InterviewPatrick Auracher von den Stuttgarter Kickers „Würden in Regionalliga nichts mit dem Abstieg zu tun bekommen“

Von Jürgen Frey 

Es ist noch ein weiter Weg bis zum Aufstieg, doch die Ausgangsposition für die Stuttgarter Kickers ist gut. Abwehrstratege Patrick Auracher äußert sich über die Chancen, Parallelen zum Aufstiegsteam unter Dirk Schuster und seinen Nebenjob als Co-Trainer.

Erfahrener Mann im Abwehrzentrum der Stuttgarter Kickers und stets ein Vorbild in Sachen Kampfbereitschaft und Einsatzwille: Patrick Auracher. Foto: Baumann 21 Bilder
Erfahrener Mann im Abwehrzentrum der Stuttgarter Kickers und stets ein Vorbild in Sachen Kampfbereitschaft und Einsatzwille: Patrick Auracher. Foto: Baumann

Stuttgart - Die Stuttgarter Kickers stehen in der Fußball-Oberliga vor einem Heimspiel-Doppelpack. An diesem Samstag kommt die Neckarsulmer Sport-Union, am 23. März (beide 14 Uhr) Germania Friedrichstal. „Wir haben die Riesenchance, uns ein bisschen Luft zu verschaffen“, sagt Abwehrstratege Patrick Auracher (29).

Herr Auracher, das vergangene Wochenende konnten Sie bestimmt genießen?

Natürlich, wir haben 1:0 bei Normannia Gmünd gewonnen, sind wieder Spitzenreiter und haben sogar noch ein Nachholspiel. Am Sonntag war ich dann als Co-Trainer im Einsatz.

Als Co-Trainer?

Ja, ich unterstütze den Chefcoach der Frauen-Mannschaft vom FC Stern Mögglingen, wo meine Freundin Julia (Anm. d. Red.: Die Schwester des früheren Kickers-Spieler Simon Köpf) als Stürmerin am Ball ist. Die Aufgabe macht mir in meiner Freizeit durchaus Spaß.

Spaß dürfte Ihnen als Verteidiger auch die Defensivleistung Ihrer Mannschaft machen. Wissen Sie, zum wievielten Mal die Kickers in dieser Saison bei einem Punktspiel ohne Gegentor blieben?

Nein, ich führe keine Statistik, sondern konzentriere mich auf meine Aufgabe auf dem Platz.

Im 21. Saisonspiel zum 13. Mal. Zum siebten Mal gab es einen 1:0-Sieg zu bejubeln.

Das zeigt, dass bei uns die Null steht, die Basis zum Erfolg. Wir haben die beste Defensive der Liga, und vorne haben wir immer die Qualität ein Tor zu erzwingen.

Ist auch ab und zu ein Quäntchen Glück dabei?

Das gehört dazu, aber wenn knappe Siege in dieser Häufigkeit wie bei uns vorkommen, dann hat das irgendwann nichts mehr mit Glück, sondern mit Qualität und Mentalität zu tun. Nehmen wir die letzte Aufgabe in Schwäbisch Gmünd. Dort haben andere Spitzenteams wie der SSV Reutlingen, der SGV Freiberg und der FC Nöttingen nur Unentschieden gespielt. Auch in Bissingen hat die Normannia ein 0:0 geholt. Wir wussten, dass das ein ganz ekliges Spiel wird und müssen uns für solch einen 1:0-Erfolg wahrlich nicht entschuldigen.

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Dennoch sieht es nicht immer souverän aus wie die Kickers auftreten. Wünschen Sie sich nicht auch mehr Dominanz und Klasse?

Zunächst einmal schafft es kein Team der Welt, den Gegner 90 Minuten lang zu dominieren. Aber klar, wir alle wünschen uns Dominanz und spielerische Elemente. Doch über allem steht im Leistungssport nun mal das Ergebnis.

Haben Sie eine Erklärung für die vielen langen Bälle wie zum Beispiel in der ersten Halbzeit beim Heimspiel gegen den Bahlinger SC?

Wir sind manchmal zu ungeduldig. Wenn wir Räume sehen, spielen wir zu schnell in die Spitze, anstatt die Spielkontrolle zu behalten und vielleicht noch einmal hinten herum zu spielen. Die Qualität, auch spielerisch zu überzeugen, haben wir aber definitiv. Und das haben wir auch schon oft genug bewiesen.

In Gmünd haben Sie erstmals von Beginn an mit Kapitän Tobias Feisthammel gemeinsam in der Innenverteidigung gespielt. Ist die Idealbesetzung im Abwehrzentrum jetzt gefunden?

