Patenschaften für Kinder Mama ist psychisch krank

Hand in Hand: die Siebenjährige und ihre Patin Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mias Mutter leider unter einer psychischen Krankheit. Das macht das Zusammenleben manchmal schwer. Die Evangelische Gesellschaft hat ihr eine Patin vermittelt. Bei ihr darf sie einfach nur Kind sein.

Stuttgart - Auf einem Spielplatz, irgendwo in Stuttgart gelegen, streift ein Mädchen mit langem geflochtenem Zopf suchend zwischen Kletterturm, Rutsche und Schaukel umher. In der Hand hält Mia ein Handy, das sie mal prüfend vor ein Graffiti am silbernen Rutschenrohr hält, mal vor das gezackte Blatt einer am Rand wuchernden Pflanze. Der Himmel versinkt in Grau. Statt Kinderlachen ist an diesem Nachmittag nur leises Blätterrascheln zu vernehmen. Die zierliche Gestalt mit den großen blauen Augen verharrt einen Moment, dann hält sie die Handykamera ganz dicht an einen Gegenstand. Ein Klick. Plötzlich hat Mia es eilig.

 

Die Siebenjährige flitzt zu einer im Gras ausgebreiteten Picknickdecke, auf der eine junge Frau mit lockigem Haar hockt und die Augen fest geschlossen hält. „Ich hab ein Foto gemacht, jetzt musst du suchen“, vor Aufregung zittert die hohe Kinderstimme leicht.

Mia und die Frau spielen Fotorallye. Sie macht ein Detailfoto, die Frau muss herausfinden, wo und in welchem Winkel die Aufnahme gemacht wurde. Suchend läuft Sarah Richter mit leuchtendem Handydisplay über die Spielfläche, Mia springt aufgeregt neben ihr her, kichert. Ob die andere wohl irgendwann errät, dass sie auf das Profil von Mias rechtem Gummistiefel starrt?

Mias neue Freundin

Manchmal stellt das Mädchen Sarah Richter als ihre Betreuerin vor, manchmal nennt sie schlicht ihren Vornamen. Die Mutter sagt meist: Das ist Mias Freundin. Zwei, die sich gut verstehen, eigentlich so einfach. Das Weshalb, der Hintergrund der Beziehung, macht es kompliziert. Deshalb sind die Namen der drei Personen in diesem Text geändert.

Das erste Treffen vor einem Jahr. Der Himmel weinte Pandemietränen. Der Spielplatz unter Wasser, alle Cafés dicht. Mia, ihre Mutter und die Neue kauerten unter einer überdachten Haltestelle. Schlimmer konnte es kaum kommen. Nähe aufbauen, während man Abstand halten soll und um einen her ein Gewitter tobt – eigentlich unmöglich. Und doch sagt Sarah Richter in ihrem lebensfrohen Bairisch: „Wir mochten uns auf Anhieb.“

Einmal die Woche freut sich Mia seitdem auf ihren „Sarah-Tag“. Richter hat eine Patenschaft für das Mädchen übernommen. Gemeinsam verbringen sie einen Nachmittag, an dem sich alles nur um Mia dreht: Sie picknicken im Park, naschen Kekse und schlürfen selbst gemixten Bananenshake. Sie liefern sich eine Wasserschlacht im Freibad oder stehen in Richters Küche und backen Zitronenkuchen mit viel Zuckerguss. Beim Uno-Spielen gewinnt meist Mia und verlangt grinsend nach einer weiteren Runde. Ganz leicht scheint in diesen Stunden alles, und Mia bekommt eine Aufmerksamkeit geschenkt, die zu Hause nicht immer selbstverständlich ist.

