Paris 2024 So belastet der Ukraine-Krieg die Olympischen Spiele

In Paris werden keine russischen Flaggen zu sehen sein. Foto: dpa/Hannibal Hanschke

In Paris dürfen in den nächsten zwei Wochen nur 15 russische Athletinnen und Athleten starten, dennoch wird das Internationale Olympische Komitee stark kritisiert – von allen Seiten.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Auch Papst Franziskus schaut auf Paris 2024, allerdings gilt sein Interesse nicht dem Medaillenspiegel. Sondern eher der Symbolik. Das Oberhaupt der katholischen Kirche forderte in dieser Woche noch einmal zu einem weltweiten Waffenstillstand auf. Die Olympischen Spiele seien die perfekte Chance, um „den aufrichtigen Wunsch nach Frieden zu demonstrieren“. Der Appell, so ist zu vermuten, wird nicht erhöht werden. Und der Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine auch die Sommerspiele an der Seine belasten. Allerdings etwas anders als ursprünglich gedacht.

 

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) war nach seiner Entscheidung, Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus nur unter Einschränkungen (keine Kriegsunterstützer, keine Verbindung zu Militär oder Sicherheitskräften, keine Teams, keine Hymne, keine Flagge, keine Symbole, keine Eröffnungsfeier) für Paris zuzulassen, scharf kritisiert worden. Auch, weil niemand die vier vergangenen Olympischen Spiele vergessen hatte. Seit 2016 in Rio gab es wegen des Staatsdopings eigentlich harte Sanktionen gegen Russland – und dennoch gingen stets große Teams an den Start. Diesmal ist das anders.

Insgesamt 31 Athleten aus Russland und Belarus

Nur 15 Sportlerinnen und Sportler aus Russland wurden zugelassen (darunter sieben Tennisprofis), aus Belarus kommen 16. Das sind zu wenige, um dem IOC vorwerfen zu können, allzu nachgiebig gewesen zu sein, aber immer noch zu viele, um die Kritiker verstummen zu lassen.

Der Gedanke an Wettkämpfe zwischen Ukrainern und Russen lässt Anna Ryschykowa erschaudern. „Ich kann mir die Wut nicht vorstellen, wenn man sie ansieht“, sagte die ukrainische Hürdensprinterin. Deutlich geäußert hat sich auch der ukrainische Athletensprecher Wladislaw Heraskewitsch. „Wenn wir Russland erlauben, seine Sportler für seine Propaganda zu missbrauchen, werden noch mehr Russen an die Front gehen und noch mehr Menschen sterben“, sagte der Skeletonpilot, der bei den Winterspielen 2022 gegen den bevorstehenden Einmarsch der Russen in sein Land mit einem Plakat („No war in Ukraine“) protestiert hatte, „das zu verhindern und Menschenleben zu retten, ist wichtiger als alles andere, als jeder Wettkampf. Das IOC macht es nicht.“

Heraskewitsch gehörte zu den Ukrainern, die mit großem Engagement Belege dafür sammelten, dass russische Athleten den Krieg ihrer Regierung unterstützt haben. Insgesamt sollen Beweise gegen mindestens 700 Sportler vorliegen – dazu gehören Bilder von Paraden mit Wladimir Putin, das Teilen von Posts, die den Krieg verherrlichen, aber laut Heraskewitsch auch die Teilnahme von Trainingscamps mit Kindern, die „Russland aus besetzten Gebieten entführt hat“. Dies führte zum Ausschluss vieler potenzieller Olympia-Teilnehmer. Und trotzdem ist die Menschenrechtsorganisation Global Rights Compliance alles andere zufrieden.

Nur Lippenbekenntnisse von Thomas Bach und dem IOC?

Die Gruppe, die in den Niederlanden ansässig ist, hielt dem IOC vor, dass zehn der 15 zugelassenen Russinnen und Russen und einige Sportler aus Belarus zu Unrecht in Paris starten dürfen – es gebe „klare Beweise für Verstöße“. Namentlich nannte Global Rights Compliance unter anderem zwei Radfahrerinnen: Aljona Iwantschenko habe ein Bild des sowjetischen Diktators Joseph Stalin mit hetzerischer Aufschrift („Ein Waffenstillstand mit dem Feind ist nach dessen Zerstörung möglich“) gelikt, Tamara Dronowa öffentlich den Krieg befürwortet. „Wenn es das Ziel des IOC ist, durch Sport eine bessere Welt aufzubauen“, sagte Wayne Jordash, der Präsident von Global Rights Compliance, „dann muss das IOC mehr tun, als nur Lippenbekenntnisse zu Ethik und Menschenrechten für alle abzugeben.“

Es ist eher unwahrscheinlich, dass IOC-Präsident Thomas Bach und die anderen Herren der Ringe Hinweise dieser Art ernst nehmen. Zumal Russland ihnen verlässlich Argumente liefert für ihre Überzeugung, richtig zu liegen. „Demütigend“ seien die Bedingungen, unter denen ihr Land in Paris zu leiden haben, erklärten der Ringer- und der Judo-Verband. Beide zogen ihre zugelassenen Athleten aus Protest wieder ab: „Ohne uns sind die Wettbewerbe unvollständig, Goldmedaillen weniger wert.“ Parallel dazu schimpfte das Nationale Olympische Komitee Russlands über die Sportler, die wie Tennisstar Daniil Medwedew an der Seine starten werden. Das sei ein „Team ausländischer Agenten“, erklärte NOK-Chef Stanislaw Posdnjakow. Und Verteidigungspolitiker Alexej Schurawljow meinte, die Teilnahme in Paris gleiche einem „Verrat“. Den Russland nicht auf sich sitzen lassen will.

Staatliche Prämie für Ausgeschlossene

Kein TV-Kanal des Landes wird die Olympischen Spiele übertragen. Die 245 Athleten, die sich qualifiziert hätten, aber nicht zugelassen wurden, erhielten eine Kompensationszahlung von 7700 Euro. Geplant werden nun alternative Sportevents. Für den September hat Russland ausgewählte Nationen zu „Weltfreundschaftsspielen“ eingeladen, das IOC sieht darin einen „zynischen Versuch, den Sport zu politisieren“.

Wie politisch Paris wird? Hängt auch davon ab, wie die 147 Athleten aus der Ukraine sich verhalten. „Jeder von ihnen verkörpert den Schmerz und das Grauen, das unser Land und unser Volk durchmacht“, sagte Nataliya Dobrynska, Siebenkampf-Olympiasiegerin von 2008 und Vizepräsidentin des Leichtathletik-Verbandes, „alle Sportler, die die Ukraine vertreten, tun dies nicht nur für sich selbst, sondern auch, um die Welt wissen zu lassen, dass wir ungebrochen sind.“

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