Wenn die Hände nicht mehr aufhören zu zittern oder der Körper zur Salzsäule erstarrt: Die Krankheit Parkinson hat tückische Symptome. Im Clubrestaurant der Kickers auf der Waldau in Degerloch trifft sich eine Selbsthilfegruppe.

Degerloch - Ob sie aufgeregt sei, weil sie so zittere, wurde Bärbel Kastner gefragt. Sie antwortete: „Ich bin nicht aufgeregt. Ich habe Parkinson.“ Es sei leichter, offen mit dieser Krankheit umzugehen, sagt die Degerlocherin. Die Reaktionen der anderen fielen dann überwiegend positiv aus. Auch Christine Schönberger aus Sonnenberg ist der Ansicht, dass ein offener Umgang hilft: „Mein Mann hatte einen Malerbetrieb. Natürlich wollten die Kunden wissen, warum er sie nicht mehr berät.“

Bärbel Kastner und Christine Schönberger treffen sich regelmäßig bei der Selbsthilfegruppe für Parkinsonkranke. Jeden zweiten Mittwoch im Monat sitzen sie im Clubrestaurant der Stuttgarter Kickers beieinander. Die Gruppe ist für viele zu einer Familie geworden. Mit fortschreitender Krankheit würden Ausflüge oder Wandertouren seltener. So hätten sie nach und nach viele langjährige Freunde verloren, sagt Schönberger. „Ich bin gottfroh um die Parkinsongruppe. Das ist mittlerweile meine Familie.“ Dort seien zitternde Hände beim Kartenspielen kein Problem; dort habe man sich beim Kegeln gegenseitig am Hosenbund festgehalten, um nicht umzufallen und doch dabei sein zu können. Ein älterer Herr lacht, als er sich daran erinnert und sagt: „Das Schöne an unseren mehrtägigen Ausflügen war, miteinander zu leben.“

Das Problem ist, die Diagnose zu akzeptieren

Die Erkrankung des zentralen Nervensystems lässt sich weder heilen noch aufhalten. Das Zittern, der sogenannte Tremor, ist eines der häufigsten Symptome. Bärbel Kastner blickt auf ihre linke Hand und sagt: „Erst dachte ich, ich hatte schon als Kind zitternde Hände.“ Als Rechtshänderin störe sie der Tremor nicht weiter. Bei Schönbergers Mann schwang ein Arm beim Gehen nicht mehr mit, ebenso typisch für Parkinson. Schwierigkeiten, sich nach dem Bücken wieder aufzurichten, tun nicht nur Parkinsonkranke zunächst mit dem Älterwerden ab. Das Problem sei nicht, zum Arzt zu gehen, sondern die Diagnose zu akzeptieren. Ein Mann berichtet: „Ich habe durch die Diagnose erfahren, dass ich schon seit Jahrzehnten mit dieser Krankheit gelebt habe.“

Mit Parkinson kann man alt werden. Laut der Deutschen Parkinson Vereinigung tritt die Krankheit überwiegend im Alter zwischen 55 und 65 auf. Bei Männern etwas häufiger als bei Frauen. Acht bis zehn Prozent sind jünger als 40. „Als Betroffener wächst man da rein“, sagt Kastner. Für Angehörige sei es schlimmer, das Fortschreiten mit anzusehen. „Man vergleicht immer, was im letzten Jahr noch möglich war“, erzählt Schönberger. Ihr Mann hat 23 Jahre mit Parkinson gelebt. So lange hat sie ihn gepflegt, „sein Leben mitgelebt“. Nicht jeder bringt diese Kraft auf. Schönberger berichtet von einem Mann, der von seiner Frau in der Klinik zurückgelassen worden war: „Sie hat ihn dort hingebracht und konnte ihn nicht mehr mitnehmen. Noch heute wird mir kalt, wenn ich daran denke.“

Jeder hat seinen eigenen Parkinson

Mit dem Gefühl der Überforderung und mit Ängsten erklären sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe, warum in letzter Zeit weniger neue Leute dazustoßen. „Als ich neu in die Gruppe kam, hatte ich Sorge, nicht auszuhalten, was mich erwartet. Ich glaube, viele wollen nicht sehen, was auf sie zukommen könnte und haben Angst davor“, meint Kastner. Dabei könne man sich sowieso nicht auf einen bestimmten Verlauf einstellen. „Jeder hat seinen eigenen Parkinson“, sagt sie.

Die Betroffenen zählen verschiedene Merkmale auf: von verminderter Mimik, reduzierter Feinmotorik über Sprachbeeinträchtigungen und Gleichgewichtsstörungen bis hin zu schlurfenden Schritten, einem Buckel, trüben Augen und der Handschrift, die immer kleiner wird. Sie sind bei jedem Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt, können auch ganz fehlen.

Medikamente und Kontrollerverlust

Behandelt wird Parkinson hauptsächlich mit Medikamenten. Bis zu 18 Tabletten nehmen die Betroffenen in der Degerlocher Runde täglich. Manche stellen sich den Wecker auf 5 Uhr, um den richtigen Zeitpunkt für die erste nicht zu verpassen. Die Wirkungsschwankungen der Medikamente, die nach längerer Zeit auftreten, sind nicht zu unterschätzen. Bei Schönbergers Mann führten sie zu ungewollten Überbewegungen. „Die Betroffenen selbst fühlen sich dabei locker, weil sie nicht mehr im eigenen Körper gefangen sind und sich frei bewegen“, erklärt Schönberger. Beim Essen im Restaurant sei es für andere aber auffällig, wenn jemand die Bewegungen mit dem Besteck nicht kontrollieren könne.

Der Kontrollverlust äußert sich bei Betroffenen auch in entgegengesetzter Richtung: dem Erstarren. Christine Schönberger erzählt von einer späteren Phase des Parkinsons bei ihrem Mann: „Nach etwa zehn Jahren haben sich die Blockaden verstärkt. Da ist mein Mann immer wieder stehengeblieben wie eine Salzsäule.“ Ob beim Aussteigen aus der S-Bahn oder beim Überqueren der Straße – da habe sie mit allen Tricks arbeiten müssen. Mit einer Apomorphinpumpe habe sie den flüssigen Wirkstoff je nach Bedarf selbst reguliert und auch solche Phasen, in denen der Körper unbeweglich war, gut überbrücken können. Bärbel Kastner meint: „Das Gute im Vergleich zu anderen Krankheiten ist, dass Parkinson nicht wehtut.“

Die Selbsthilfegruppe
trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat um 15 Uhr im Clubrestaurant der Kickers, Königsträßle 58. Weitere Informationen gibt es auch unter hier.