Auf der Familie lastet ein Schatten

Ihre Mutter leidet an einer Persönlichkeitsstörung. Emotionen anderer zu deuten oder Situationen richtig einzuschätzen fällt Claudia Bergmann schwer. An manchen Tagen fühlt sie sich einfach nur niedergeschlagen. Sie ist eine gebildete Frau Anfang 40 mit einem guten Job, der man anhört, dass sie über ihre Situation viel nachgedacht hat. Sie war in Kliniken, sprach regelmäßig mit einer Therapeutin, ist sich ihrer Krankheit bewusst. Doch eine psychische Störung überspielt man nicht wie einen Schnupfen, man kuriert sie nicht aus wie eine Grippe. Oft begleitet die Krankheit einen über Jahre und schlägt vor allem in Krisenzeiten voll zu.

Als Kind hat Claudia Bergmann nie Vernachlässigung erfahren. Und doch lastete ein Schatten auf der Familie. Den Vater quälten Erinnerungen aus der Kindheit im Krieg, die Mutter schleppte ihr eigenes Päckchen mit sich. Die Eltern hätten sich sehr um ihre Schwester und sie bemüht, versichert Bergmann. Trotzdem wurden beide Kinder psychisch krank. Das macht ihr Angst. Kann sie verhindern, dass sich die Geschichte bei ihrer eigenen Tochter wiederholt?

Lesen Sie auch aus unserem Plus-Angebot: Jobprogramm für Flüchtlinge – Der Lokführer aus Syrien

Bei einer Erziehungsberatung im Jugendamt hörte sie vom Patenschaftsprogramm der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, kurz Eva. „Viel falsch machen Sie gar nicht, sagte die Frau zu mir“, erinnert sich Bergmann. „Vielleicht brauchen Sie einfach nur jemanden, der sie unterstützt.“ Bergmann zieht ihre Tochter alleine groß, Mias Vater schickt nicht mal zu Weihnachten einen Gruß. Aus der Verwandtschaft war keine Hilfe zu erwarten. Jemand Außenstehendes sollte die Lücke füllen.

Wie wird man „Aufwind“-Patin?

Seit 2012 vermittelt die Eva ehrenamtliche Patenschaften für Kinder, die in Familien mit psychischen Erkrankungen aufwachen. Denn allzu oft werden diese Kinder vom Hilfesystem übersehen. „Sie sind meist sehr angepasst, übernehmen viel Verantwortung und geben sich unendlich Mühe, nach außen hin gut zu funktionieren“, sagt Ulrike Scherer, eine der Ansprechpartnerinnen von „Aufwind“, wie das Angebot heißt. Eingegriffen wird erst, wenn die Kinder selbst zum Therapiefall geworden sind. Das Risiko ist hoch.

Studien zeigen, dass etwa 30 Prozent aller Kinder, die mit einem psychisch kranken Elternteil aufwachsen, später selbst eine Störung entwickeln. Dem will „Aufwind“ vorbeugen. Aus der Resilienzforschung weiß man, dass eine feste Bezugsperson stabilisierend wirken kann. „Jemand, der einem den Rücken stärkt und von dem ein Kind sagen kann: ,Dieser Mensch steht komplett auf meiner Seite“, erklärt Scherer. Doch gerade solche Beziehungen fehlen im Leben der betroffenen Eltern. Psychische Krankheiten gehen oft mit einer sozialen Isolation einher.

So trat Sarah Richter in das Leben von Mia und ihrer Mutter. Mit ihren 24 Jahren ist sie die jüngste „Aufwind“-Patin. Eine ausgeglichene, lebenslustige Frau, die aus Mia die Fröhlichkeit herauskitzelt. Die in guten Zeiten eine Spielkameradin ist, in schlechten eine Freundin, bei der man sich aussprechen kann. Jemand, der auch dann einen positiven Blick auf die Welt vermittelt, wenn in der Familie gerade Grabesstimmung herrscht. Die Mutter musste erst mal schlucken, als sie hörte, wie jung Sarah Richter ist. „Ich hatte eher eine Art Leihoma im Kopf“, erinnert sie sich. „Aber Mias Strahlen nach den Treffen ist die beste Werbung.“

