Ein Stuttgarter Schaufenster, Anfang der 1940er Jahre – Spaghetti stapelweise. Hätten Sie’s gewusst? Foto: Stadtarchiv/Screenshot
Ein Filmschnipsel gibt ganz neue Einblicke in die deutsche Ernährung. Italienische Spaghetti traten nicht erst mit den Gastarbeitern ihren Weg in die deutschen Kochtöpfe an. Das entscheidende Datum ist der 1. Juli 1939.
Und plötzlich sind da Spaghetti in der Auslage. Die Packungen, die damals noch 250 Gramm enthalten, stapeln sich im Schaufenster des Lebensmittelgeschäfts. Eine kurze Szene nur, zumal das üppige Angebot vermutlich ein geschöntes Bild der Realität des Kriegsjahres 1942 einfangen soll. Und doch zeigt dieser Clip aus dem „Kriegsfilmchronik“-Bestand im Stuttgarter Stadtarchiv, dass die Spaghetti nicht erst mit den italienischen Gastarbeitern ihren Weg in die deutschen Kochtöpfe fanden.
Die Bilder kamen im Rahmen des Filmprojekts „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ ans Licht der Öffentlichkeit, in einem Film zur Ernährungsversorgung, die damals über Bezugscheine lief, womit das Dritte Reich den kriegsbedingten Mangel verwaltete. Und doch ist der Blick ins Stuttgarter Schaufenster der Ausgangspunkt für eine Recherche, die neue Einblicke in die (süd-)deutsche Ernährungsgeschichte liefert.
Der 1. Juli 1939 teilt diese Geschichte in ein Vorher und ein Nachher. So wie heute in den USA waren damals im Deutschen Reich die Eier knapp. Das nationalsozialistische Regime reagierte darauf unter anderem mit einer „großen Sorten- und Qualitätsbereinigung“ – so ist es einem Heft für die Großkunden der damals in dem schwäbischen Dorf Endersbach ansässigen Nudelfirma Birkel zu entnehmen. Darin steht: „Es ist ab 1. Juli streng verboten, Maccaroni und Spaghetti mit Eiern herzustellen.“ Sie dürften künftig nur noch mit Hartgrieß hergestellt werden. Schlimm? Nein, sagt die Firma: Schließlich sei damit „der Weg freigemacht, um Spaghetti usw. auf die weltberühmte italienische Art herzustellen“.
Der Birkel-Nachlass spricht Bände
Das Heft, in dem die Ära der eierfreien Spaghetti eingeläutet wird, liegt im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg in Stuttgart-Hohenheim. Die Archive von Birkel sowie der einst übernommenen Marke 3 Glocken kamen dorthin, nachdem die Firmen mehrfach den Besitzer gewechselt und 2014 von der italienischen Newlat Group übernommen wurden. Den Schwenk zur Pasta nach italienischer Art verband Birkel 1939 mit einer regelrechten Marketingoffensive. „Jahrelange Vorversuche, die immer wieder mit den besten original-italienischen Qualitäten verglichen wurden“ habe es gegeben, ja sogar: „Nicht umsonst ist Herr Birkel in den letzten Jahren so oft nach Italien gefahren.“
Seit Juli 1939 mussten die Spaghetti in Deutschland ohne Eier hergestellt werden. Foto: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg / Plavec
War es die Länderfreundschaft mit dem damals ebenfalls faschistisch regierten Italien, die hierzulande die Liebe zur Spaghetti ohne Ei befeuert hat? Oder der Hass der italienischen Faschisten auf die „absurde gastronomische Religion“ der Pasta, die italienische Produzenten zum Blick auf ausländische Märkte zwang? Mitnichten. Pasta wurde in Italien immer gern gegessen – es ging Mussolini um die teuren Getreideimporte und Hitler um den akuten Eiermangel.
Auf Spaghetti sollte trotzdem niemand verzichten. In Deutschland hätten sie sich „immer einer besonderen Beliebtheit erfreut“, heißt es in einem Brief von Birkel aus dem Frühjahr 1943. Anderthalb Jahre davor beschwerte sich ein Restaurantkunde, dass er in einem Stuttgarter Lokal für seinen Bezugschein keine Tomatenspaghetti erhalten habe – wobei die Portion damals nur 100 Gramm Nudeln beinhaltete.
Spaghetti-Packung aus den 1930er Jahren Foto: Wirtschaftsarchiv BW/Plavec
Früher waren aber auch die Verpackungen kleiner, 250 Gramm üblicherweise. Im Hohenheimer Wirtschaftsarchiv findet sich neben Dutzenden Exemplaren auch ein Fabrikationsbuch von Birkel aus dem Jahr 1914 – bereits damals ist eine regelmäßige Spaghetti-Produktion dokumentiert. Ein im Jugendstil gehaltener Produktkatalog der Marke 3 Glocken warb vor dem Ersten Weltkrieg für die italienische Pastavariante, damals mit russischem Taganrog-Durumweizen. Zur selben Zeit machte die deutsch-italienische Teigwarenfabrik in Plüderhausen mit einem italienischen Jungen vor südländischer Landschaft Lust auf ihre Spaghetti.
