Was alle gemeinsam haben: Sie sind zwischen 23 und 35 Jahre alt und befinden sich gerade nicht weiter als 30 Kilometer von Ulm entfernt. Diese Einstellungen hat die heute 27-Jährige vor mehr als vier Jahren in der Dating-App vorgenommen. Heute nutzt sie die Anwendung nicht mehr. Löschen will sie sie trotzdem nicht. „So haben wir uns schließlich kennengelernt“, sagt die Ulmerin.
Mit „uns“ meint Mahle Sascha Graf und sich. Vor dreieinhalb Jahren hatten die beiden über Tinder erstmals Kontakt, seit mehr als zweieinhalb Jahren sind sie offiziell zusammen, im Juni werden sie heiraten. Dabei wollte sich die Brünette nie bei dem Dating-Dienst anmelden. „Ich hatte neun Jahre lang einen festen Freund und dachte, er sei die Liebe meines Lebens“, erinnert sie sich.
Als die Beziehung auseinanderging, habe ein Freund sie zum Tindern überredet – „nur so, just for Fun“. Zwei lose Tinder-Bekanntschaften und eine missglückte Offline-Liebelei später war die junge Frau entschlossen, der Liebe noch eine letzte Chance zu geben.
Tinder funktioniert nach einem Wisch-Prinzip
Sie öffnete die Dating-App und klickte sich durch die Nachrichten, die ihr zig Männer in den vergangenen Monaten geschrieben hatten. So auch Sascha Graf. „Ich habe dann aber gesehen, dass es schon Monate her ist, dass wir ein Match hatten“, sagt Mahle. Aber was bedeutet das eigentlich?
Die App funktioniert nach einem Wisch-Prinzip: Wer einen vorgeschlagenen Nutzer kennenlernen möchte, wischt nach rechts, wer kein Interesse hat, wischt nach links. Nur wenn beide Parteien nach rechts wischen, einen „Like“ vergeben, kommt es zu einem Match, nur dann ist die Kontaktaufnahme möglich.
Was die Partnersuche – zumindest in der kostenfreien Tinder-Version – verkompliziert: Ein Nutzer sieht nicht, wer ihn mag, bevor er selbst wischt. Eine Ausnahme ist der „Super-Like“. Jeder Basisnutzer kann jeden Tag genau einen „Super-Like“ vergeben, indem er nach oben wischt. Mit dieser Geste teilt der Nutzer der anderen Person mit, dass er sie unbedingt kennenlernen möchte. Der Nutzer, der den besonderen Like bekommt, kann das sehen – und sich so durch seine Wischrichtung bewusst für oder gegen ein Match entscheiden.
Schreiben, telefonieren, treffen – das ist die richtige Reihenfolge
Ilona Mahle hat ihr Glück trotzdem versucht und Graf kontaktiert – mit Erfolg. Der heute 31-Jährige hatte nach wie vor Interesse, die beiden tauschten ihre Handynummern aus und vereinbarten ein erstes Treffen in Ulm. „Ich war aber im Voraus ehrlich und habe gesagt, Sascha, wenn du mir nicht gefällst, dann will ich eigentlich auch nicht den Abend mit dir verbringen“, erzählt Mahle. „Wir haben deshalb ausgemacht, dass wir uns – sollte das der Fall sein – dann einfach nur zuwinken und wieder gehen.“
Der Paarberater und Single-Coach Eric Hegmann rät dagegen zu einer anderen Strategie: „Schreiben, telefonieren, treffen – das ist die richtige Reihenfolge.“ Schließlich sei Tinder nichts anderes als eine Art Visitenkarte und ein Telefonat vor dem Date sinnvoll, um zu prüfen, ob der erste positive Eindruck diesem Gespräch standhalten könne.
Was die Sache bei Tinder zusätzlich verkompliziere: „Weil ich ein Match habe und deshalb glaube, ich habe da einen passenden Partner vor mir, von dem ich keine Zurückweisung erwarten muss, ist das erste Date oft emotional überladen – fast schon wie ein Eheversprechen.“ Dabei diene das erste Date nur, um herauszufinden, ob es ein zweites geben werde.
