Im Stuttgarter Rathaus geht es wieder hoch und runter: Zur Wiederinbetriebnahme der Paternoster sind mehr als 200 Bürger gekommen, um dieses freudige und weltbewegende Ereignis gebührend zu feiern.

Stuttgart - Im Stuttgarter Rathaus bewegt sich wieder etwas. Genau um 12.43 Uhr setzte sich am Dienstag der Paternoster im Foyer unter dem Beifall der 200 Zuschauer nach acht Wochen Stillstand wieder in Bewegung. Und es gilt festzuhalten, dass die Wiederinbetriebnahme nur ein Scherenschnitt für Umweltminister Franz Untersteller und Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle, aber ein großer Schritt für die Menschheit war. Dafür muss ja auch nicht immer der Mond herhalten.

Hinter dem müssen aber Beamte des Bundesarbeitsministeriums gesteckt haben, die in 58 Seiten einer Betriebssicherheitsverordnung ein Paternosterverbot zum 1. Juni 2015 versteckten. „Was danach in der Öffentlichkeit passierte, nennt man heute Shitstorm“, erklärte Untersteller. „Das sind heftige Proteste“, übersetzte er für die älteren Anhänger der so genannten „Personenumlaufaufzüge“. Beide Widerstandsformen hätten zur Rücknahme des Verbots geführt. Da habe sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel eingegriffen, betonte der Minister.

Sicherheitstraining mit Bürgermeister

Deshalb konnte Bürgermeister Wölfle trotz der heftigen Debatte über Fahrverbote wegen des Feinstaubs und des Stickoxids im Rathaus am Dienstag „freie Fahrt für freie Bürger“ verkünden. Vor dem Einstieg in den „gefährlichen Paternoster“ gab er den Stuttgartern allerdings noch die vorgeschriebene Sicherheitsunterweisung. „Einen Fuß rein, den anderen nachziehen und schon geht es los.“ Beim Aussteigen sei es genau umkehrt: „Einen Fuß raus, dann einfach den anderen rausziehen.“

Danach war das „fahrende Volk“ aber nicht mehr zu halten. Musikalisch unterstützt durch Diana Ross mit „Upside Down“ oder „ Start me up“ von den Rolling Stones ging es aufwärts. Für die meisten Fahrgäste endete die Fahrt im vierten Stock des Rathauses, wo die Stadt großzügig Laugenrössle und Getränke spendierte. Sicherheitsorientierte Bürger konnten vor dem Eintritt in die Paternoster-Umlaufbahn im Erdgeschoss noch rasch eine symbolische Führerscheinprüfung ablegen.

Experten erwarten schnellere Verwaltungsabläufe

Das Großereignis des Jahres fand unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt, obwohl weltweit noch nie ein Paternoster gekapert oder gar entführt worden ist. Das ständige Auf und Ab der Kabinen inspirierte einen Zeitgenossen sogar zu philosophisch-tiefgründigen Ansichten: „Das ist wie im Leben“, befand er. „Da geht es auch mal nach oben, mal nach unten.“

Im alltäglichen Verwaltungsbetrieb erwarten Logistikexperten erhebliche Veränderungen im Rathaus. Die Beförderungsgeschwindigkeit von 0,4 Meter pro Sekunde sei geeignet, Verwaltungsabläufe deutlich zu beschleunigen, hieß es. Aber selbst bei dieser „Raserei“ könne so mancher Stadtrat unterwegs durchaus feststellen, dass Tempo 30 eigentlich doch gar nicht so langsam sei.

Offene Bauweise sorgt für Transparenz

Ungeklärt ist bis jetzt noch, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die Paternoster zu den geschlossenen Aufzügen im Rathaus stehen. Die Umlaufkabinen seien sozusagen die Cabrios unter den Aufzügen, lautet eine Theorie. Denn unterwegs könne man bei der Fahrt mit Aussicht zwar nur kurze, aber dennoch recht tiefe Einblicke in jedes durchfahrene Stockwerk gewinnen. Diese offene Bauweise sorgt auch für eine gewisse Transparenz im Rathaus. Man sieht nämlich gleich, wer mit wem in einer der Kabinen steckt.

Weniger nervenstarke Naturen können bei der Fahrt in den anderen Behältnissen ähnelnden Holzkisten allerdings auf recht trübe Gedanken kommen. Doch so lange der Paternoster rumpelt und ächzt, geht auch das Leben weiter.

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