Patzer im Abi Gemeinschaftskunde Abiturfrage löst heftige Diskussion aus

109 Schüler im Land haben die Abiturprüfung im Fach Gemeinschaftskunde am Freitag wiederholen dürfen, weil ein falscher Begriff in der Aufgabe genannt wurde. Die ursprüngliche Frage in der Aufgabe löst unter Experten eine heftige Diskussion aus.

Am Freitag wurde das Abi nachgeschrieben. Foto: dpa
Am Freitag wurde das Abi nachgeschrieben. Foto: dpa

Stuttgart - Ist die Minirevolte gegen das baden-württembergische Kultusministerium lediglich die Folge einer ungünstigen Formulierung? Ein Sturm im Wasserglas also? Fakt ist: 109 Schüler im Land haben die Abiturprüfung im Fach Gemeinschaftskunde am Freitag wiederholen dürfen, weil im ersten Durchgang am 6. Mai ein Begriff verwendet wurde, den die Mehrheit der Gymnasien im Unterricht nicht eingeführt hatte. Konkret wurde in einer Teilaufgabe verlangt, die Bedeutung der Nato für die Friedenssicherung anhand eines „Kategorienmodells“ zu erklären.

Kategorienmodell unangebracht

Kategorien-was bitte? Allein auf diese verquaste Begrifflichkeit angesprochen, wissen Politikwissenschaftler in Stuttgart oder Tübingen zunächst wenig damit anzufangen. „Es ist kein etablierter Begriff der internationalen Beziehungen“, sagt die Freiburger Professorin Diana Panke. Auch Fachleute für Sicherheitspolitik dürfte er irritieren. Weil aber der Bildungsplan von Abiturienten die Kompetenz verlangt, „die Struktur der internationalen Staatenwelt mithilfe eines Kategorienmodells zu beschreiben“, sind nun alle sauer: die Schüler, die angeblich säumigen Lehrer und die Ministerin. Ist der inkriminierte Begriff das wert?

Theorien bestehen aus Kategorien

Cathleen Kantner leitet am Institut für Sozialwissenschaften der Uni Stuttgart die Abteilung für Internationale Beziehungen und Europäische Integration. „Das ist keine fachwissenschaftliche Begrifflichkeit, sondern eine Umschreibung für Theorie“, sagt sie. Die Schüler hätten die Nato-Bedeutung theoretisch analysieren sollen. „Die Frage ist verständlich genug, würde ich sagen – auch für Abiturienten.“ Theorien bestünden aus Kategorien und seien verknüpft. Einen Aufstand gegen eine solche „Spitzfindigkeit“ halte sie jedenfalls für unangebracht.

Lehrer ist wütend

Ein wütender Gymnasiallehrer schrieb jedoch der Gewerkschaft GEW, der Begriff existiere so in der Politikwissenschaft nicht und komme auch in keinem Lehrwerk vor. Daher hätten ihn alle Kollegen im Unterricht fachlich zutreffend übersetzt in „Theorien der internationalen Beziehungen“, „Weltordnungsmodelle“ oder „Denkschulen“. „Wir unterrichten ja schließlich auch keinen Stoff oder ungebräuchliche Metabegriffe, sondern Kompetenzen – dachte ich zumindest bisher.“