Ein Ehrenamt zum Ausgleich

Schon als Jugendliche sprang Sarah Richter gern als Babysitterin ein. Als sie dann wegen eines Jobs neu nach Stuttgart zog, suchte sie ein Ehrenamt, einen Ausgleich zu ihrem verkopften Bürojob. „Die Beschäftigung mit Kindern hat mir immer viel gegeben“, sagt sie. So stieß sie im Internet auf „Aufwind“. Nach gut einem Jahr hat sie das Vertrauen der anfangs etwas schüchternen Mia gewonnen. „Das Verhältnis ist sehr eng geworden.“

Neulich hat Mia das erste Mal bei Sarah Richter übernachtet. Sie verwandelten den Esstisch mit Decken in eine Höhle, hängten eine Lichterkette zwischen die Stühle und schauten eingekuschelt eine Folge der Kinderserie „Kleine Prinzessin.“ Sie aßen Pizza, machten eine Kissenschlacht und flochten sich gegenseitig hübsche Frisuren. Irgendwann schlummerte Mia ein und schlief so gut und lang, dass Sarah Richter sich fragte, ob sie das Mädchen wohl wecken müsste.

Von zu Hause erzählt Mia wenig. Sie genießt es einfach, dass jemand Zeit mit ihr verbringt. Wie viel sie von der Krankheit ihrer Mutter weiß, das lässt sich schwer sagen. „Direkt darüber geredet haben wir nie“, sagt Claudia Bergmann. „Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, ohne Ängste auszulösen.“ Wie in Worte fassen, was für einen selbst nur schwer greifbar ist? Einmal im Monat tauscht sich Claudia Bergmann mit anderen betroffenen Familien bei einem „Kidstime“-Nachmittag der Eva aus. Dort sollen die Kinder behutsam an das Thema psychische Erkrankungen herangeführt werden.

Mia ist eine Denkerin

Die Belastungen der „Aufwind“-Familien sind vielfältig. Depressionen, Angsterkrankungen, Bipolare Störungen. Diagnosen, die nur erahnen lassen, welche Auswirkungen sie auf das Leben der Betroffenen haben – und die selbst die besten Eltern manchmal an das Ende ihrer Kraft bringen können.

Mia hat feine Antennen. Sie ist eine Denkerin, die oft noch nach Wochen wieder auf einen Gedanken zu sprechen kommt. Wahrscheinlich ahnt sie, dass ihr Familienleben sich von dem ihrer Klassenkameradinnen unterscheidet. Bisher geht sie mit der Unbekümmertheit eines Kindes darüber hinweg. Zumindest nach außen hin.

Lesen Sie auch aus unserem Plus-Angebot: Zwei Frauen mit Multipler Chemikalien-Sensibilität – Unser täglich Gift

Auf dem Stuttgarter Spielplatz hat Nieselregen Mia und ihre Patin von der Wiese vertrieben. Die Picknickdecke haben sie in den Sandkasten gezogen. Unter dem Schutz eines Kastanienbaums spielen sie Karten. Um halb sechs kündigt Sarah Richter die letzte Uno-Runde an. Die wirklich letzte. Manchmal zieht sich ein Spiel so lange, dass sie die Mutter anrufen müssen: wird heute später.

Pläne für eine schöne Zukunft

Mia hat bereits Pläne für zukünftige Treffen geschmiedet. Irgendwann möchte sie mit Mutter und Patin verreisen, am liebsten im Wohnmobil. Oder sie schlafen gemeinsam in Hängematten im Wald – sobald sie sich im Dunkeln nicht mehr vor Monstern fürchtet.

Wie lange eine Patenschaft dauert, ist nicht festgeschrieben. Im Idealfall begleiten die Paten ihre Schützlinge durch die Kindheit hindurch. Wie lange sich Sarah Richter und Mia wöchentlich sehen können, ist ungewiss. Gut möglich, dass Sarah Richter in ein paar Jahren zurück in ihre Heimat Bayern möchte. Auf das Risiko ließ sich die Mutter ein.

Noch sind diese Gedanken weit weg. Mia gewinnt jubelnd die letzte Uno-Runde. Auf die Frage, was das Beste an ihrer Patin sei, antwortet sie: „Dass sie da ist.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Reportage Patenschaft