Das Tanztheater „Path of Miracle“ entführt das Publikum im nackten und kalten Ambiente einer Tiefgarage in das Seelenleben von Jakobsweg-Pilgern – und rührt es fast zu Tränen.

Die Sindelfinger Premiere fand bereits im März in der leeren Martinskirche statt. Jetzt gab es am Wochenende drei Aufführungen von „Path of Miracles“ im Rahmen der Biennale. Das nahezu populäre Stück wurde in der Tiefgarage der Gottlieb-Daimler-Berufsschule präsentiert. Das 1971 komponierte Stück wird weltweit relativ häufig aufgeführt, unter anderem auch vom WDR in Köln produziert. Grundlage sind Aufzeichnungen über die Bewältigung des Jakobspilgerweges im Südwesten Europas.

 

Dem Komponisten Joby Talbot ist ein außerordentlich wirkungsvolles Musikstück gelungen, das auf jede oberflächlich populistische Art verzichtet. Geschildert werden vier Stationen der fiktiven Pilgerreise. Emotional in Musik übersetzt Talbot jedoch keine Abläufe oder Handlungen, sondern Seelenzustände der Pilger, die Herausforderungen, göttlichen Beistand, Zuversicht und Sehnsucht nach dem Ziel beinhalten.

Die Betrachtung der Aufführung kann natürlich nicht ohne den Aufführungsort geschehen. Kulturamtsleiter Markus Nau und Daniel Tepper hatten die Tiefgarage als Bühne schon länger im Auge und jetzt machten sie es wahr. Der Beton am Boden, an der Decke und an den Säulen sorgte für grandiose akustische Verhältnisse. Die neutrale und abweisende Atmosphäre verstärkte noch die Expressivität der pantomimischen Tanzdarbietungen und des Chorgesangs. Der lange Nachhall verwischte nichts, die Musik erklang stets leuchtend klar, was bei vielen großen Kirchengebäuden meistens nicht der Fall ist. Auch die begeisterten Bravi am Schluss waren raumfüllend.

Oldtimer verkörpern Vergänglichkeit

Nicht ganz zufällig standen in der leeren Tiefgarage einige Oldtimer-Autos, sie waren nicht nur besonders schön (MG und Alfa Romeo), sondern außerdem thematisch durchaus an das Projekt gebunden: Die Karossen verkörpern Vergänglichkeit und Beständigkeit in einem. Geschickt war die große zur Verfügung stehenden Fläche in der Tiefgarage benutzt, sodass das Publikum zu den einzelnen Stationen mitwanderte.

Bezirkskantor Daniel Tepper hatte die musikalische Gesamtleitung inne. Foto: Eibner/Tadas Svetikas

Getanzt hat das Stück das Andas-Ensemble der Musikschule Sindelfingen und begleitende Pilgerinnen, ebenfalls von dort. Die sechsköpfige, weibliche Tanzgruppe verkörperte die im Text skizzierten, von Gefühlen geprägten Stationen. Die abstrakt wirkenden Bewegungen waren ausdrucksvoll auf das musikalische Geschehen abgestimmt und verkörperten versteinertes Verharren, stürmische Vorwärtsbewegung oder auch mal ein geordnetes Durcheinander. Gelegentlich traten mit einer Handgelenks-Lampe versehene Pilgerinnen dazu und schienen den Tänzerinnen immer mal wieder den Weg zu zeigen. Ein In-sich-gekehrt-sein, hoffnungsvoll die Arme in den Himmel strecken, temperamentvolle Kommunikation und ungläubiges Staunen setzten die Darstellerinnen und Darsteller nachvollziehbar in Körpersprache um.

Die Choreografie stammt von Alicia Jehle, Olivia Musleh und Monika Heber-Knobloch. Die monochromen Kostüme entwarf Andrea Broda, den jeweils einleitenden Text rezitierte Ingo Sika und die raffinierte Lichttechnik stammt von Christian Ländner. Die Gesamtleitung lag bei Bezirkskantor Daniel Tepper. Den Chorpart übernahm das Sindelfinger Vokalkabinett. Die Sängerinnen und Sänger intonierten stets im Dunkeln, mal von der einen, mal von der anderen Seite.

Licht, Tanz, Gesang, Untergrund Foto: Eibner/Tadas Svetikas

Die Komposition demonstrierte auf eindrucksvolle Weise, dass moderne Musik wirkungsvoll sein kann, im weitesten Sinne leicht verständlich, aber auch ohne vordergründige Provokation auskommt. Das sehr komplexe Miteinander von Rhythmen, changierenden Klangflächen und einem vielfältigen Spiel mit den verschiedenen Chorstimmlagen sorgte für eine spannungsvolle, stets zum Zuhören zwingende Konzentration. Die 250 Zuschauer verharrten auch nahezu atemlos in der 75-minütigen Darbietung. Ein Kommentar: „Da kommen einem ja die Tränen“.

Besonders effektvoll geriet der Schluss: Passend zum Thema Pilgerreise verließen Sängerinnen und Sänger zu Fuß einzeln den Bühnenraum. Die künstlerisch überzeugende Inszenierung von „Path of Miracles“ geriet somit zu einer intensiven Klangreise. Der in den verschiedenen Lagen ausgeglichene und klangvolle Chor realisierte eine expressive Vorstellung. Für das Gesamtprojekt bleibt als Fazit nur eines übrig: große Anerkennung.

Biennale Sindelfingen

Zeitrahmen
Die 6. Biennale in Sindelfingen läuft vom 28. Juni bis 26. Juli. Das Kulturfestival findet alle zwei Jahre statt und steht im Gedenkjahr „500 Jahre Bauernkrieg“ unter dem Motto „Freiheit und Verantwortung“.

Theater
Derzeit laufen unter anderem die Theateraufführungen „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Versöhnungskirche. Zudem gibt es von Freitag bis Sonntag das Carrara-Kurzfilmfest im Jugendhaus Süd.

Internet
Mehr Infos und das Programm unter: biennale-sindelfingen.de im Netz. (krü)