Partnerschaft zwischen dem Kreis Ludwigsburg und Israel Schulprojekt leidet unter dem Krieg im Nahen Osten

Schüler in der Grundschule in Kafr Manda mit dem Projekt-Mitinitiator Gadi Lahav, einer Lehrerin, Stephanie Rosenberg und Beate Kretschmer von der Ludwig-Heyd-Schule und Rektor Mostafa Alem (stehend von links) Foto: Thomas Durchdenwald

Seit mehr als vier Jahrzehnten fördert der Landkreis Ludwigsburg Freundschaften zu Juden, Moslems und Christen in Israel. Doch der Krieg im Nahen Osten gefährdet das Projekt.

Diese Geschichte hätte damit anfangen sollen, wie Rektoren in Israel ihre Schulen zwei Lehrerinnen aus Deutschland vorstellen, wie begeistert die beiden Pädagoginnen von der Atmosphäre dort sind und wie mithilfe einer privaten Initiative aus Markgröningen eine Partnerschaft aufgebaut werden soll mit dem Ziel, dass erstmals Grundschulkinder und ihre Lehrkräfte über viele Grenzen – tatsächliche, kulturelle, religiöse und politische – hinweg in Kontakt kommen. Es wäre ein schöner, ein hoffnungsvoller Anfang. Doch diese Geschichte muss anders beginnen. Vor sechs Monaten, am 7. Oktober 2023, war der grausame Überfall der Hamas-Terroristen im Süden Israels. Seitdem herrscht Krieg.

 

Deshalb beginnt diese Geschichte mit Whatsapp-Nachrichten der Rektoren, auf deren Bildern explodierende Raketen am blauen Himmel zu sehen sind, und Zivilisten, die Soldaten Essen bringen. Sie beginnt mit Berichten, wie aus dem Süden Israels geflohene Menschen im nördlichen Teil untergebracht und wie deren Kinder von Freiwilligen unterrichtet werden. Und sie beginnt damit, wie der friedliche Alltag, der den Besuch prägte, vom Krieg bestimmt ist, wie Dutzende von Raketen tagtäglich auf die Region geschossen werden, wie an normalen Schulunterricht nicht zu denken ist, wie die medizinische Versorgung sich seit Monaten im Krisenmodus befindet, wie ganze Siedlungen evakuiert werden, weil sie das Ziel von Angriffen sein können. Auch nach sechs Monaten Krieg, schreibt Gadi Lahav, der seit Jahrzehnten die freundschaftlichen Beziehungen in den Landkreis Ludwigsburg pflegt, in einer Whatsapp-Nachricht, gebe es das sehnlich erwartete Gefühl der Sicherheit nicht.

Erstmals sollen Grundschulen integriert werden

Seit mehr als 40 Jahren gibt es eine Partnerschaft zwischen dem Kreis Ludwigsburg und der Region Oberes Galiläa. Daraus sind vielfältige Kontakte entstanden und auch enge persönliche Freundschaften. Dazu zählen schulische Austauschprogramme, an denen sich fünf weiterführende Schulen im Kreis Ludwigsburg beteiligen.

Es gibt viele solcher Partnerschaften zwischen Deutschland und Israel, sie beschränken sich aber zumeist auf Gymnasien und Berufsschulen. Die neue Initiative, angestoßen von dem Kommunalpolitiker Rainer Gessler, der Freundschaften pflegt zu Juden, Moslems und Christen in Israel, plant also etwas Neues in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern: eine Partnerschaft von Grundschulen. „Wir müssen früher die Basis legen für gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen“, sagt Gessler.

Und so stehen Stephanie Rosenberg und Beate Kretschmer, die Rektorin der Ludwig-Heyd-Schule in Markgröningen und ihre Stellvertreterin, an einem sonnigen Wintertag Ende 2022 auf einem weitläufigen Gelände nahe dem Kibbuz Amir – und die beiden Pädagoginnen erleben eine Schule, wie man sie in Deutschlands reguliertem Schulsystem nicht kennt. Auf dem mit alten Bäumen bestückten Campus der Eynot Yarden High School stehen verteilt mehr als ein Dutzend einstöckige Gebäude, dazwischen ist viel Grün.

