Paul-Bonatz-Ausstellung Nicht stumm, sondern geknebelt

Von Eva Kirn-Frank 

Wurde die Kritik des Landesdenkmalsamtes an der geplanten Verstümmelung des Stuttgarter Hauptbahnhofs beamtenrechtlich ausgeschaltet?  

Historische Fotografie des Bahnhofsgebäudes, um 1930. Foto: dpa
Historische Fotografie des Bahnhofsgebäudes, um 1930. Foto: dpa

Tübingen - Die Architektur von Paul Bonatz (1877–1959), dem Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs, weist einen eigenständigen Weg in die Moderne: Tradition wird nicht einfach verworfen, sondern in eigene Formen umgeschmolzen. Daher stieß die fundierte Übersicht seines Gesamtwerks, die jüngst das Architekturmuseum in Frankfurt am Main ausstellte, bei Fachwelt und Publikum auf reges Interesse.

Jetzt ist die reich bestückte Schau über Bonatz’ „Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus“ nach Tübingen gewandert, wo Bonatz auch wegen des von ihm entworfenen harmonisch-beschwingten Lesesaals der Unibibliothek ein Begriff ist. Hier würdigt man nicht nur den Architektenstar von einst. Man diskutiert, was den Stuttgarter Bahnhof zu einem bewahrenswerten Baudenkmal macht. Und man beleuchtet, wie die Politik für Stuttgart 21 mit der Denkmalspflege umging.

Bei Neu- oder Umbauten wird oft Altes beschädigt; es gefällt nicht mehr. Vor dreihundert Jahren zogen die Freunde des Fortschritts in alte gotische Kirchenschiffe barocke Gewölbe ein. Die Enkel hätten viel lieber wieder das kaputtgemachte Original gehabt. Auch der Stuttgarter Hauptbahnhof, vor hundert Jahren geplant, entspricht heutigem Zeitgeschmack nur bedingt.

Der Hauptbahnhof als "Nabel Schwabens"

Wer an luftig-grazile Glasbauten gewohnt ist, dem ist seine natursteinerne Monumentalität zu viel. Die Kunsthistoriker Christian von Holst und Klaus Jan Philipp nennen sie gar faschistoid, obwohl die Bauzeit zwei Jahrzehnte vor den NS-Planungen liegt: 1911 der Wettbewerb, 1914 Baubeginn.

Erinnert man sich aber an den Deutschen Werkbund oder an Peter Behrens’ Bauten, erkennt man die gemeinsamen, dem Historismus widersprechenden Qualitäten: die monumentale Geste erwächst aus strenger Reduktion der Form und handwerklicher Materialgerechtigkeit. Bonatz verbindet beides mit moderner Asymmetrie, gestaffelten Baukörpern und hervorragender Funktionalität.

Die Monumentalität aber will den Einzelnen gerade nicht kleinmachen, sonst hätte Bonatz so etwas wie mannshohe Säulenbasen eingesetzt. Sie huldigte nicht einem Regime, sondern dem modernen Verkehr: der Zugang zur staatlichen Eisenbahn übertraf – vor der Ära des Autos – die Wichtigkeit jedes Stadttors. Im Bahnhof begann die pulsierende Verbindung zur Welt, er sollte, so Bonatz, „der Nabel Schwabens“ sein.

Fachliche Einwendungen gegen Stuttgart 21 nicht ernst genommen

Damit Unkundige nicht vorschnell Kulturgüter zerstören, gibt es das Landesdenkmalamt. Warum war in Sachen Bahnhofsverstümmelung nichts von ihm zu hören? Der ehemalige Oberkonservator Norbert Bongartz, jetzt im Ruhestand, hat eine Antwort: die Denkmalpfleger hätten sich sehr wohl gerührt. Ausführliche Gutachten hätten schon früh begründet, warum der Bahnhof als historisch bedeutendes Kulturdenkmal erhalten werden müsse. Und zwar mitsamt den rhythmisch gegliederten Seitenflügeln.