Patricia Urquiola Warum an dieser Designerin niemand vorbeikommt

Von Nicole Knaupp 

Patricia Urquiola ist derzeit die wohl erfolgreichste Möbeldesignerin der Welt. Ihre Entwürfe sind so allgegenwärtig wie ihre Ideen unerschöpflich. Ihr Ziel: Etwas zu schaffen, das größer ist als sie selbst. Ein Porträt über eine Powerfrau, die immer auf den Sprung ist.

Patricia Urquiola wurde 1961 in Oviedo geboren, begann in Madrid Architektur zu studieren und beendete ihre Ausbildung bei Achille Castiglioni. Nachdem sie ihr Studio Urquiola in Mailand gegründet hatte, avancierte es in kurzer Zeit zu einem international beachteten Design- und Architekturbüro. Produkte und Möbel von Unternehmen wie Moroso, Kartell, Alessi und B&B Italia tragen heute ihre Handschrift. Foto: Max Zambelli for Mutina RITAGLIATA 12 Bilder
Patricia Urquiola wurde 1961 in Oviedo geboren, begann in Madrid Architektur zu studieren und beendete ihre Ausbildung bei Achille Castiglioni. Nachdem sie ihr "Studio Urquiola" in Mailand gegründet hatte, avancierte es in kurzer Zeit zu einem international beachteten Design- und Architekturbüro. Produkte und Möbel von Unternehmen wie Moroso, Kartell, Alessi und B&B Italia tragen heute ihre Handschrift. Foto: Max Zambelli for Mutina RITAGLIATA

Maria Patricia Urquiola Hidalgo, 1961 im asturischen Oviedo geboren, ist eine Entwurfsmaschine. Sofas und Stühle, Beistelltische, Spiegel und Teppiche gehören zu ihrem gestalterischen Spektrum sowie Restaurants, Hotels und Showrooms. Allein für den italienischen Hersteller Moroso hat die spanische Architektin und Designerin eine knappe Hundertschaft Möbel entworfen. Die Kreativdirektorin und Firmeninhaberin Patrizia Moroso bezeichnete Patricia Urquiola in einem Interview mit der architare Geschäftsführerin Barbara Benz als einen „Fixstern für ihr Unternehmen“.

Im Laufe der letzten 20 Jahre hat Patricia Urquiola für Moroso viele spektakuläre Entwürfe designt. Darunter das klassische Sofa „Lowland“ und den Sessel „Fjord“. Unverwechselbar für die Designsprache von Urquiola ist auch die Serie „Redonda“, zu der mittlerweile neben Sofas und Sesseln auch ein Bett gehört. Die sanft geschwungenen Möbel kommen ganz ohne Kanten aus und machen dem Begriff Cocooning alle Ehre. Die weiche gesteppte Polsterung ergibt eine elegante dreidimensionale Form.

Neben Moroso zählen BMW, der Badhersteller Laufen oder die Teppichmanufaktur Ruckstuhl zu Patricia Urquiolas breit gestreuten Auftraggebern. Und natürlich Cassina. Seit 2015 ist Patricia Urquiola für das italienische Traditionsunternehmen als Artdirektorin tätig.

Patricia Urquiola macht Cassina fit für die Zukunft

2017 sollte die energiegeladene Spanierin kurz vor dem 90. Geburtstag Cassinas das kostbare und manchmal auch übermächtige Erbe in die Zukunft führen. „Zurücksehen, um vorwärts zu gehen“ nannte Cassina-Geschäftsführer Gianluca Armento das Projekt. Bei Cassina ist Patricia Urquiola heute die Frau für alles. Artdirektorin ist schließlich so ein fluffiger Titel. Man kann sich vieles darunter vorstellen, vom Corporate Design, einer kuratierten Kollektion bis hin zu (künstlerischen) Interventionen im Raum. All das übernimmt die Design-Architektin tatsächlich, die mit ihrem sprühenden Charme und südländischer Energie Gesprächspartner schon mal überrollt.

Ihre erste Amtshandlung: den Firmensitz in Meda, rund 30 Kilometer nördlich von Mailand, auf Stand bringen. Während sie die 70 Jahre alten Industriehallen nur renovierte, verpasste Urquiola dem von der Straße aus sichtbaren Verwaltungsbau eine Frischzellenkur: schwarze Fassaden, perforiertes Aluminium und einen Turm aus rotem Metall. Das ist die eine Seite von Patricia Urquiola, das Laute, Lebhafte, Lebendige. Die andere Seite zeigt einen Hang zur Perfektion.

Das Design bleibt, die Farben und Materialien passen zu unseren heutigen Bedürfnissen

Ihre erste Kollektion "MutAzioni" knüpfte bewusst an bereits existierende Produkte an. Rietvelds Klassiker "Red and Blue" sowie "Utrecht", dazu "Doge", "Wink" und "Met" machten den Anfang. Die Ikonen überraschten durch freche Farbkombinationen, erdiger und luftiger zugleich. Urquiola aktualisierte zahlreiche Entwürfe: "Dabei wurde nicht das Design selbst verändert, sondern Details wie die Farbe oder das Material, um das Objekt so den heutigen Bedürfnissen anzupassen." 