Syrien und der Libanon liegen nur eine halbe Autostunde entfernt

„Wir sind eine demokratische Schule“, sagt eine Lehrerin während des Rundgangs, auf dem die Gäste immer wieder von Schülern angesprochen werden, die bereitwillig berichten, wie es ihnen geht an der Schule. „Teaching is a work of heart“, steht an der Eingangstür zu einem der Gebäude, in dem die Schule eine eigene Radiostation betreibt. Die Einrichtung für ältere Schüler pflegt bereits Partnerschaften zum Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach und zur Oscar-Paret-Schule in Freiberg am Neckar, nun könnte ein Austausch mit der Primary School dazukommen. „Es ist unfassbar beeindruckend, wie Lernen hier stattfindet“, sagt Stephanie Rosenberg. „Selbstbestimmung, Freiheit, Wertschätzung, Interesse, Spaß, Begeisterung, viel Raum und noch mehr Personal – ein tolles Miteinander.“

Am Ende des Rundgangs durch die Eynot Yarden High School steht am Wegesrand ein Gebäude in Halbkugelform, darin ist der Eingang zum Bunker der Schule. „Wir mussten 2008 zum letzten Mal rein“, sagt die Lehrerin an diesem Morgen, an dem die Sonne auf den grünen Campus strahlt und alles einen friedvollen Eindruck macht. Doch die Grenze zu Syrien und dem Libanon ist nur eine halbe Autostunde entfernt.

Auch der Besuch der nächsten Schule ist ein Sprung in eine andere Welt im gleichen Land. Kafr Manda ist eine palästinensisch-arabische Stadt mit rund 20 000 Einwohnern, etwa 16 Kilometer von Nazareth entfernt. Die meisten sind muslimischen Glaubens. An der Grundschule am Ortsrand, die über eine staubige Straße erreicht wird, werden die Gäste aus Deutschland von Schulkindern mit einer Rose empfangen, und das Kollegium steht Spalier.

Unsichtbare und sichtbare Grenzen

In dem zweistöckigen Gebäude sind die Klassenzimmer, in jedem wird den Besuchern eine Darbietung präsentiert: Die Kinder singen, tanzen und zeigen, was sie gelernt haben – sie sind stolz, und die Lehrkräfte sind es auch. Die Schule wächst, inzwischen sind es mehr als 400 Kinder, und jedes Jahr kommt eine Klasse hinzu. „Wir sind verantwortlich, dass unsere Schülerinnen und Schüler eine gute Zukunft haben“, sagt der Rektor Mostafa Alem, und er betont, wie groß das Interesse sei an einem Austauschprogramm mit einer deutschen Schule, auch wenn die pädagogischen Konzepte ganz offensichtlich weit auseinanderklaffen. Hier gibt es mehr Regeln und klare Hierarchien.

Die unsichtbaren und sichtbaren Grenzen im Land bestimmen auch die Fahrt zu einer weiteren Schule. Sie liegt beim Touristenort Ben Okek am Toten Meer, und der Schulleiter Gish Amit zeigt eine Schule, die so freundlich wirkt wie die bunten Keramikschildkröten am Eingang. Manches erinnert Stephanie Rosenberg an ihre Schule in Markgröningen: „Wir haben die gleichen Stühle und Tische.“ Anderes ist jedoch weit weg vom deutschen Schulalltag: Es gibt Einzelzimmer zum Lernen, in einer Ecke stehen einige Mikrowellengeräte, in denen sich die Kinder mitgebrachtes Essen warm machen können. Die Atmosphäre ist freundlich und locker, die Gespräche offen. „Eine tolle Schule, die genau dem entspricht, was wir gerne mögen“, sagt Stephanie Rosenberg.

Doch so weit ist es noch nicht. Ein Kontakt von Grundschulen wäre ein neues Kapitel in der gut 40-jährigen Geschichte der freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Kreis Ludwigsburg und der Region Oberes Galiläa. Auf politischer Ebene gab es Anfang der 1980er Jahre erste Kontakte, daraus entwickelten sich Seminare für Lehrer und Jugendleiter aus beiden Ländern.

Enge Kontakte zu Partnern in Israel

Damals war auch Gadi Lahav von der Eynot Garden High School dabei, der mit dem Kollegen Dieter Petri aus dem Ellental-Gymnasium in Bietigheim-Bissingen den ersten Jugendaustausch plante: 1989 reiste eine Gruppe Jugendlicher aus Bietigheim nach Israel, zwei Jahre später gab es den Gegenbesuch. Schon damals und bis heute ist das mittlerweile auf fünf Schulen ausgeweitete Austauschprogramm auf die Oberstufe beschränkt, weil neben englischer Sprachkompetenz auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und den deutsch-israelischen Beziehungen ein gewisses Alter voraussetzt.

