Streit in Esslingen Abzocke oder Klimaschutz – was bringen die höheren Parkgebühren?

Das Parken am Straßenrand in Esslingen wird vom kommenden März an teurer. Foto: Roberto Bulgrin

Parken kostet in der Esslinger City künftig drei Euro pro Stunde. Geht es nur um Einnahmen für die Stadt oder wirklich um den Schutz von Anwohnern und Klima? Was Autofahrer und Handel sagen – und wie viel andere Städte in der Region fürs Parken verlangen.

Reporter: Elke Hauptmann (eh)

Alles wird teurer – weshalb die Stadt Esslingen versucht, mit dem Dreh an der Gebührenschraube ihre leeren Kassen zu füllen. Dabei setzt sie auf eine sichere Einnahmequelle: Zum 1. März werden die Parkgebühren für öffentliche Stellplätze pauschal um jeweils einen Euro pro Stunde angehoben – auf drei Euro in der Innenstadt und auf 2,50 Euro in den Außenbereichen.

 

Das diene dem Schutz der Bewohner und des Klimas, argumentieren die Stadt und eine Mehrheit des Gemeinderats. Mit höheren Tarifen will man die Autofahrer in die Parkhäuser lotsen und so die Innenstadt vom Parksuchverkehr und den damit verbunden Abgasen entlasten. So weit, so gut. Nur: Ist eine Politik, die auf die Lenkungswirkung eines erhöhten Parkpreises setzt, dafür überhaupt geeignet?

Bei punktuellen Nachfragen ist die Position von Autofahrern, die im Zentrum parken, eindeutig: „Es ist ein Unding, wenn man nicht mehr in der Nähe von einem innerstädtischen Ziel parken kann“, entrüstet sich der Esslinger Friedrich Krejsta. Er ist überzeugt: „Die Innenstadt verödet, wenn man die Autos herausdrängt.“ Ähnlich sieht es Wolfgang Walter aus Ostfildern-Nellingen: „Wenn man schnell etwas kaufen will, fährt man eben mit dem Auto. Die Stadt schadet sich selbst, wenn sie alles tut, den Leuten das Autofahren zu vergällen.“ Klaus Falkenstein aus Plochingen vermutet, dass Kundinnen und Kunden künftig dorthin fahren, wo das zentrumsnahe Parken kostenlos ist. „Ich mache das seit Langem so.“

Einen Wettbewerbsnachteil für den Einzelhandel sieht auch Alexander Kögel, der Geschäftsführer des gleichnamigen Esslinger Modehauses. „Als Händler wäre mir kostenloses Parken natürlich am liebsten.“ Denn: „Parkgebühren wirken sich unmittelbar auf den Umsatz aus“, stellt er fest. „Wenn sie dann auch noch erhöht werden, höre ich von Kunden: Jetzt reicht’s. Wir kommen nicht mehr nach Esslingen.“

Nur in Stuttgart ist es noch teurer

Alternativen gibt es im Umland reichlich – außer in Stuttgart, wo das Parken am Straßenrand mehr als fünf Euro pro Stunde kostet, müssen Autofahrer nirgendwo in der Region Stuttgart so tief in die Tasche greifen wie in Esslingen. Kleinere Kommunen, Wendlingen beispielsweise, setzen zur Stärkung des örtlichen Einzelhandels auf Parkscheiben. Größere Städte wie Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) und Leonberg (Kreis Böblingen) verzichten in der ersten halben Stunde auf Gebühren. Und nicht zuletzt werben Einkaufszentren wie die Breuningerländer in Ludwigsburg und Sindelfingen mit kostenfreien Parkplätzen.

Eine abschreckende Wirkung auf die Kundschaft in den Innenstädten sehen Forscher indes nicht. Parkplätze seien kaum relevant für die Umsätze, meinen etwa Potsdamer Sozialwissenschaftler, die im vergangenen Jahr Kunden und Einzelhändler in zwei Berliner Einkaufsstraßen befragt hatten. Ladenbesitzer würden die Bedeutung von Parkplätzen in ihrer Nähe und den Anteil der Kundschaft, der mit dem Auto kommt, massiv überschätzen: Rund 93 Prozent der Kundinnen und Kunden kamen demnach zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Ergebnis deckt sich laut Dirk von Schneidemesser, der die Befragung des Instituts für fortgeschrittene Nachhaltigkeitsstudien geleitet hat, mit Erhebungen, die 2019 über Offenbach, Gera, Erfurt, Weimar und Leipzig veröffentlicht wurden.

Aussagen dazu, ab welcher Gebührenhöhe die Menschen auf eine Autofahrt in die Stadt verzichten, seien schwierig, konstatieren auch Experten der wissenschaftlichen Dienste des Bundestages. Die Abgeordneten hatten sie im Frühjahr um eine Einschätzung gebeten, inwieweit Gebühren für kurzes Parken an der Straße zur Verringerung des Individualverkehrs oder zu einer stärkeren Nutzung von Parkhäusern beitragen können.

Laut den Experten hängt diese Entscheidung von vielen persönlichen Faktoren ab. Etwa davon, ob man allein oder mit Kindern unterwegs ist, ob Einschränkungen in der Mobilität vorliegen, ob es alternative Verkehrsmittel gibt und wie teuer diese sind. Ihre Empfehlung ist jedoch klar: Um Autofahrer in die Parkhäuser zu lotsen, müssen die Gebühren fürs Parken am Straßenrand deutlich teurer sein. Nur so werde ein Anreiz geschaffen, das Auto in einem Parkhaus abzustellen. Das Problem – in Esslingen wie andernorts – ist aber, dass die meisten innerstädtischen Parkhäuser von privaten Firmen betrieben werden. Kommunen haben somit keinen Einfluss auf die Preisgestaltung.

Studien-Ergebnisse zum Thema Parken

ADAC
Das Auto ist mit einem Anteil von rund 62 Prozent das Verkehrsmittel Nummer eins beim Innenstadtbesuch. Für diesen Zweck spielen aber auch die öffentlichen Verkehrsmittel mit 39 Prozent eine größere Rolle, gefolgt vom Rad mit 28 Prozent. Die drei meistgenannten Ärgernisse sind die Höhe der Gebühren in Parkierungsanlagen (56 Prozent), eine lange Parkplatzsuche (49 Prozent) und teures Parken am Straßenrand (46 Prozent). Der ADAC hatte im Frühjahr dieses Jahres 2060 Verkehrsteilnehmer zu ihrer Zufriedenheit beim Parken befragt.

Inrix
Autofahrer verbringen in deutschen Städten durchschnittlich 41 Stunden pro Jahr mit der Suche nach einem Parkplatz. Zwei von drei Fahrern fühlen sich dadurch gestresst, jeder Fünfte hat schon wegen eines Parkplatzes Streit mit einem anderen Autofahrer gehabt. 44 Prozent verpassten wegen der Parkplatzsuche einen Termin, 41 Prozent haben in der Vergangenheit schon einmal einen bestimmten Laden nicht angesteuert, da sie Probleme haben, dort einen Parkplatz zu finden. Das sind Ergebnisse einer Studie des Verkehrsdienstleisters Inrix aus dem Jahr 2017.

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