Pauschale Halbwahrheiten Verschwörungstheorien – wie sie konstruiert sind und wer an sie glaubt

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Flüchtlingskrise? Manche vermuten dahinter einen geheimen Plan. Sie deuten das Weltgeschehen als ein Gespinst von Verschwörungen. Solche Mythen haben Konjunktur. Rechtsextremisten nutzen sie, um bürgerliche Kreise für ihre Phrasen zu begeistern.

Pegida-Demonstranten zeigen in Dresden ein Titelblatt des Heftes „Compact“, das  als Zentralorgan der   Verschwörerszene gilt. Auch um die „Schwabenland“-Expedition 1938 zur Antarktis ranken sich rechte Mythen. Foto: dpa, Hospitalhof, Ullstein
Pegida-Demonstranten zeigen in Dresden ein Titelblatt des Heftes „Compact“, das als Zentralorgan der Verschwörerszene gilt. Auch um die „Schwabenland“-Expedition 1938 zur Antarktis ranken sich rechte Mythen. Foto: dpa, Hospitalhof, Ullstein

Stuttgart - Die Geschichte klingt nach einem billigen Fantasyroman. Viele halten sie jedoch klammheimlich für Realität. Ganz tief im Süden, in der Eiswüste der Antarktis, existiert demnach ein Territorium, dessen Name vertraut anmutet: Neuschwabenland. Dorthin haben sich angeblich die Herrschaften zurückgezogen, die Deutschland einst 1000 Jahre regieren wollten. In Bunkern hätten sie starke Truppenverbände versammelt, um die Welt zu erobern. Sie seien zudem mit einer Wunderwaffe ausgerüstet: der „Reichsflugscheibe“, einer Art Nazi-Ufo. Alles blanker Unsinn? Die Mär von Neuschwabenland ist einer der gängigen Verschwörungsmythen, die in der braunen Halbwelt gerade zirkulieren. Für Harald Lamprecht, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche Sachsen, ist das „gruselige Naziverherrlichung“. Doch die verfängt auch jenseits von NPD & Co.

Der Versuch, Unerklärliches scheinbar rational zu begründen

Hinter der abwegig klingenden Geschichte verbirgt sich mehr als wirre Fantasterei. Vielmehr handelt es sich – wie bei den meisten erfolgreichen Verschwörungstheorien – um eine Verquickung realer, wenn auch unzusammenhängender Ereignisse. Der faktische Kern ist eine Expedition zur Antarktis, die 1938 tatsächlich stattgefunden hat. Die Forscher aus dem Dritten Reich waren mit einem Schiff unterwegs, das Schwabenland hieß. Sie reklamierten einen Teil des von Norwegen beanspruchten Königin-Maud-Landes für Nazideutschland.

In Berlin gibt es seit 2002 einen Zirkel, in dem sich die Neuschwabenland-Gläubigen treffen, gegründet von einem inzwischen verstorbenen rechtsextremen Verschwörungstheoretiker. Google bietet 631 000 Verweise auf einschlägige Einträge. Es gibt Bücher, Youtube-Videos und Zeichnungen von Neuschwabenland zuhauf. Wer sich in seinem Glauben an den irren Mythos bestätigt fühlen möchte, erreicht das mit wenigen Klicks. So funktioniert das Geschäft mit den Verschwörungstheorien. Der Hang zu Verschwörungstheorien sei uns in die Wiege gelegt, meint der Historiker Dieter Groh. Er nennt sie eine „an­thropologische Konstante“, was besagen soll, dass es solche Mythen gibt, seit Menschen sich über das Weltgeschehen den Kopf zerbrechen.

