Partnerland der Industriemesse Mexiko sucht neue Geschäftspartner

Der Automatisierungsgrad beim Zulieferer   PYA Automotive ist bisher  recht gering, entsprechend hoch die Zahl der  Beschäftigten. Foto: Baumgarten/Hannover  Messe
Der Automatisierungsgrad beim Zulieferer PYA Automotive ist bisher recht gering, entsprechend hoch die Zahl der Beschäftigten. Foto: Baumgarten/Hannover Messe

Das mittelamerikanische Land hat sich dank des Freihandelsabkommens Nafta zu einem wichtigen Exportland entwickelt. Doch die Abhängigkeit von den USA wird zunehmend problematisch. Daher wendet sich Mexiko nun verstärkt der EU zu.

Wirtschaft: Inge Nowak (ino)
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Mexiko-City - Vom Konferenzraum der Integra Automation im ersten Stock schaut der Besucher direkt in die Fertigung. Auf der linken Seite sitzen Mitarbeiter am Computer – an Tischen vor- und nebeneinander wie in einer Schulkasse. In einer Art Glasvitrine auf der rechten Seite schwenken kleine Roboter von Kuka und ABB ihre Arme. Ein Roboter greift nach einer Verpackung und legt sie in einem bereit stehenden Karton ab. Die Packungen enthalten Haarfärbemittel. Doch Integra Automation stellt keine Haarfärbemittel her, das mexikanische Unternehmen programmiert vielmehr Lösungen, damit Roboter und Produktionsbänder optimal zusammen arbeiten. Die kurzen Wege haben den Vorteil, dass Fehler schnell korrigiert werden können. Insgesamt zwölf Roboter soll das mexikanische Familienunternehmen aus San Luis Potosi (rund 400 Kilometer nördlich von Mexiko-City) für das mexikanische Werk des Kosmetikkonzerns L’Oreal programmieren.

Zwei Autostunden von San Luis Potosi entfernt liegt Irapuato. Hier hat der Autozulieferer PYA Automotive seinen Sitz. Firmenchef German Carrasco ist mächtig stolz auf das Erreichte. Sein Vater hat das Unternehmen 1981 gegründet. Der 37-Jährige hat es zu einem wichtigen Zulieferer ausgebaut, PYA Automotive beliefert die Autohersteller direkt mit Plastik- und Gummikomponenten wie Stoßstangen und Kofferraumabdeckungen. Nissan ist einer der großen Kunden, aber auch in den Modellen von BMW und Daimler stecken Komponenten des Familienunternehmens, das mit gut 700 Mitarbeitern 60 Millionen Dollar umsetzt. Automation ist ein Thema für ihn, erzählt Carrasco, nicht zuletzt wegen der steigenden Löhne im Land. Wie als Beweis zieht er sein Smartphone aus der Hosentasche. Dort wird ihm angezeigt, ob die Maschinen auch fehlerfrei laufen, erklärt er.

120 mexikanische Firmen wollen sich präsentieren

Integra Automation und PYA Automotive sind zwei von insgesamt 120 mexikanischen Unternehmen, die sich Ende April auf der Industriemesse in Hannover präsentieren werden. Mexiko ist in diesem Jahr Partnerland. Das aufstrebende Land will zeigen, was es kann. Mexiko ist vor allem als Produktionsstandort internationaler Autokonzerne gefragt. Auch die Bereiche Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Maschinenbau, Lebensmittel- sowie Getränkeindustrie haben zu einem beeindruckenden Aufschwung in den vergangenen Jahren beigetragen. Der Erfolg ist eng mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen Nafta verbunden, das den weitgehend zollfreien Handel zwischen Kanada, den USA und Mexiko regelt. Das Abkommen, das 1994 in Kraft getreten ist, hat für einen immensen Zustrom an Investoren in Mexiko geführt, etwa Siemens, ABB, Daimler, BMW, VW, Bosch, Mahle, ZF, Conti, GM, Ford, Nissan, Beiersdorf, Toyota. Allein 2000 deutsche Unternehmen tummeln sich in Mexiko. Sie haben insgesamt 35 Milliarden Euro investiert und 150 000 Arbeitsplätze geschaffen. Und die Unternehmen sind zuversichtlich für ihre Geschäfte in Mexiko – trotz der Querelen mit dem US-Präsidenten. Donald Trump sieht in der aktuellen Ausgestaltung von Nafta die USA benachteiligt und dringt auf eine Neugestaltung.

