Parteimitglieder in Baden-Württemberg SPD und CDU verlieren, AfD wächst um 40 Prozent

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Die Parteien in Baden-Württemberg haben im vergangenen Jahr wieder mehr Neumitglieder zählen können. Der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer mahnt jedoch vor voreiligen Schlüssen.

Die Zahl der Neumitglieder ist im vergangenen Jahr bei den Parteien in Baden-Württemberg gestiegen. Die Gesamt-Mitgleiderzahlen gehen teilweise jedoch weiterhin zurück. Foto: dpa
Die Zahl der Neumitglieder ist im vergangenen Jahr bei den Parteien in Baden-Württemberg gestiegen. Die Gesamt-Mitgleiderzahlen gehen teilweise jedoch weiterhin zurück. Foto: dpa

Stuttgart - Das Jahr 2016 war hochpolitisch und in seinen Diskussionen nicht selten emotionsgeladen. Der anhaltende Flüchtlingsstrom, Rechtspopulismus und die Wahl Donald Trumps sind nur einige der Stichworte, die das Jahr geprägt haben. Bei einer Umfrage unserer Zeitung hat sich nun herausgestellt, dass 2016 so gut wie alle großen Parteien in Baden-Württemberg mehr neue Mitglieder verzeichnen konnten als in den Jahren zuvor.

So sind bei der CDU 1581 und bei der SPD 1200 Menschen eingetreten. Die Grünen, deren Zahlen in den vergangenen Jahren relativ konstant waren, konnten von 9000 auf 9250 Mitglieder wachsen. Auch die Linke und die FDP zählten etwa 500 Eintritte. Die Linke umfasst nun 3100 Genossen, die FDP ähnlich wie im Vorjahr: 6400.

In der Landesgeschäftsführung der FDP führt man die Zahl nicht nur auf die 250 aktiv Ausgetretenen, sondern auch auf die hohe Zahl der aus Altersgründen verstorbenen Mitglieder zurück. Nichtsdestotrotz gibt man sich zufrieden. „Die FDP wird, anders als in den vergangenen drei Jahren, wieder ernst genommen“, sagt Pressesprecher Marius Livschütz.

Klarer Gewinner ist die AfD, die innerhalb eines Jahres um über 40 Prozent von 2500 auf über 3755 Personen wachsen konnte. In der Landesgeschäftsstelle heißt es, dass 256 weitere Antragsteller momentan sogar noch auf ihre Aufnahme warten würden. Landesgeschäftsführerin Anastasija Koren zeigt sich angesichts dieser Zahlen begeistert: „Die Entwicklung des Landesverbandes Baden-Württemberg ist mehr als positiv.“

Politikwissenschaftler warnt vor voreiligen Schlüsse

Oskar Niedermayer, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin mit wissenschaftlichem Schwerpunkt Parteien- und Wahlforschung, mahnt jedoch vor vorschnellen Schlüssen: „Auch wenn die Neumitgliederzahlen bei den Parteien scheinbar gestiegen sind, wird der Mitgliederrückgang auch in Zukunft nicht aufgefangen werden.“

Ein Beispiel dafür sind etwa CDU und SPD. Während der CDU Stand November 65 203 (2015: 67 286) Personen angehörten, ist die Zahl bei der SPD von 34 800 (2015) auf 34 400 gesunken. So konnten die 1200 Neumitglieder der SPD die 1000 aktiven Austritte und 500 Sterbefälle nicht aufwiegen.

Ein Indiz dafür, dass die zahlreichen Austritte oft nicht von den steigenden Eintritten ausgeglichen werden können, ist Niedermayer zufolge unter anderem auf die Tatsache zurückzuführen, dass es „im vergangenen Jahr verstärkt Online-Eintritte von jungen Leuten gegeben“ hat. Dies geschehe nicht selten als spontane Reaktion auf aktuelle politische Geschehnisse wie die Wahl Donald Trumps.

Doch genau darin liegt dem Wissenschaftler zufolge auch der Trugschluss:„In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Leute, die spontan eintreten, teilweise genauso schnell wieder austreten, weil die Diskrepanz zwischen Erwartung und Partei-Realität sehr groß ist.“ Tatsächlich haben bei einer Befragung dieser Zeitung einige Parteien angegeben, dass nach der Wahl Donald Trumps die Zahl der Neumitglieder überdurchschnittlich gestiegen sei. Bei der SPD sollen es gar 300 Personen gewesen sein.

Mehr junge Neumitglieder

Während bei allen Parteien zu den Ausgetretenen vor allem Verstorbene zählen, zeigen die Neumitgliederzahlen, dass vermehrt junge Menschen in eine Partei eingetreten sind. So liegt das Durchschnittsalter der Neueingetretenen bei den Sozialdemokraten bei 37 Jahren, bei der Linken ist sogar rund die Hälfte jünger als 30 Jahre.

Doch auch hier mahnt Niedermayer, dass das nichts Neues sei. Im Gegenteil: Keiner, der über 80 sei, werde in eine Partei eintreten. Der Wissenschaftler rät daher dazu, das bevorstehende politische Jahr abzuwarten und zu sehen, wie sich die Zahlen weiter entwickeln werden. Die Prognose des Berliner Parteienforschers fällt jedoch schon jetzt eher negativ aus: „Wellen hat es bislang immer gegeben, zum Beispiel am Jahresanfang oder vor einer Bundestagswahl. Seit 1990 hat eine solche Welle aber noch nie dazu geführt, dass der Mitgliederrückgang gestoppt werden konnte.“