Parentifizierung und die Folgen Wenn Kinder in Elternrollen schlüpfen

Schwere Krank­heiten oder Süchte innerhalb der Familie können dazu führen, dass Kinder die Rolle eines Elternteils übernehmen und die ganze Last des Alltags tragen. Foto: Adobe Stock/naum

Geraten Mütter oder Väter in eine Lebenskrise oder erkranken, übernehmen nicht selten Kinder Aufgaben, die zu groß für sie sind. Die Auswirkungen reichen oft bis ins Erwachsenenalter.

Was hat mir meine Mama denn da wieder eingepackt?!“ Das Mädchen holt das trockene, harte Brotstück aus ihrer Vesperbox und zeigt es lachend der Freundin. Was bloß keiner in der Klasse erfahren darf: Sie hat sich dieses Brotstück selbst in die Dose gelegt. Weil sie nichts anderes gefunden hat. Weil sich ihre Mutter nicht um ihr Vesper und um die Einkäufe kümmert. Weil die Mutter Alkoholikerin ist.

 

Wenn Kinder die Aufgaben und Rollen von Eltern übernehmen, nennen Experten das Parentifizierung, also Verelterlichung. „Ganz wichtig ist dabei, dass Eltern niemals bewusst parentifizieren. Das passiert immer im Zusammenhang mit einem Lebensereignis, das die Eltern selbst aus der Bahn wirft“, sagt Familientherapeutin Christiane Jendrich, die auch als Lehrtherapeutin am Weiterbildungsinstitut für Systemische Beratung und Therapie in Köln tätig ist.

Kinder als Partnerersatz

Häufig beobachten Experten einen solchen Rollentausch bei Scheidungen, insbesondere wenn diese sehr konfliktträchtig sind. „Die Kinder werden dann als Partnerersatz angesehen“, sagt Isabella Vidmar, psychologische Beraterin in eigener Praxis in Zürich. Mütter oder Väter laden ihren Schmerz und ihre Sorgen bei den Kindern ab oder ziehen sie ins Vertrauen, was diese emotional überfordert.

„Trotzdem versuchen die Kinder alles, damit das betroffene Elternteil nicht noch mehr belastet wird“, sagt Isabella Vidmar. Die eigenen Bedürfnisse der Kinder bleiben dabei auf der Strecke oder sie lernen erst gar nicht, diese überhaupt zu erkennen. Und geht es der Mutter oder dem Vater trotz des großen kindlichen Einsatzes weiterhin schlecht, stellen sich Schuldgefühle ein. „Die Kinder versuchen dann noch mehr zu geben“, sagt Isabella Vidmar. Gleichzeitig gibt es bei Trennungen noch das andere Elternteil. „Ein Kind gerät so auch schnell in Loyalitätskonflikte“, sagt Christiane Jendrich.

Aber auch schwere Krankheiten oder Süchte innerhalb der Familie können eine Parentifizierung auslösen. „Die Kinder fühlen sich für die Aufrechterhaltung der Familie verantwortlich, und das erzeugt große Ängste und Unsicherheiten“, erklärt Christiane Jendrich. Sie hat in ihrer Praxis Neunjährige wie das Mädchen aus dem Anfangsbeispiel erlebt, die den kompletten Haushalt gemanagt haben – ohne dass Außenstehende etwas davon bemerkt hätten. „Ihre Sorge, dass jemand mitbekommt, was zu Hause los ist, macht die Kinder zu wahren Überlebenskünstlern“, sagt Christiane Jendrich.

Aggressionen können ein Zeichen für Überforderung sein

Diese Geheimhaltung führt auch dazu, dass Parentifizierung von Verwandten, Freunden oder Lehrpersonen oft sehr spät oder gar nicht bemerkt wird. „Ein Anzeichen kann sein, wenn Kinder in irgendeiner Form plötzlich auffällig werden. Dann lohnt es sich immer genauer hinzuschauen und zu fragen, ob etwas passiert ist“, betont Christiane Jendrich.

