Ein Jahr Patenschaft für Flüchtlinge Die persönlichen Erlebnisse einer Helferin

Von Uschi Strautmann 

Im September 2015, Merkels „Wir schaffen das“ klingt ihr noch im Ohr, übernimmt Uschi Strautmann eine Patenschaft für ein Flüchtlingspaar aus dem Sudan, das mit seinen acht Kindern in Stuttgart gelandet ist. Ein Jahr später zieht sie eine ganz persönliche Bilanz.

Essen ist fertig: „Wenn ich eingeladen bin, muss ich immer kräftig in mich reinschaufeln, sonst spüre ich ihre Enttäuschung.“ Foto: privat
Essen ist fertig: „Wenn ich eingeladen bin, muss ich immer kräftig in mich reinschaufeln, sonst spüre ich ihre Enttäuschung.“ Foto: privat

Stuttgart - Sonntag Mittag, ich drücke zur verabredeten Zeit den Klingelknopf an der Haustür. Es tut sich erst mal nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnet eines der Kinder. Ich frage, ob ich störe. Nein, gar nicht, ich solle ins Wohnzimmer gehen. Dann wieder: warten. Die Kinder schauen kurz rein, die älteren Mädchen mit Kopftuch, aber sie verschwinden gleich wieder. Irgendwann kommen sie zurück mit einem Handy oder Tablet, zeigen mir ihre neuesten You-Tube-Videos. Alles auf Deutsch, versteht sich. Das haben wir so vereinbart.

Die Familie lebt seit mehr als drei Jahren in Deutschland. Dafür ist ihr Deutsch immer noch ziemlich schlecht. Acht Kinder plus Eltern, eine Community für sich, oder besser: Ein Clan. Zuhause, wenn sie unter sich sind, sprechen sie Arabisch. So fühlen sie sich daheim.

Uschi Strautmann Foto: privat
Familie Sahar (alle Namen geändert) stammt aus dem Sudan, dort wurde der älteste Sohn geboren. Dann kam der Krieg. Die Familie musste nach Tripolis flüchten. Während der folgenden 14 Jahren Libyen kamen fünf weitere Kinder zur Welt. Dann wieder Krieg. Die Sahars mussten erneut flüchten, dieses Mal nach Tunesien. Anderthalb Jahre in Zelten in einem Flüchtlingscamp, ein weiteres Kind kam dort zur Welt. Schließlich wurden sie als Kontingentflüchtlinge anerkannt und nach Deutschland ausgeflogen. Hier kam noch ein Junge zur Welt. Bis 2018 haben sie Bleiberecht. Was dann kommt, ist offen.

Da habe ich mir ganz schön was vorgenommen

Hier leben die Sahars nun in einer Siedlung in bester Stuttgarter Halbhöhenlage. Die Gegensätze könnten größer nicht sein. Aber es gibt hier ein früheres Gemeindehaus, das bietet ausreichend Platz für die Großfamilie. Kontakt zu Nachbarn gibt es so gut wie gar nicht. Ich lernte sie über meine Kirchengemeinde kennen, dort hatte ich mich um eine Patenfamilie beworben. Das ist jetzt genau ein Jahr her. Mein persönlicher Beitrag zu Merkels „Wir schaffen das“. Und soviel ist mir im ersten Jahr auf alle Fälle klar geworden: Da habe ich mir ganz schön was vorgenommen.

Integration von Flüchtlingskindern, so stelle ich mir das vor, läuft zum Beispiel über Sportvereine. Alim und Nabil spielen gerne Fußball. Also melde ich sie im Verein an. Immer dienstags und freitags ist Training, eigentlich ideal. Der Vater besorgt im Gebrauchtwaren-Kaufhaus tatsächlich Fußballschuhe, ich steuere ausrangierte Trikots von meinem Sohn bei. Die ersten Male fahre ich Alim und Nabil mit dem Auto zum Sportplatz, dann sollen die Jungs (11 und 14) mit Bus und Bahn selbstständig dorthin fahren. So vereinbaren wir es. Nach einer Woche frage ich, ob’s klappt. Bauchweh und Klassenarbeiten, höre ich dann. Sie waren nicht im Training. Nach zwei Wochen: wieder Bauchweh und diesmal Hitzegewitter. Wieder nichts. Als ich nach drei Wochen wieder irgendwelche Ausreden höre, gebe ich auf. Warum das nicht funktioniert hat – ich verstehe es nicht.