Stuttgart - Hey, lasst mich euch zeigen, wo es langgeht, schlägt der Mann vor, der einst in jener Band Bass gespielt hat, die von sich selbst behauptete, berühmter als Jesus zu sein. Er singt mit sich selbst im Duett, lockt mit mehrstimmigen Gitarrenmelodien mal hier und mal dort hin, probiert verschiedene Grooves aus, vertauscht raffiniert die Harmonien, sorgt dafür, dass sich der Song namens „Find my Way“ wunderbar im Kreis dreht, und macht am Ende kein Geheimnis daraus, dass er in diesen seltsamen Zeiten doch nicht wirklich als zuverlässiger Reiseführer taugt. Weil er selbst viel zu sehr damit beschäftigt ist, nach dem richtigen Weg zu suchen.
Andere gehen zum Friseur
Es ist allzu menschlich, auf Krisen nach dem immer gleichen Muster zu reagieren, um Sorge, Enttäuschung und Zorn besser ertragen zu können. Manche kaufen sich teure Klamotten. Manche betrinken sich. Manche gehen zum Friseur. Paul McCartney dagegen nimmt ein Soloalbum auf. Das machte er 1970, als John Lennon, George Harrison, Ringo Star und er beschlossen, nicht mehr die Beatles sein zu wollen. Das machte er 1980, als auch seine nächste Band, die Wings, vor der Trennung standen. Und das macht er nun im Jahr 2020, in dem sich keine einzelne Band, sondern das Popmusikgeschäft insgesamt im Zustand der Auflösung befindet – Corona sei Dank.
Natürlich ist die Platte namens „McCartney III“, die an diesem Freitag erscheint, nicht erst das dritte Soloalbum Paul McCartneys. Neben den zwölf Studioalben, die er mit den Beatles, und den sieben, die er mit den Wings veröffentlicht hat, sind, wenn wir uns nicht verzählt haben, 17 Alben unter seinem eigenen Namen erschienen. Doch nummeriert hat er nur die von 1970, 1980 und 2020, weil die jeweils für eine Art von Neuorientierung, einen Neuanfang, eben den Versuch, den richtigen Weg zu finden, stehen: „Find my Way“.
Auf der Platte von 1970 wollte McCartney seine Musik nach den zehn Beatles-Jahren, in denen die Lieder immer komplexer und aufwendiger wurden, entschlacken. Songs wie „Maybe I’m amazed“ oder „Every Night“ nahmen ein wenig die Lo-Fi-Ästhetik des Indiepop vorweg. 1980 hatte er keine Lust mehr auf klassische Rockmusik, experimentierte zu Hause mit Synthesizern herum und überraschte mit cleveren und verdrehten Dancefloor-Tracks wie „Coming up“ oder „Darkroom“.
McCartney spielt alle Instrumente selbst
2020 schließlich fühlt er sich wegen des Corona-Lockdowns mehr denn je auf sich selbst zurückgeworfen, hinterfragt musikalische Konzepte und nimmt – wie bei den anderen beiden Platten – den Ausdruck Soloalbum ernst. Er spielt alle Instrumente in seinem Heimstudio selbst ein. Mal zupft er den Kontrabass von Bill Black, der Mitglied in Elvis Presleys erster Band war, mal klimpert er auf dem Uralt-Mellotron herum, das schon zu Beatles-Zeiten in den Abbey Road Studios stand.
Als Rahmen des Albums dient das Lied „Long tailed Winter Bird“, das „McCartney III“ als nervöser Folksong eröffnet. McCartney legt Akustikgitarrenspuren übereinander, lässt eine Ein-Mann-Jamsession entstehen. In diesem Song ohne Refrain darf Verzerrtes herumnölen, tröten Flötendisharmonien psychedelisch dazwischen und klettern Gesangsfetzen die Tonleiter abwärts. Am Ende aber erweist sich dieser bizarre Tanz als das Intro für die zärtliche Pastorale „When Winter comes“, deren Geschichte bereits im Jahr 1992 begann, als McCartney gerade mit George Martin an dem Album „Flaming Pie“ arbeitete. Nur von einer Akustikgitarre begleitet spielt McCartney den Farmer, erzählt von Hühnern und Lämmern, davon, wie er Zäune repariert und Karottenbeete gießt. Er lässt den Song zu einem Lockdown-Idyll werden und ist wieder einmal sehr nah dran – am perfekten Popsong.
Ein bisschen auch Beschäftigungstherapie
Die Stücke zwischen dieser folkloristischen Klammer bleiben hin und wieder skizzenhaft, versuchen gar nicht zu verheimlichen, dass das Album auch eine Art Beschäftigungstherapie für McCartney war. Der fertigt hier Collagen aus Stimmungen und Sounds, nimmt sich Songideen vor, die sich in den letzten Jahren in seinen Regalen angesammelt haben. Dabei entstehen der lustige Glamrock-Boogie „Lavatory Lil“, der nicht nur wegen des Titels auch gut aufs „White Album“ gepasst hätte, der knurrige Bluesrocker „Slidin’“, die Folkpopnummer „Pretty Boys“ und die Ballade „The Kiss of Venus“.
Gleich zweimal stürzt sich der 78-Jährige in gar nicht altersgerechten R ’n’ B. „Deep deep Feeling“ und „Deep down“ sind mit Falsettgesang, verschrobenen Beats, schrillen Orgeln und aufdringlichen Synthie-Bläsern verzierte Songgeschwister, in denen McCartney von explodierenden Herzen und wilden Partynächten erzählt. Schließlich lebt man nur einmal, wie er dann auch im grandios-ulkigen Popsong „Seize the Day“ feststellt, in dem er einmal mehr den schrulligen Erzähler mimt („Yankee toes and Eskimos can turn to frozen ice“). Obendrein aber bietet er erneut Lebenshilfe nicht nur für Corona-Zeiten an und fordert seine Zuhörer auf, mehr aus jedem einzelnen Tag zu machen, statt ständig nur herumzumeckern.
Von den Beatles über die Wings zu sich selbst
Person
Paul McCartney wird am 18. Juni 1942 in Liverpool geboren. 1957 lernt er John Lennon kennen und wird Mitglied in dessen Band The Quarrymen, aus der 1960 die Beatles hervorgehen.
Beatles
Die erfolgreichste Band der Musikgeschichte hat nach Schätzungen der Plattenfirma mehr als eine Milliarde Tonträger verkauft. Die McCartney-Komposition „Yesterday“ (1965) ist der meistgespielte Popsong aller Zeiten. Im Jahr 1970 lösten sich die Beatles auf.
Wings
Die Band, die McCartney zusammen mit seiner ersten Ehefrau Linda gründete, zählte mit acht Top-10-Alben in Großbritannien und den USA zu den erfolgreichsten Bands der 1970er.
Serie
McCartney plant eine sechsteilige Dokuserie, die seine Karriere von den Beatles-Zeiten bis in die Gegenwart nachzeichnet. Wann und wo diese zu sehen sein wird, ist noch nicht bekannt.
Paul McCartney: McCartney III
(Universal) erscheint am Freitag, 18. Dezember.