Einfacher machen es einem da Kinder, die ihre Überforderung laut äußern, etwa in Form von Aggressionen. „Wenn sich die Kinder dagegen zurückziehen und verschlossener werden, fällt das oft nicht auf“, sagt Christiane Jendrich. Dabei ist genau dieses Verhalten nicht selten bei einer Parentifizierung. „Die Kinder denken, sie müssten zu Hause bleiben und für die Eltern oder die Geschwister da sein, statt sich mit ihrer Freundin zu treffen“, nennt Christiane Jendrich ein Beispiel.

Auch die Arbeit mit parentifizierten Kindern beschreiben die beiden Expertinnen als sehr herausfordernd. „Mit den Kindern selbst kann man meist erst im Erwachsenenalter arbeiten“, weiß Christiane Jendrich. Der Grund: Die Kinder zögen oft ihren ganzen Selbstwert daraus, dass sie auf Augenhöhe mit den Erwachsenen leben und wichtige Aufgaben übernehmen. „Und das kann ich einem Kind nicht einfach nehmen“, erklärt Christiane Jendrich.

Einfacher sei es, wenn auch das betroffene Elternteil mit in die Beratung komme. „Dann kann ich allein mit diesem reden, ganz klar sagen, was mit dem Kind passiert und schauen, wie die Familie Hilfe von außen bekommt“, sagt Christiane Jendrich. Viele Eltern würden dann sehr erschrocken reagieren, weil sie so beschäftigt mit ihrem eigenen Leid waren, dass sie gar nicht auf die Auswirkungen für die Kinder achten konnten. „Wer ein gutes, soziales Netzwerk hat und darauf in solchen Lebenssituationen auch zurückgreift, kann bei den Kindern einer Parentifizierung vorbeugen“, sagt Christiane Jendrich.

Als Erwachsene können die Betroffenen keine klaren Grenzen setzen

Bleibt die Verelterlichung in einer Familie unentdeckt, leiden die betroffenen Kinder oft auch noch als Erwachsene darunter. „Ein Kind, das nie Kind sein durfte und seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht kennenlernen konnte, wird zu einem Erwachsenen, der sich nach den Bedürfnissen anderer richtet und weniger nach seinen eigenen“, sagt Isabella Vidmar. Ein solches übersteigertes Verantwortungsgefühl für andere könne mit einem Helfersyndrom einhergehen.

Auch könnten diese Erwachsenen sich oft schwer von Verpflichtungen oder von ihrem eigenen Elternhaus lösen und hätten Schwierigkeiten damit, klare Grenzen zu setzen. „Die Angst, sich falsch zu verhalten und Fehler zu machen, wird zum ständigen Begleiter. Es können psychische Probleme wie Bindungs-, Angst-, Essstörungen und Depressionen entstehen“, betont Isabella Vidmar.

Wenn Erwachsene den Weg zu Christiane Jendrich in die Praxis finden und sich dort Unterstützung holen, dann häufig, weil sie von außen einen entsprechenden Impuls erhalten haben. „Nicht selten sind es der Partner oder die eigene Familie, die dann bemerken, dass hier etwas im Ungleichgewicht ist“, sagt Jendrich. Sie versucht dann mit den Betroffenen daran zu arbeiten, eigene Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, diese zu leben und zu lernen, anderen gegenüber auch mal Grenzen zu setzen.

Info

Parentifizierung bei Zuwanderung
Auch in Familien mit Migrationshintergrund ist die Parentifizierung verbreitet. Kommt eine Familie in ein neues Land, sind es häufig die Kinder, die über die Schule am schnellsten eine neue Sprache lernen oder sozialen Anschluss finden. Also helfen sie Geschwistern bei den Hausaufgaben und übernehmen oft im auch im Umgang mit Behörden oft die Rolle eines Übersetzers – obwohl die Themen sie überfordern und sie auch emotional noch gar nicht reif genug dafür sind, um im Familiensystem eine Rolle zu übernehmen, ohne welche die Eltern oft nicht klar kämen. (mar)

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