderung die gleichen Chancen auf sportliche Exzellenz zu bieten wie ihren nicht-behinderten Altergenossen. Die Parasport-Akademie ist ein Ort, an dem Träume Wirklichkeit werden können.“ Damit hat der Verein aus dem Stuttgarter Westen – bisher im Basketball, Fußball und Volleyball – nun vier Akademien.
Aktuell zählt der MTV Stuttgart um die 60 Kinder und Jugendliche mit Handicap. Bislang hatten sie die Möglichkeit, in den Bereichen Rollstuhlsport, Leichtathletik, Blindenfußball und Radsport aktiv zu werden. Wer aber nicht nur auf Breitensport-Niveau seinen Sport ausüben möchte, ambitioniert ist, dem ebnet die Parasport-Akademie nun den Weg zum Spitzensport, und das nicht nur in den angesprochenen Sparten. Vielmehr richtet sich der Blick über die Grenzen der eigenen Sportanlage hinaus. Pierer und Spranger haben ein großes Netzwerk aufgebaut, insgesamt bestehen mit 92 Vereinen und Institutionen im Großraum Stuttgart Kooperationen. Unter anderem gehört der SV Cannstatt dazu, der eine Behindertensportabteilung hat und Schwimmen anbietet sowie auch der DJK Sportbund Stuttgart, der Rollstuhl-Tischtennis im Programm hat. Ebenso zählt der TC Ditzingen dazu, an dessen Beispiel Pierer eine Möglichkeit der Zusammenarbeit aufzeigt. Eine jugendliche Rollstuhlfahrerin habe jahrelang beim MTV Basketball gespielt, aber dann ihre Leidenschaft für Tennis entdeckt. Das Spiel mit der Filzkugel bietet der Kräherwald-Club für Rollstuhlfahrer aber nicht an. Aber ein Kooperationspartner, eben der Tennisclub Ditzingen. „In Ditzingen schlägt sie nun auf“, sagt die Inklusionsmanagerin, „um ihre Athletik und Kondition zu verbessern, trainiert sie dagegen weiter in unserem vereinseigenen Fitnessstudio“.
Aktuell ist die „Vermittlung“ noch einseitig, werden Vereine für MTV-Mitglieder gesucht, deren gewünschte Sportart der Verein aus dem Stuttgarter Westen nicht anbietet. Angestrebt werde aber, so Pierer, eine Kooperation in beide Richtungen, sodass auch die Sportler der Partner vom MTV-Angebot profitieren können. Finanziert wird die Parasport-Akademie durch Spenden und Mittel verschiedener Stiftungen.
Übrigens: Das Sportangebot des MTV findet im Regelbetrieb statt, also trainieren Behinderte und nicht Behinderte zusammen. Ausnahme im Radsport. Dort seien Behindertensportler mit den verschiedensten Radvarianten – außer Sehbehinderte auf dem Tandem – unter sich, sagt Pierer. Jedoch: Auch da werde an einer inklusiven Lösung gearbeitet.
Und wie sieht es aus, sind schon Kandidaten für die Paralympics in Sicht? Konkret noch nicht, aber man habe einige vielversprechende Talente im Verein, die es nun durch die zusätzliche, zielgerichtete Unterstützung durchaus zum Großereignis schaffen könnten. „Das wäre super“, sagt Pierer.