Auch andere Kreise, Städte und Schulen in der Region pflegen enge Kontakte zu Partnern in Israel – so der Kreis Esslingen zu der Stadt Givatayim nahe Tel Aviv. Laut der Landeszentrale für politische Bildung gibt es über 40 Städte-, Landkreis-, Schul- und Hochschulpartnerschaften zwischen Israel und Baden-Württemberg.

„Es ist wichtig, dass die Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und unterschiedlichen Glaubens von klein auf Kontakt zueinander haben“, sagte Gadi Lahav zum Abschluss der Rundreise. Einig war man sich, dass der Grundstein für eine Partnerschaft der Ludwig-Heyd-Schule mit den Schulen in Israel gesetzt war. Ansatzpunkte, wie die Schulen die Partnerschaft mit Leben füllen können, waren genug gefunden – trotz der Sprachbarriere, da deutsche Grundschülerinnen und -schüler zumeist nicht Englisch sprechen, und trotz des Umstands, dass gegenseitige Besuche aufgrund des Alters der Schüler ausgeschlossen sind.

Die Schulen können voneinander lernen

Zunächst, da sind sich die Schulleiter einig, sollten sich vor allem die Lehrkräfte kennen lernen, um gemeinsame Projekte auf den Weg zu bringen. Möglich sei es, über soziale Medien zu kommunizieren, aber auch kleine Filme und Fotos könnten den Austausch auch für Kinder erlebbar machen. „Wie sieht mein Schultag aus? Auf diese Frage geben die Kinder im Kibbuz Amir, in Kafr Manda und in Markgröningen doch ganz unterschiedliche Antworten“, sagte Beate Kretschmer. Und Gadi Lahav kann sich vorstellen, das Projekt in den baden-württembergischen Verein Scora (Schools Opposing Racism and Antisemitism) einzubinden, der unter anderem Schulen unterstützt, die Partnerschaften mit Israel eingehen wollen, und momentan auch Geld sammelt, um den Unterricht für Kinder und Jugendliche zu finanzieren, deren Familien aus dem Süden in den Norden Israels fliehen mussten.

Wichtig sei, dass sich die Lehrkräfte der verschiedenen Schulen pädagogisch und inhaltlich austauschen. „Wir können viel voneinander lernen“, sagte Stephanie Rosenberg am Ende der Reise, „schließlich teilen wir pädagogische Ideen, auch wenn es Unterschiede in der Kultur des Lernens gibt.“

Der Gegenbesuch aus Israel musste abgesagt werden

An Ideen, wie diese spezielle Schulpartnerschaft für Lehrkräfte und Kinder mit Leben gefüllt werden könnte, mangelt es also nicht. Doch wie es weitergeht, weiß momentan niemand. Der Gegenbesuch der Rektoren aus Israel war für November 2023 geplant, er musste abgesagt werden. Der Markgröninger Kreisrat Rainer Gessler, der im Januar dieses Jahres im Auftrag des Landkreises Ludwigsburg im Oberen Galiläa war, hofft, dass das Projekt die Zeiten des Krieges überdauert, die die Gräben zwischen der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung hat tiefer werden lassen. Der Weg zum Frieden ist weit.

Gadi Lahav, der als Scora-Partner im Oberen Galiläa schulische- und außerschulische Bildung für Evakuierte organisiert, schreibt: Nach sechs Monaten Krieg seien mehr als 4000 Sprengkörper von der Hisbollah vom Libanon aus auf Israel abgefeuert, 19 Soldaten und Zivilisten seien im Oberen Galiläa getötet worden, 65 000 Bewohner hätten ihre Ortschaften nahe der Grenze verlassen müssen, da man einen terroristischen Überfall wie im Süden befürchte. „Doch unsere Öffentlichkeit, unsere Regierung und die Welt haben sich daran gewöhnt, dass jeden Tag Dutzende Raketen vom Libanon aus abgeschossen werden.“

Eigentlich hätte diese Geschichte ein besseres Ende verdient.

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