Spaghetti-Werbung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Foto: Wirtschaftsarchiv BW / Plavec
Entsprechende Kapazitäten gab es schon lange vor dem Krieg. In den 1930er-Jahren baute Werner & Pfleiderer Spaghettipressen, die 300 Kilo Pasta pro Stunde erzeugen konnten. Bis 1939 meistens mit Ei: Eine Packung „Eier-Spaghetti“ der bereits damals existierenden Supermarktkette Kaiser’s von 1937 wirbt „mit dem hohen Eigehalt“ ihrer Ware: „Jede Hausfrau weiß, dass Ei die Speisen lockerer, kräftiger und schmackhafter macht.“ Interessant auch die Kochanweisung an der Seite der Packung: Man soll die Nudeln 15 bis 20 Minuten kochen lassen und dann „mit zerlassener Butter, Parmesankäse oder Tomatensauce“ heiß anrichten. Andere Hersteller empfahlen in dieser Zeit ähnliche Varianten.
„Nudeln in fingerlange Stücke zerbrochen“
Spaghetti mit Tomatensauce waren also schon vor dem Zweiten Weltkrieg breit bekannt. „Allerdings haben wir die Nudeln in fingerlange Stücke zerbrochen und gekocht oder zu Aufläufen verarbeitet“, schildert der Leser Roland Mücke aus Kornwestheim in einem Leserbrief. Und weiter: „Die Kunst, wie Spaghetti in voller Länge auf die Gabel gedreht wurden, haben wir dann abgeguckt von den italienischen Menschen hier und natürlich auch im Urlaub in Italien.“
In alten Kochbüchern finden sich ebenfalls Hinweise: Margarete Haag aus Jettingen hat in „Der Weg zum Herzen des Mannes“ aus den 1920er-Jahren ein Spaghettigericht entdeckt, Marco Huggele fand gar eines im 1912 erschienenen Palmenwald-Kochbuch, benannt nach dem gleichnamigen Kurhaus in Freudenstadt: „Die Spaghetti werden in fingerlange Stückchen gebrochen, in Salzwasser nicht zu weich gekocht. Von 3 Esslöffeln Mehl bereitet man eine dicke Buttersauce, gibt Zwiebeln, einige Löffel Tomatenpüree, Bratensauce, etwas Essig oder Wein dazu, zuletzt einige Löffel geriebenen Parmesan oder Emmentaler Käse. In dieser Sauce lässt man die Spaghetti vollends weichkochen.“
Auf diese Art zubereitete Spaghetti isst heutzutage kaum noch jemand. Auf die Möglichkeit, die Nudeln al dente zu kochen, wurden Hausfrauen und Hobbyköche dagegen schon vor Jahrzehnten hingewiesen. Und auch die Packungen veränderten sich im Laufe der Jahrzehnte. In der Nachkriegszeit entwickelten Kunden und Hersteller offenbar eine Liebe zum Plastik als Verpackungsmaterial, die heute selbst in manchen Kartonpackungen noch im Sichtfenster zur Kontrolle der Warenqualität nachwirkt. Auch das Ei kehrte zwischenzeitlich als Spaghettizutat zurück („Schüle Gold: 4 frische Hühnereier auf 1 kg“), gefärbte Nudeln sind dagegen schon lange passé.
Zwischenzeitlich kehrten die Eier-Spaghetti zurück. Foto: Wirtschaftsarchiv BW / Plavec
Im Speiseplan der Deutschen kämpften sich die Nudeln und nicht zuletzt die Spaghetti immer weiter nach vorn. Zunächst im Südwesten, wo noch Mitte der 1960er-Jahre mit sieben Kilogramm pro Kopf doppelt so viele Nudeln gegessen wurden wie in der restlichen Bundesrepublik. Seit der Coronapandemie sind es bundesweit stabil mehr als neun Kilo. „Nudeln kilometerweise“ ist ein Artikel über die Birkel-Fabrik von 1952 überschrieben, und Spaghetti machten bereits damals etliche dieser Nudelkilometer aus. Im Dreischichtbetrieb wurde schon damals vollautomatisch Teig gerührt, gepresst und die Nudeln anschließend getrocknet, geschnitten und verpackt.
Mit dem ersten Italienurlaub und den Gastarbeitern kam mehr und mehr Dolce Vita auf die deutschen Teller. Birkel warb in den 1950ern damit, dass Pasta besonders gut zur „heißen Sonne Italiens“ passten – etwa als Spaghettisalat oder „Eierspaghetti neapolitanisch“ mit Tomaten-Hackfleischsauce.
Damals wie heute galten Spaghetti übrigens als schnelles Mittagessen: „Nur 10 Minuten Zeit?“, fragte die Firma 3 Glocken aus dem badischen Weinheim in den 1950ern und gab direkt die Antwort: „Glockinchen kocht ganz nebenbei ein Leibgericht so eins – zwei – drei!“ Es besteht aus einer Packung Spaghetti und einer Dose Pikanto-Bolognese-Sauce – eine Art deutsche Mirácoli, die sich explizit auch an Berufstätige und Strohwitwer richtete: „Wenn Mutti plötzlich mal verreist, weiß Vati erst, was kochen heißt.“
Die Filme zum Nachschauen
Gemeinschaftsprojekt Im Rahmen unseres Projekts „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ zeigen wir mit dem Stadtarchiv Filme aus dem Bestand „Kriegsfilmchronik“. Sie wurden 1941 bis 1944 im Auftrag der Stadtverwaltung gedreht.
Filme Abonnenten der gedruckten Zeitung finden die exklusiven Videos im E-Paper (Freischalten hier ) sowie gemeinsam mit vielen weiteren Texten im Online-Themendossier .