10 Musiktipps zur Passionszeit Es muss nicht immer Bach sein
Was tun ohne Passionskonzerte vor Ostern? Ein sehr persönlicher Streifzug durch die CD-Landschaft: Karwochen-Ohrenfutter für Zuhause-Zeiten.
Was tun ohne Passionskonzerte vor Ostern? Ein sehr persönlicher Streifzug durch die CD-Landschaft: Karwochen-Ohrenfutter für Zuhause-Zeiten.
Stuttgart - Wäre die Musikgeschichte ein Sonnensystem, dann stünde unbestritten einer im Zentrum: Johann Sebastian Bach. Um ihn kreisten wie Planeten die anderen Komponisten, und Bachs große Werke für Chor, Solisten und Orchester prägten maßgeblich die zwei wichtigsten Stationen des Kirchenjahrs: Ostern und Weihnachten. So gesehen, muss ein Überblick über musikalische Passionen zwingend in der Mitte jenes klingenden Universums beginnen, um das sich jedes Jahr in der Fastenzeit unzählige Konzerte drehen. Bachs Johannespassion von 1724, die Matthäuspassion von 1727: Das sind die Großwerke der Karwoche, die live zu erleben für viele zum Ritual geworden ist. Von der dramatischeren, kürzeren Johannespassion existieren mehrere Fassungen. Die Matthäuspassion ist prächtiger schon durch ihre Doppelchörigkeit, deutlich länger und im Charakter kontemplativer. Von beiden großen Bach-Passionen gibt es unzählige Aufnahmen; mit ihrer Hilfe lässt sich ein Jahrhundert Interpretationsgeschichte plastisch nachvollziehen.
Hörenswerte aktuelle Bach-Einspielungen haben Hans-Christoph Rademann und Masaaki Suzuki herausgebracht. Rademann präsentiert mit der Gaechinger Cantorey die Johannespassion in ihrer vierten, in Teilen uminstrumentierten und umtextierten Fassung von 1749 so detailreich und fein, dass die etwas schematisch und starr geratenen Choräle nicht ins Gewicht fallen. Und Suzuki bringt sein Bach-Collegium Japan bei der Matthäuspassion nicht nur zu extrem klarer Artikulation, sondern betont außerdem den tänzerischen Charakter vieler Sätze, grundiert vom satten, klangprägenden Bass einer Orgel mit 16-Fuß-Register.
Oft wird vergessen, dass Bach ohne Georg Philipp Telemanns „Brockes-Passion“ (1717) wohl nicht zu seiner Form gebenden Kombination von erzählten Bibeltexten mit Chören, Chorälen und reflektierenden Einschüben gelangt wäre. Telemanns Werk, das auch unter dem Titel „Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ bekannt wurde, ist eine der gut zehn Vertonungen eines Passions-Librettos, das der Hamburger Ratsherr Barthold Heinrich Brockes zur „Erbauung“ ebenso wie zur „erlaubten Belustigung“ der Bürger in der Karwoche verfasste, und Telemanns „Brockes-Passion“ hat ihrerseits ein Vorbild: Reinhard Keisers „Der blutige und sterbende Jesus“ war das erste aller Passionsoratorien. Händel hat Brockes’ Text ebenfalls vertont; seine Version, kürzlich neu eingespielt mit der Academy of Ancient Music unter Richard Egarr, ist heute deutlich bekannter als diejenige Telemann. Wie fein gerade dieser aber die sprechend verwendeten Klangfarben ausgestaltete und wie theatralisch er komponierte, macht René Jacobs in seiner Aufnahme von 2009 auf packende Weise deutlich.
Weiter zurückgehend in der Musikgeschichte, stoßen wir auf einen heißen Planeten mit sehr viel Masse: Heinrich Schütz. Wer sich in die dicht am Text entlang komponierte und von den prächtigen Raumklang-Experimenten seines italienischen Vorbilds und Lehrmeisters Giovanni Gabrieli stark geprägte Musik des langjährigen Dresdner Hofkapellmeisters vertieft, möchte sie gar für ein eigenes Universum halten. Hans-Christoph Rademann hat mit seinem Dresdner Kammerchor im Rahmen seiner Schütz-Gesamtaufnahme exzellente Einspielungen der Johannes- und der Matthäuspassion sowie der „Auferstehungshistorie“ herausgebracht.
Was sich jenseits des Bekannten, jenseits der thematisch ebenfalls passenden „Stabat Mater“-Kompositionen von Pergolesi bis Dvorák und Rheinberger und jenseits auch der mittlerweile wiederentdeckten „Sieben letzten Worte Jesu am Kreuz“ von Haydn entdecken ließe? Zum Beispiel Jan Dismas Zelenkas „Gesù al Calvario“ von 1735, ein mit praller barocker Gestik und mit den für den Komponisten typischen raschen Klangfarb- und Dur-Moll-Wechseln gefülltes Oratorium, in dem sich Stilles und Meditatives an effektvoller Theatralik reibt. Das Stück erzählt die Passionsgeschichte aus einer Art Schlüsselloch-Perspektive und fokussiert die Erzählung auf eine einzige Szene.