Verschwörungsmythen sind für Rechtsextremisten ein Vehikel der Propaganda

Verschwörungstheorien sind in Konkurrenz zu Religion und Wissenschaft auch ein Versuch, Unerklärliches scheinbar rational zu begründen und plausible Zusammenhänge herzustellen. Sie seien „nicht einfach irrational, sondern hyperrational und selbstimmunisierend“, meint Lamprecht. Sie schließen Wissenslücken, liefern alternative Erklärungsmodelle etwa für die Ermordung John F. Kennedys („Komplott des KGB“), die Mondlandung („in Hollywood gefilmt“) oder harmlose Kondensstreifen am Himmel („Spuren chemischer Kampfstoffe“). Sofern es sich bloß um moderne Sagen handelt, sind sie harmlos-verschroben. Als politische Mythen könnten sie aber zur „realen Gefahr für den Rechtsstaat“ werden, sagt Gordian Meyer-Plath, Chef des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz.

„Nicht jeder, der Unsinn erzählt, ist Extremist“, sagt ein Verfassungsschützer aus Baden-Württemberg. Verschwörungsideologien seien jedoch „für den Rechtsextremismus geradezu konstitutiv“. Braune Propagandisten nutzen sie als „ein Vehikel, um an Kreise heranzukommen, die man ansonsten nicht erreichen würde“.

Für jeden Irrsinn gibt es Echoräume im Netz

Zu den einschlägigen Phrasen zählt die von der „Islamisierung Europas“. Die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung werde in solchen Milieus als Strategie zum „Austausch des Volkes“ umgedeutet. Verschwörungstheorien sind Puzzlesteine für ein demagogisches Weltbild. Sie seien „allein nicht hinreichend für extremistische Gewalt“, so Sylvia Wölfel, Verfassungsschützerin aus Sachsen, könnten aber „als Verstärker wirken“. Kollegen, die sich in der Szene auskennen, werten die Verbreitung solcher Geschichten als „Frühindikator für rechte Gewalt“.Die Welt ist kompliziert und deshalb bisweilen schwer verständlich. Verschwörungsideologien vereinfachen komplexe Ursachenzusammenhänge und führen sie auf ein leicht überschaubares Freund-Feind-Schema zurück. „Sie unterteilen die Menschheit in Wissende, Unwissende und geheime Drahtzieher“, sagt der Weltanschauungsbeauftragte Lamprecht. Er hält die Flut an Verschwörungstheorien, die durch soziale Netzwerke wabert, für das Symptom einer zunehmend fragmentierten Öffentlichkeit. Der Konsens darüber, was für wahr zu halten ist, sei verloren gegangen. Für jeden Irrsinn gebe es Echoräume, in denen man die Mythen bestätigt findet, an die man gerne glauben möchte, sagt Lamprecht. Verschwörungsgläubige leugneten den wissenschaftlichen Fortschritt der Erkenntnis, vertrauten stattdessen auf ein „Urwissen“, das beanspruche, über jeden Zweifel erhaben zu sein.

Wer Fakten ins Feld führt, gilt schnell als Teil der Verschwörung

Inzwischen gebe es ein regelrechtes „Starsystem“ an bestens vernetzten Verschwörungstheoretikern, sagt der Tübinger Professor Michael Butter, der für die Europäische Union eine Vergleichsstudie zu Verschwörungstheorien leitet, an der 120 Wissenschaftler aus 36 Ländern beteiligt sind. Zu den erfolgreichsten unter den modernen Mystikern zählen Jan Udo Holey, der sich nach einer Figur aus dem „Dracula“-Roman von Bram Stoker Jan van Helsing nennt, und der Brite David Icke, der behauptet, die Welt werde von „Reptiloiden“ beherrscht, zu denen er alle wichtigen Politiker zählt. Profis der Branche betreiben eigene Plattformen im Netz, die Bewusst.tv oder Quer-denken.tv heißen.

Wer jedoch glaubt, Verschwörungsmythen ließen sich durch schlichte Fakten entkräften, liegt falsch. Wer an Märchen glaubt, ist immun gegen angebliche Tatsachen. „Sachargumente fruchten nichts“, sagt ein Verfassungsschützer. „Wer Fakten ins Feld führt, dem wird unterstellt, er sei blöd oder selbst Teil der Verschwörung.“




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