In Gmünd hat es gut funktioniert. Wir beide sind zwei erfahrene, zweikampfstarke Spieler, die eine Mannschaft von hinten heraus führen können. Wir versuchen dem Team Sicherheit zu geben. Aber in jedem Spiel legt unser Trainer aufs Neue fest, was die beste Formation für den Gesamterfolg unserer Mannschaft ist.

Daniel Niedermann musste durch die Umstellung aus der Anfangsformation weichen. Auch Marvin Jäger hat bis zum 2:4 am 20. Oktober gegen den SGV Freiberg immer in der Innenverteidigung gespielt und brummt seitdem auf der Bank.

Das stimmt, aber jeder in unserer Mannschaft wird gebraucht und irgendwann auch wieder Einsatzzeiten bekommen. Dass Tobi und ich im Abwehrzentrum spielen, ist nicht in Stein gemeißelt.

Nun stehen an diesem Samstag (14 Uhr) gegen den Tabellen-13. Neckarsulmer Sport-Union und am 23. März (14 Uhr) gegen Schlusslicht FC Germania Friedrichstal zwei Heimspiele hintereinander an. Eine große Chance für die Kickers, sich an der Spitze möglicherweise ein Polster zu verschaffen?

In dieser Liga müssen wir um jeden Sieg hart kämpfen. Aber natürlich ist es unser Ziel, beide Spiele zu gewinnen. Wir haben die Riesenchance, uns ein bisschen Luft zu verschaffen.

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Das Programm am Saisonende hat es in sich.

Korrekt, aber wir können diese Gegner auch alle schlagen. Vielleicht haben sie auch ein bisschen Respekt vor uns – durch unsere vielen knappen Siege.

Sie waren schon 2012 beim Aufstieg der Kickers von der Regionalliga in die dritte Liga dabei – gibt es Parallelen zur aktuellen Mannschaft?

Ich war damals einer der Jungen, jetzt bin ich einer der Alten – das ist schon mal ein Unterschied. Vergleichbar ist die Stimmung in der Kabine. Wir verstehen uns alle hervorragend. Ich würde für jeden Mitspieler die Hand ins Feuer legen, dass er immer alles gibt, Respekt vor jedem Gegner hat und eben auch Gegner wie Normannia Gmünd oder Germania Friedrichstal nicht auf die leichte Schulter nimmt.

Gibt es zwischen dem damaligen Aufstiegstrainer Dirk Schuster und dem aktuellen Coach Tobias Flitsch Gemeinsamkeiten?

Eigentlich nicht. Sie sind sehr unterschiedlich. Dirk Schuster war immer der harte Hund. Tobias Flitsch legt sehr viel Wert auf Details. Bis hin zum Laktattest ist alles sehr ausgetüftelt.

Damals wie heute haben die Kickers keinen Gegner mit Hurra-Fußball vom Platz gefegt.

Das stimmt und es nervt mich ein bisschen, dass die Erwartungshaltung auch aktuell immer da ist, dass wir Kantersiege landen. In der Oberliga spielen viele hervorragende Fußballer, die Regionalliga oder höher spielen könnten, nur verbinden Sie eben Job und Fußball miteinander.

Dann müssten die Kickers durch Ihre Arbeit unter Profibedingungen aber doch einen Vorteil haben?

Vielleicht ist das ja auch der Grund, dass wir hinten raus die Spiele mit 1:0 für uns entscheiden. Aber klar ist doch: in Freiberg, Reutlingen oder Bissingen wird auch viermal die Woche trainiert. Da haben wir vielleicht eine oder zwei Einheiten mehr, was nicht sonderlich viel ist.

Bis zum Aufstieg ist es noch ein weiter und steiniger Weg. Aber würden Sie stand heute sagen, dass die aktuelle Kickers-Mannschaft in der Regionalliga konkurrenzfähig wäre?

Das ist natürlich Zukunftsmusik und noch weit weg. Aber ich glaube, dass wir mit dem Abstieg nichts zu tun bekommen würden. Das zeigt für mich auch das Beispiel von Aufsteiger TSG Balingen. Sie stehen aktuell in der Regionalliga auf Platz zehn, und wir haben in der Winterpause im Testspiel hervorragend mitgehalten und sogar mit 2:1 gewonnen. In der Regionalliga wird ganz anderer Fußball gespielt, da spielen die Teams eher mit, stellen sich nicht hinten rein.

Ist Ihre fußballspielende Freundin eigentlich Ihr größter Kritiker?

Nein, über meine Leistung sprechen wir selten. Dafür ich umso mehr über ihre (lacht).

In unserer Bildergalerie zeigen wir Szenen aus der Karriere von Patrick Auracher. Klicken Sie sich durch!