Hörenswert sind auch die Passionen des Bach-Schülers Gottfried August Homilius, vor allem die vor 1776 entstandene Markuspassion und Johannespassion, deren melodische Schlichtheit sich vom (hörbaren!) Vorbild Bach abwendet. Der jubelnde Schlusssatz der Johannespassion blickt außerdem weit über das Karfreitagsgeschehen hinaus.
Allerdings war der Zeitgeschmack an Homilius schon lange vorbeigegangen. Dafür hatte Carl Heinrich Graun gesorgt, der 1755 mit seinem Passionsoratorium „Der Tod Jesu“ Maßstäbe setzte. Grauns neue Idee, ein hoch emotionales Individuum auf das Bibelgeschehen reagieren zu lassen (was sogar richtige Bravourarien im Opera-Seria-Stil legitimiert), wirkte bis ins frühe 19. Jahrhundert fort.
Man spürt sie auch in Beethovens einzigem Oratorium „Christus am Ölberge“ von 1803, in dem außerdem hörbar die Empfindsamkeit von Haydns „Schöpfung“ nachklingt – selbst in Nikolaus Harnoncourts aufgerauter, ereignishafter Darbietung, die das Opernhafte und zuweilen schon den „Fidelio“-Tonfall Vorwegnehmende im Stück herausmeißelt. Dass Christus in Beethovens sehr frei mit dem Bibeltext umgehenden Werk weniger Gottessohn ist als leidender Mensch, hat erst Grauns gefühlsbetontes Reagieren auf den Bibeltext möglich gemacht.
Erstaunlich schlicht wirken die Fragmente des Oratoriums „Christus“, die Felix Mendelssohn hinterlassen hat – Frieder Bernius hat sie im Rahmen seiner Mendelssohn-Gesamtaufnahme eingespielt. Und sehr eigenwillig ist die „Via Crucis“, in welcher der zum Abbé gewordene, alte Franz Liszt 1878 seinen eigenen Kreuzweg spiegelte: Zu hören ist ein zwischen Chorsätzen und Solo-Klavier-Intermezzi wechselndes Werk, das aus dem Gegensatz zwischen chorischer Askese (oft: Einstimmigkeit) und zunehmend komplexer Klangsprache in den Klaviersätzen enorme Spannung bezieht. Vor allem die Harmonik sprengt zunehmend den Rahmen – bis hin zu einer „Tristan“-verwandten chromatischen Uneindeutigkeit.
Schade, dass die „Passions-Stücke nach Lukas“, die Wolfgang Rihm für Helmuth Rillings Projekt „Passion 2000“ unter dem Titel „Deus Passus“ komponierte, zurzeit nicht mehr auf physischen Tonträgern verfügbar sind – streamen kann man das hochexpressive Stück allerdings. Es lohnt, ebenso wie die Wiederbegegnung mit Sofia Gubaidulinas aus demselben Anlass entstandener Johannespassion. Denn reflektierter als Rihm, der bewusst die Lukaspassion als „am wenigsten antisemitische Passionserzählung“ für seine Vertonung wählte, kann man sich mit dem Übervater aller Passionen kaum auseinandersetzen: Einerseits verneigt sich Rihm durch Zitate (formal, strukturell, gestisch, teils sogar harmonisch) vor Bach, andererseits entwirft er bewusst Gegenstrategien – bis am Ende seines Stücks aus der Geschichte des leidenden Christus mithilfe auch von Paul Celans Gedicht „Tenebrae“ das Szenario einer (nicht erst seit dem Holocaust) mit Leiden geschlagenen Menschheit geworden ist.
Bach: Johannespassion.
Gaechinger Cantorey, Rademann. Carus
Bach: Matthäuspassion.
Bach-Collegium Japan, Suzuki. BIS
Telemann: Brockes-Passion.
Rias-Kammerchor, Jacobs. harmonia mundi
Händel: Brockes-Passion.
Academy of Ancient Music, Egarr. AAM/Naxos
Schütz: Johannespassion, Matthäuspassion, Auferstehungshistorie.
Dresdner Kammerchor, Rademann. Carus
Beethoven: Christus am Ölberge.
Concentus musicus, Harnoncourt. Sony
Homilius: Markuspassion.
Basler Madrigalisten, Näf. Carus
Homilius: Johannespassion.
Dresdner Kreuzchor, Kreile. Carus
Graun: Der Tod Jesu.
Arcis-Vocalisten, Gropper. Oehms
Zelenka: Gesù al Calvario.
Rheinische Kantorei, Max. Capriccio
Mendelssohn: Christus.
Kammerchor Stuttgart, Bernius. Carus
Liszt: Via Crucis.
Collegium vocale Gent, de Leeuw. Alpha
Rihm: Deus Passus.
Gächinger Kantorei, Rilling. Hänssler (nur als Stream verfügbar)
Gubaidulina: Johannespassion.
Gächinger Kantorei, Rilling. Hänssler