Unterschiedliche Strategien als Erfolgsmodell
Bei Mahle und Graf war das erste Date ein Erfolg: Das gefürchtete Missfallen wich einer Vertrautheit, statt eines kurzen Zuwinkens verbrachten die beiden den kompletten Abend miteinander. Laut der jungen Frau sei dieser Moment so perfekt gewesen, dass sie sich gefragt habe, warum er überhaupt allein sei – und warum er tindere.
Laut Hegmann sollten Singles, die auf Partnersuche sind, möglichst viele unterschiedliche Strategien ausprobieren. Wer freitagabends im Club niemanden kennenlerne, könnte sich bei einem Sportclub anmelden, gemeinnützige Arbeit leisten oder eben tindern. „Am Ende des Tages ist es auch egal, wo ich meinen Partner kennengelernt habe. Welche Gefühle ich hatte, das ist entscheidend“, sagt der Beziehungsexperte.
Auch für Mahle und Graf spielte der Dating-Dienst nach ihrem ersten Treffen keine Rolle mehr. Gegenüber ihren Freunden und Bekannten schwindelten sie anfangs zwar noch, sie hätten sich bei Ikea an der Schnellkasse kennengelernt, Mahle rückte aber schon bald mit der wahren Geschichte raus. „Ich wurde dann schon mit der Aussage konfrontiert, Tinder sei nur ein Sexportal“, erzählt die junge Frau.
Die Mehrheit der Tindernutzer sucht keine Beziehung
So abwegig ist das nicht, weiß Hegmann. Es gebe eine britische Studie, die belege, dass die Mehrheit der Tindernutzer keine Beziehung suche. „Und ich glaube, das wird in Deutschland nicht viel anders sein“, sagt er. Tinder sei Entertainment geworden, die Jagd nach Matches genauso berauschend wie die nach Likes auf Facebook und Instagram. Anfangs dachte Mahle ähnlich. Deshalb hat sie nur in Ulm getindert.
„Früher habe ich in einem relativ kleinen Dorf gewohnt. Da wollte ich einfach nicht, dass jeder sieht, dass ich auf Tinder bin.“ Der Dating-Dienst nutzt den Standort des Smartphones, um potenzielle Partner im Umkreis zu finden. Gleichzeitig wird das eigenen Profil anderen Nutzern in der Umgebung angezeigt.
Heute hat Mahle eine andere Meinung zur App: „Im Endeffekt ist es ja nicht anders, wenn man jemanden im Club kennenlernt. Man spricht einen Menschen erst mal an, weil er einem optisch gefällt. Beim zweiten Treffen entscheidet sich dann, ob es auch auf menschlicher Ebene passt.“ Online- und Offline-Dating vermische sich in der heutigen Zeit ohnehin, findet der Paarexperte. „Wenn sich Menschen beispielsweise kennenlernen, weil der eine einen Instagram-Post des anderen likt und die beiden sich daraufhin treffen, ist das dann ein Online- oder ein Offline-Date?“
Online-Dating ist im digitalen Zeitalter sinnvoll
Dass es die Möglichkeit gibt, im Internet Kontakte zu knüpfen, sei auch deshalb sinnvoll, weil jeder ohnehin 24 Stunden am Tag online sei. „Und Online-Dating bietet ja auch die Chance, Menschen kennenzulernen, denen man sonst niemals auf dem eigenen Trampelpfad begegnet wäre“, sagt Hegmann.
Ob Tinder nun wirklich das richtige Medium ist, um jemanden für eine langfristige Beziehung zu finden? „Ich sage immer, Liebe zu finden ist überall möglich, es ist nur nicht überall gleich wahrscheinlich“, gibt der Experte zu bedenken. Bei Ilona Mahle und Sascha Graf hat es jedenfalls geklappt.