Fortschritte bei Nafta-Verhandlungen

Die Mexikaner müssten „die großen Drogen- und Menschenströme stoppen oder ich werde ihren Goldesel Nafta stoppen“, twitterte Trump kürzlich –, mit einem Scheitern des Abkommens rechnet in Mexiko jedoch niemand. Im Gegenteil, nach mexikanischen Angaben gibt es derzeit sogar deutliche Fortschritte. Bereits in den nächsten zwölf Tagen könne eine Grundsatzeinigung stehen, sagte der mexikanische Wirtschaftsminister Ildefonso Guajardo in einem Radio-Interview. Die Fortschritte könnten bei einem Gipfeltreffen amerikanischer Staaten verkündet werden, das am 13. April in Peru beginnt. Allerdings dürfte es dann noch eine längere Zeit brauchen, um die technischen Details auszuarbeiten.

Auch unabhängig von den laufenden Nafta-Verhandlungen ist im mexikanischen Wirtschaftsministerium die Erkenntnis gewachsen, dass Mexiko sich ändern muss, indem es seine Abhängigkeit von den USA reduziert und den Handel mit anderen Ländern vorantreibt. Dazu soll ein Freihandelsabkommen mit der EU beitragen, das fast unterschriftsreif sein soll. Auch asiatische Länder wie China will das Land stärker in den Blick nehmen; das Interesse scheint beidseitig zu sein.

Abhängig von den USA

Wie abhängig Mexiko von den USA ist, machen die Zahlen deutlich: Insgesamt 474 Milliarden Dollar (385 Milliarden Euro) an Direktinvestitionen flossen 2016 in das mittelamerikanische Land. Am aktivsten waren mit Abstand die USA, die für rund 44 Prozent der Investitionen in dem Land stehen – und den Billiglohnstandort Mexiko als ihre verlängerte Werkbank ansehen. Deutschland mit einem Anteil von 2,5 Prozent kommt erst auf Platz acht. China ist in der Liste der wichtigsten Investoren nicht vertreten. Die Folge: Sagenhafte 80 Prozent der mexikanischen Exporte – auch die von deutschen Unternehmen produzierten Produkte – landen in die USA, was dort zu einem gehörigen US-Handelsdefizit führt.

Die Investoren haben dazu beigetragen, dass Mexiko, das finanziell solide dasteht, sich in den vergangenen Jahren zu einem Industrieland gemausert hat. 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet die Industrie. Die Arbeitslosenquote ist auf unter vier Prozent gesunken. In der Rangliste der weltgrößten Volkswirtschaften steht Mexiko auf Platz 15. Die Exportquote liegt gemessen am Bruttoinlandsprodukt bei knapp 36 Prozent – fast so hoch wie die von Deutschland.

Mexiko importiert auch

Mexiko ist auch Importeur, etwa von Maschinen. Natürlich haben die USA die Nase vorn; fast 50 Prozent der eingeführten Maschinen liefert der Nachbar. Auch der deutsche Maschinen- und Anlagenbau freut sich über wachsende Geschäfte. „Exportorientierte Branchen wie Auto sowie Luft- und Raumfahrt zogen eine Vielzahl von Investitionen nach sich, von denen der deutsche Maschinenbau profitiert“, sagt Gabriele Welcker-Clemens, Außenhandelsexpertin für die Nafta-Region im Branchenverband VDMA. 2016 lieferten deutsche Unternehmen Maschinen für 2,5 Milliarden Euro nach Mexiko. Bis November 2017 hat Mexiko 28 Prozent mehr Maschinen aus Deutschland gekauft.

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