Pauluskirche in Stuttgart-West Neustart in der Pauluskirche

Klare Formensprache für bewusstes Innehalten: Pauluskirche Foto: EGKG Stuttgart

Noch immer ist die Pauluskirche im Stuttgarter Westen eine Großbaustelle. Doch an diesem Sonntag will das Komitee „Paulus lebt!“ die Türen weit öffnen.

Die Freude ist groß, und es schwingt Stolz mit, wenn die Mitstreiterinnen und Mitstreiter des Komitees „Paulus hat Zukunft“ auf das kommende Wochenende blicken. In der Pauluskirche im Stuttgarter Westen wird an diesem Sonntag, 8. September, mit einer Ausstellungseröffnung zum Werk des Architekten Heinz Rall und einem Tag der offenen Tür sichtbar, worum die Gruppe um Julia Keinarth-Uhland, Stephanie Thomsen-Wolf und andere lange Zeit gerungen hat – neues öffentliches Wirken in die Stadtgesellschaft hinein.

 

Ebendies war infrage gestellt, als die Evangelische Gesamtkirche Stuttgart Ende Juni 2023 entschieden hatte, aus einer dringend notwendigen Gesamtsanierung des 1961 eingeweihten Kirchenbaus nurmehr die seinerzeit auf 800 000 Euro Kosten geschätzte Sanierung der Stahlbetonstützen an der Ostseite zu übernehmen. Weitere Sanierungsmaßnahmen an der Pauluskirche würden nicht mehr übernommen, hieß es weiter. Im Herbst 2023 wurde gar deutlich: Auch ein sofortiger Abriss des Komplexes war im Sommer 2023 diskutiert worden.

Auch personell ein Umbruch

Erst hinter den Kulissen und bald auch öffentlich formierte sich unter der Leitlinie „Paulus lebt!“ Widerstand gegen eine mögliche Aufgabe des Pauluskirchen-Areals mit Gemeindesaal, Kindergarten und Veranstaltungsräumen. Schien trotz Widrigkeiten für das Paulus-Areal ein eigener Weg als Forum auch für Aktivitäten neuer Partner möglich, überlagerte bald ein Doppelabgang auf den Pfarrstellen Paulus I und Paulus II die Debatte über die Sanierung und weckte neue Ängste. Würde es überhaupt weitergehen?

An diesem Sonntag wird nun offenkundig, was unabhängig wie auch gemeinsam von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart und dem Komitee „Paulus lebt!“ geleistet worden ist: ein Neustart. Im Gottesdienst um 10 Uhr (in der Johannes- und in der Paul-Gerhardt-Kirche finden keine Gottesdienste statt) werden die beiden neuen Pfarrerinnen Christina Drobe (Paulus I) und Anna Grapentin (Paulus II) durch den Stadtdekan Søren Schwesig offiziell in ihre Ämter eingeführt. Während die gebürtige Siegenerin Drobe zuletzt als Studienassistentin am Evangelischen Bildungszentrum Birkach tätig war, arbeitete die in Schönaich aufgewachsene Grapentin seit 2018 im bayerischen Eichstätt. Die Erwartungen an die beiden neuen Pfarrerinnen sind hoch – und dürften auch den Empfang im Anschluss an den Gottesdienst bestimmen.

Die Türen bleiben offen

Die Türen der Pauluskirche aber bleiben an diesem Sonntag weiter und weit geöffnet – um 14 Uhr wird, als Projekt von „Paulus lebt!“, musikalisch umrahmt die Ausstellung „Heinz Rall – Kirchenbauten 1959–1977“ eröffnet. Durch das Gegenspiel der reduzierten Architektur Heinz Ralls und der Glasfenster von Christian Oehler bestimmt, wird der Kirchenraum zur Bühne für die Blicke der Stuttgarter Fotografin Rose Hajdu auf ausgewählte Kirchenbauten des Paulus-Architekten. Die Ausstellung und die Führungsangebote sind Teil des Programms zum Tag des offenen Denkmals in Stuttgart.

Kirchenbauer Heinz Rall

Der Architekt
 Heinz Rall, 1920 in Stuttgart geboren, studiert nach dem Zweiten Weltkrieg an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Besonderes Interesse entwickelt er für den Kirchenbau. Insgesamt 22 evangelische Kirchen einschließlich Gemeindezentren entstehen seit den 1950er Jahren. Daneben schreibt er als Fachschriftsteller über Kirchenbau und Kunst im öffentlichen Raum. 2006 stirbt der mit der Objektkünstlerin und Malerin Ursula Stock verheiratete Heinz Rall in Güglingen.

Pauluskirche
 Die Pauluskirche im Stuttgarter Westen ist Heinz Ralls Heimatgemeinde, wo er aufwuchs, getauft und konfirmiert wurde – in der am 25. Juli 1944 durch Bomben der Royal Air Force zerstörten, 1898 eingeweihten „alten“ Pauluskirche. Heinz Rall entwickelt Ende der 1950er Jahre Pläne für die „neue“ Pauluskirche. Im Jahr 1961 wird die Kirche mit Gemeindezentrum, Veranstaltungsräumen und Kindergarten eröffnet.

Thesen
Heinz Rall formulierte Grundsätze für den Kirchenbau. Etwa: Wenn die Kirche „ein bedeutender gemeinschaftsbildender und ordnender Brennpunkt innerhalb unserer Wohnstädte“ sein soll, müssen Standort und städtebauliche Einordnung dies widerspiegeln.

Ausstellung
Die Ausstellung „Heinz Rall – Kirchenbauten 1959–1977. Fotografien von Rose Hajdu“ wird an diesem Sonntag, 8. September, um 14 Uhr in der Pauluskirche (Seyfferstraße 60) eröffnet und ist bis zum 18. Mai 2025 zu sehen.

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