Mittlerweile sind auch einige eigene Entwürfe Urquiolas hinzugekommen, wie beispielsweise der Ohrensessel "Gender" (2016), "Beam", ein Sofa-System (2016), oder das "Floe"-Insel- Sofa (2017). Wenn etwas diese Individualisten verbindet, so ist es ihre Verschiedenheit. Urquiola verwob das Technische (als weitgehend unsichtbare Konstruktion) mit dem Weichen (Polsterung, Stoffe und Formgebung) und scheute auch nicht vor mutigen Farbkombinationen zurück. So strahlt "Gender" in Hellgrün/Rosa oder in Rotbraun/Braun/Petrol.

„Das Einzige, was mich zufrieden macht, ist, morgens aus dem Bett aufzustehen und Ideen im Kopf zu haben, die ein bisschen größer sind als ich“, behauptet Urquiola von sich

Und das nimmt man der Powerfrau gerne ab. "Manchmal verfolge ich diese Ideen leidenschaftlich, manchmal auch schon obsessiv." Dieser Mut hat System bei der Ausnahmegestalterin, die bereits 2016 die weibliche Spitzenreiterin innerhalb der Dezeen Hot List war, so etwas wie eine inoffizielle Champions League aller Gestalter.

Urquiola studierte in Madrid und Mailand und gründete 2001 mit ihrem Mann Alberto Zontone, der zuvor sechs Jahre als Export-Manager bei Moroso gearbeitet hatte, ein eigenes Studio in Mailand. Das Paar hat zwei Töchter, Giulia und Sofia. Als Geschäftspartner ist es die ideale Verbindung aus Ruhe (er) und Feuer (sie). "Die Aufgabe eines Designers besteht darin, ständig zu hinterfragen, zu kritisieren und sich Gedanken über zeitgemäße Lebensformen und Bedürfnisse zu machen", ist die Gestalterin überzeugt. Urquiola ist schließlich zuständig für die große Linie. So zeigte sie sich regelrecht überrascht, als ihr Gesprächspartner, Redakteur eines Hamburger Wohnmagazins, fragte, wie viele Menschen eigentlich für sie arbeiten würden. Urquiola zählte daraufhin nochmals nach. Und kam auf neun bis zehn Architekten sowie fünf bis sechs Designer alleine in ihrem eigenen Studio. Dazu kommt die Mannschaft bei Cassina.

Für die Designschmiede Cassina haben in 90 Jahren nur drei Frauen gearbeitet – Patricia Urquiola passt perfekt dazu

Alle Designer haben für Cassina gearbeitet: Ronan und Erwan Bouroullec, Philippe Starck, Markus Jehs und Jürgen Laub, Toshiyuki Kita, Jean Nouvel, Mario Bellini sowie Piero Lissoni oder Jaime Hayon. Dazu kommen natürlich die Altmeister Gio Ponti, Vico Magistretti und Gaetano Pesce. Eine Liste mit maximalem Männerüberschuss. Unter den Gestaltern finden sich gerade drei Frauen, sieht man von Urquiola einmal ab: Meret Oppenheim mit ihrem Krallenfußtisch "Traccia", Zaha Hadid mit dem kubischen Sessel "131 ZH One" sowie dem Sofa "Zephyr" und die wunderbare Charlotte Perriand mit einer ganzen Kollektion von Tischen, Sofas und Regalen.

In der "Welt" schwärmte Gabriele Thiels über die Klassikerschmiede: "Mut, Forschergeist und Innovationskraft" zeichne sie aus. Dazu käme die Verbindung von industrieller und handwerklicher Fertigung und vor allem die enge Zusammenarbeit mit Designern und Architekten. All das mache "das Unternehmen zu einem der Mitbegründer des ‚bel design‘ der Nachkriegsjahre, des schönen Designs also, durch das Italien die Nation der guten Form wurde". Eine Liebeserklärung könnte man nicht schöner formulieren. Maria Patricia Urquiola Hidalgo passt perfekt dazu. Als sie die FAZ einmal nach ihren modischen Stilvorbildern fragte, antwortete die Nordspanierin ebenso schlagfertig wie offen, es sei doch furchtbar langweilig, wenn Menschen den Stil von anderen übernähmen: "Der Stil sollte zur Seele passen, sich natürlich anpassen." 

Nun arbeitet sie schon seit vier Jahren als Artdirektorin bei Cassina, zusätzlich zu all ihren anderen Projekten, und es scheint ihr richtig Spaß zu machen. Sonst wäre die Umtriebige längst weitergezogen. Es gibt schließlich so viel zu gestalten.

Für die Bildergalerie haben die Einrichtungsprofis von architare ihre Top Ten an Designklassikern und Neuheiten von Patricia Urquiola zusammengestellt.