PC-Produktion in Partnerstadt Sömmerda Böblinger Hoffnungsschimmer für DDR-Rechner

Funktionstest in einer Werkshalle Foto: Stadtarchiv Sömmerda

Die Böblinger Partnerstadt Sömmerda in Thüringen war zu DDR-Zeiten ein Zentrum der Computerindustrie. Doch nach der Wende folgte rasch der Niedergang. Kontakte zu Hewlett-Packard in Böblingen wurden zwar geknüpft, halfen aber nicht mehr.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Ganze 300 Anschläge auf einer Schreibmaschine fehlerfrei tippen – wer kann das heute noch? Kaum jemand. Wohl deshalb dachten sich Bernd Körber und seine Mitstreiter vom Tourismusverband Thüringer Becken aus der Böblinger Partnerstadt Sömmerda eine besondere Aktion aus: Sie bringen auf das bevorstehende Böblinger Stadtfest eine DDR-Schreibmaschine Marke „Supermetall“ mit – und lassen das handyverwöhnte Volk mal munter drauflos tippen. Das Modell wurde zwischen 1959 und 1962 im Büromaschinenwerk Sömmerda produziert, was aber nur ein Kapitel in der über 200-jährigen Industriegeschichte der 19 000-Einwohner-Stadt ist.

 

Der VEB Büromaschinenwerk Sömmerda produzierte zwar noch bis 1984 Schreibmaschinen, ging aber schon 1978 in dem neu gegründeten Kombinat Robotron auf, dem volkseigenen Computerhersteller der DDR. Rechen- und Buchungsmaschinen gehörten schon vorher zum Portfolio der Fabrik, ab 1981 stieg das Werk in die Computerproduktion ein. Der wohl bekannteste unter ihnen war der PC 1715 oder Robotron 1715, der sich nach seiner Vorstellung 1984 zum Standardcomputer der DDR mauserte.

Auch im Westen wollte man damit reüssieren, präsentierte ihn auf der Hannover- Messe. Zwar war der Rechner den Westprodukten nicht ganz ebenbürtig, aber doch konkurrenzfähig. Das Computermagazin C’t schrieb zur Einführung 1984, das Modell besäße „ein formschönes Metallgehäuse mit aufgebautem Monitor und abgesetzter Tastatur.“ Leise Kritik gab es aber auch: „Auf dem Bildschirm wird das nicht mehr ganz zeitgemäße Anzeigeformat 64x16 verwendet.“ Ziffern und Buchstaben flimmerten damals in grüner Zeilengrafik über die Mattscheibe, Pixel gab es noch keine. Kaufpreis: stolze 4500 D-Mark. Wie weit die Technik im Westen war, zeigt die Tatsache, dass Apple im selben Jahr seinen Macintosh präsentierte – den ersten Computer mit grafischer und vor allem farbiger Benutzeroberfläche und Maus.

Trotzdem war der Robotron 1715 Sömmerdas ganzer Stolz, verfügte über einen 2,5 Megahertz-Prozessor, 64 Kilobyte Ram und zwei Diskettenlaufwerke. Sogar Spiele waren darauf möglich: In „Pilots“ konnte ein animierter Hubschrauber per Tastatur gesteuert werden. Insgesamt wurden bis zur Liquidation 93 096 Exemplare hergestellt. Im Jahr 1989 arbeiteten in Sömmerda noch rund 13 000 Beschäftigte. Doch beim größten Arbeitgeber am Ort gingen nach dem Mauerfall bald die Lichter aus. Einen Hoffnungsschimmer gab es allerdings, und der hatte mit Böblingen zu tun.

Im Januar 1990 titelte die Kreiszeitung Böblinger Bote „Know-how aus Böblingen für VEB Robotron“, als der Direktor des Robotron-Zweigwerks Sömmerda, Dieter Jordan, das Schwabenland besuchte. Er war zu Jahresbeginn für ein paar Tage zu Gast in der Partnerstadt, genauer: bei Hewlett Packard. Der US-Konzern öffnete Jordan gerne Tür und Tor in der Herrenberger Straße. Dabei habe ihn vor allem verblüfft, dass HP-Direktor Eberhard Knoblauch seinen Arbeitsplatz in einem Großraumbüro habe, sagte Jordan auf der Pressekonferenz im Böblinger Rathaus. Bei den Gesprächen mit HP sei es um mögliche Kooperationen gegangen. Robotron produzierte neben PCs auch Nadeldrucker, verkaufte immerhin jährlich 30 000 Stück unter dem Namen „President Printer“ in die BRD.

Werk wird von Treuhand abgewickelt

Zu einer vertieften Kooperation mit Hewlett-Packard kam es aber nicht. Das Kombinat Robotron wurde ab Mitte 1990 von der Treuhand abgewickelt. Schon ein Jahr später waren die Werkshallen weitgehend verwaist, den verbliebenen Angestellten wurde auf Ende 1991 gekündigt. Von der einstigen Größe ist in Sömmerda heute nicht mehr viel übrig. Einige Firmenteile wurden zwar von Westfirmen aufgekauft, häufig aber weiterverkauft, umgetauft oder stillgelegt. Eine nennenswerte Größe hatte bis in die 2000er-Jahre eine Niederlassung von Fujitsu-Siemens, dem deutsch-japanischen Joint Venture, das lange Marktführer auf dem deutschen PC-Markt war. Auch in Sömmerda wurden zeitweise noch PCs entwickelt und produziert. Einst arbeiteten bei FJS an die 750 Mitarbeiter. Doch nachdem Siemens seine Anteile verkaufte, schwand die Bedeutung von Fujitsu in Deutschland. Derzeit unterhält das Unternehmen dort noch einen Standort mit weniger als 100 Mitarbeitern.

Böblinger Stadtfest

Auftakt
 Am Freitagabend um 19 Uhr sticht Oberbürgermeister Stefan Belz das Fass auf dem Pestalozzihof an. Rund um den Schlossberg startet ebenfalls das Programm mit Live-Musik und Krämermarkt.

Europameile
 Erstmals sind einige Böblinger Partnerstädte gesammelt auf dem Böblinger Stadtfest vertreten. Entlang der Uferstraße gegenüber der Kongresshalle reihen sie sich auf der Europameile auf.

Wettbewerb
 Die Böblinger Partnerstadt Sömmerda lenkt den Blick auf ihre Industriegeschichte, die per Audioguide oder mit dem Smartphone erlebt werden kann. Außerdem haben die Gäste eine Supermetall-Schreibmaschine aus DDR-Produktion im Gepäck: Wer bei 300 Anschlägen am wenigsten Fehler macht, dem winken attraktive Preise.

Programm
 Das Stadtfest geht bis Sonntagabend und erstreckt sich vom Elbenplatz über die Poststraße und den Plattenbühl bis auf den Marktplatz und in den Pestalozzihof.

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