Parteien in der Region Stuttgart Warum die CDU in Böblingen neue Mitglieder anzieht

Neujahrsempfang der CDU Leonberg im Januar 2020 in der Stadthalle mit der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Rechts von ihr der Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Leonberg, Oliver Zander. Ob es an Besuchen wie diesen lag, dass die CDU in Böblingen einen großen Mitgliederzuwachs verzeichnet? Foto: factum/Simon Granville

Im ersten Halbjahr haben FDP und Grüne Mitglieder hinzugewinnen können. Die Zahl der CDU- und SPD-Parteifreunde bröckelt.

Entscheider/Institutionen : Kai Holoch (hol)

Stuttgart - Die Meldung überrascht: „CDU- Kreisverband Böblingen wächst um 15 Prozent!“ heißt es in einer Mitteilung der Partei. In der Tat ist die Zahl der Mitglieder im Landkreis Böblingen in den ersten sieben Monaten des Jahres von 1375 auf 1580 CDU-Anhänger hochgeschnellt. Ist das ein allgemeiner Trend? Wollen sich Menschen in Corona-Zeiten etwa stärker als zuletzt am politischen Leben beteiligen?

 

Eine Umfrage bei den Kreisverbänden in der Region und bei den Landesverbänden der großen Parteien lässt zumindest Zweifel an dieser These aufkommen. Denn auch die CDU selber hat den Abwärtstrend der vergangenen Jahre nicht vollständig bremsen können. Die Zahl ihrer baden-württembergischen Mitglieder ist in diesem Jahr von 60 070 auf 59 503 gesunken.

Die CDU Stuttgart bleibt konstant

Die Grünen vermelden ein Plus von mehr als 1000 Mitgliedern, liegen mit 14 583 Parteibuchinhabern aber noch deutlich hinter der SPD, die die zweitmeisten Mitglieder hat. Die Sozialdemokraten müssen allerdings als einzige der großen Volksparteien ein Minus verkraften – und zählen mit 34 180 Mitgliedern 350 weniger als noch zu Jahresbeginn. Die FDP wiederum hat landesweit 50 neue bekennende Liberale gewonnen und betreut nun 7900 Mitglieder. Die AfD hat auf die Anfrage unserer Zeitung nicht reagiert.

In der Region Stuttgart selber gibt es kein einheitliches Bild. Während die CDU in den Kreisverbänden Göppingen, Rems-Murr und Ludwigsburg immerhin moderate Zuwächse vermeldet und Stuttgart von konstanten 2500 Parteifreunden berichtet, kann jedenfalls auch die Göppinger SPD ein – wenn auch kleines – Mitgliederplus verzeichnen.

Corona, meint Dominik Martin, der Kreisgeschäftsführer der Göppinger CDU, sei für seine Partei eher ein Problem gewesen als eine Chance, neue Anhänger zu gewinnen. Natürlich habe man versucht, die wegen Corona abgesagten Stammtische und Informationsveranstaltungen mit Video- und Online-Formaten zu kompensieren. Aber, so Martin, „viele unserer im Durchschnitt doch eher älteren Mitglieder erreicht man mit diesen Mitteln eben doch nicht.“

Auch der Pressesprecher des SPD-Landesverbands, Andreas Reißig, verweist auf die Altersstruktur in seiner Partei. Ähnliche Ereignisse wie die Wahl Donald Trumps in Amerika, der Schulz-Hype vor der letzten Bundestagswahl und die Abstimmung über den Groko-Vertrag, die seiner Partei erhebliche Mitgliederzuwächse beschert hätten, habe es in diesem Jahr bisher nicht gegeben.

Überalterung spielt bei Grünen kaum eine Rolle

Zwar seien Corona und die Auswirkungen ein wichtiges Thema für die Menschen, zu einem höheren Grad des politischen Engagements habe die Pandemie aber nicht geführt. Gut sei, dass die Versammlungen zu den Kandidatennominierungen für die Landtagswahlen nun wieder langsam anlaufen würden. Man spüre, dass die Menschen sich – unter Beachtung der Abstands- und Sicherheitsregelungen – darüber freuten, sich wieder treffen zu können.

Der Faktor Mitgliederschwund wegen Überalterung spielt bei den Grünen, die erst vor 40 Jahren die politische Bühne betreten haben, noch keine so große Rolle. Sicher auch beflügelt von der Popularität ihres Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wächst die Partei in Baden-Württemberg ständig. Allein 2019 sind 2500 neue Mitglieder hinzugekommen.

Stephanie Reinhold, die Sprecherin des Esslinger Kreisvorstands, betont, dass Corona nicht alle anderen politischen Themen verdrängt habe: „Die Menschen machen sich angesichts der drohenden Klimakrise große Sorgen um ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Deshalb engagieren sie sich politisch. Sie wissen, dass die Klimakrise keine Pause macht – und dass es gegen sie keinen Impfstoff geben wird.“

Im Übrigen hat auch die nicht im Landtag vertretene Linke hat Zuwachs bekommen, die Zahl der Mitglieder stieg seit Januar von 3641 auf mittlerweile 3902. „Interessant ist, dass wir bei unseren Online-Veranstaltungen ein stark zunehmendes Interesse an Politik feststellen“, so die Landesgeschäftsführerin Claudia Haydt.

Sonderfall Böblingen

Und die Böblinger Zahlen der CDU? Die haben offensichtlich etwas mit einem kreisspezifischen Sonderfall zu tun. Denn im Wahlkreis Böblingen, Sindelfingen, Schönbuch ist es zu einer Kampfabstimmung gekommen, in der geklärt werden musste, wer bei den Landtagswahlen im März 2021 antreten wird. Und auch im Wahlkreis Leonberg, Herrenberg, Weil der Stadt gibt es mehrere Bewerberinnen und Bewerber.

„Es ist ganz normal, dass die Kandidaten Menschen in ihrem Bekanntenkreis mobilisieren und vom Parteieintritt überzeugen, um ihre Chancen zu erhöhen“, sagt Leon Kolb, der Pressesprecher des Kreisverbands Böblingen. Das sei sicher ein wesentlicher Grund für den beachtlichen Mitgliederzuwachs.

Im Wahlkreis Böblingen hat sich die Mobilisierung für den Kreischef der Jungen Union, Matthias Miller, gelohnt. In Leonberg entscheidet sich am 19. September, wer bei der CDU das Rennen macht.

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