PCB-Belastung an Esslinger Schulen Ein Schulhaus wird Stück für Stück zerlegt
Seit Dienstag baut eine Fachfirma den PCB-belasteten Hauptbau der Zollberg-Realschule ab. Das Thema hatte 2019 alle Esslinger Schulen und Kitas aufgeschreckt.
Seit Dienstag baut eine Fachfirma den PCB-belasteten Hauptbau der Zollberg-Realschule ab. Das Thema hatte 2019 alle Esslinger Schulen und Kitas aufgeschreckt.
Die ersten Zeichen für den Aufbruch an der Zollberg-Realschule sind von außen noch gar nicht wahrnehmbar: Ein Bauzaun sorgt dafür, dass keiner die Baustelle betritt. Aus gutem Grund. Denn bevor dort ein 30 Millionen Euro schwerer Neubau entsteht, muss das Hauptgebäude aus dem Jahr 1972 sorgfältig Stück für Stück abgetragen werden. Der 1,33 Millionen Euro teure Abbruch, mit dem eine Fachfirma vor wenigen Tagen begonnen hat, ist eine knifflige Angelegenheit. Denn aus den Deckenplatten, den Wandfugen und dem Boden dünstet seit Jahrzehnten der giftige Weichmacher PCB aus – und das in einem Ausmaß, dass selbst eine Generalsanierung das Problem nicht gelöst hätte. Zumal in dem Bau auch das dioxinähnliche und besonders gefährliche PCB 118 festgestellt wurde. Die Giftstoffe hatten sich überall festgesetzt: in den Möbeln, den Schulbüchern, den Pinnwänden.
Als Ende 2018 und Anfang 2019 in der beliebten Esslinger Schule Luftwerte gemessen wurden, die teils deutlich über dem Interventionspunkt von 3000 Nanogramm pro Kubikmeter lagen, versetzte das Eltern und Lehrer in Aufruhr – und die Politik. Denn es hatte sich herausgestellt, dass ein Vater aus der Zollberg-Realschule bereits seit 2016 die damalige Bauverwaltung immer wieder darauf aufmerksam gemacht hatte, dass es auch in Esslingen zahlreiche Schulhäuser aus den Jahren 1965 bis 1980 gibt, in denen man den damals üblichen Weichmacher verwendet haben könnte.
Unabhängig davon hatte sich eine Mutter der Grundschule Sulzgries im Jahr 2017 mit denselben Sorgen an ihre Schule gewandt, mit dem Ergebnis, dass die Bauverwaltung in Sulzgries tatsächlich sanieren ließ. Das tat sie aber klammheimlich am Großteil der Eltern und offenbar auch am Gemeinderat vorbei. Der Vertrauensverlust der Eltern und des pädagogischen Personals gegenüber der Stadtverwaltung wuchs sich somit auf die gesamte Esslinger Schul- und Kindergartenlandschaft aus.
Der damalige Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht entschuldigte sich mehrfach. Die Stadt ließ all ihre Schulen, Kindergärten und Turnhallen auf alle möglichen Schadstoffe hin untersuchen und bemühte sich um größtmögliche Transparenz. Die Ergebnisse stehen noch heute auf der städtischen Webseite. Und das Technische Rathaus hatte noch Glück im Unglück: Zwar wiesen neben Sulzgries auch die Grundschule St. Bernhardt und die Realschule Oberesslingen erhöhte PCB-Werte auf, aber nicht in dem Ausmaß wie die Zollberg-Realschule. Die betroffenen Räume ließen sich alle abschnittsweise sanieren. Bis auf eine letzte Etappe in St. Bernhardt ist die Stadt mit den Maßnahmen fertig, wie Oliver Wannek, der heutige Leiter der Städtischen Gebäude Esslingen (SGE) sagt. Die Schadstoffbelastung in den betroffenen Häusern werde – je nach Befund – weiterhin regelmäßig nachgemessen.
Der Schulalltag an der Zollberg-Realschule spielt sich indessen seit drei Jahren in einem Containerdorf ab. Dafür hatten die Schule und große Teile der Elternschaft auch massiv gekämpft, um die Bildungseinrichtung nicht zu zerschlagen. Die Alternative wäre der Umzug in die damals noch leer stehenden Schulräume in der Pliensauvorstadt und womöglich auch noch in den Lerchenäckern gewesen. Mit dem Beginn der Abbrucharbeiten, die sich bis in den April 2023 ziehen, kommt nunmehr der auf drei Eingangsklassen ausgerichtete Ersatzbau in Sicht. Gleichzeitig will die Stadt die weiteren Bestandsgebäude der Zollberg-Realschule teilweise sanieren. Der Neubau, der auch einen Aufzug bekommt, wird allerdings frühestens im Frühjahr 2025 fertig – sodass tatsächlich etliche Kinder ihre gesamte Schulzeit an der Zollberg-Realschule in Containern verbracht haben werden.
Die Rückbauarbeiten konzentrieren sich vorerst auf den Innenbereich des alten Schulgebäudes. Kontaminierte Gebäudeteile und Einrichtungsgegenstände werden fachgerecht ausgebaut und entsprechend der Schadstoffbelastung entsorgt, heißt es in der Mitteilung der Stadt. Auf den laufenden Schulbetrieb hätten die Arbeiten keine Auswirkungen. Zudem komme es „weder bei der Demontage des Gebäudes noch beim Abtransport zu gesundheitlichen Belastungen“ für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte oder Anwohnerschaft.
„Wir sind froh, dass wir den Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften so wieder eine Perspektive geben können. Mit der Fertigstellung des Ersatzneubaus bieten wir der Schulgemeinschaft wieder eine gute und zukunftsfähige Infrastruktur“, sagt Wallbrechts Nachfolger, Baubürgermeister Hans-Georg Sigel.
„Der Unterricht in den Containern in den letzten Jahren hat Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften viel abverlangt. Für ihr Verständnis und ihr Bemühen, stets das Beste aus der Situation zu machen, möchte ich ihnen danken – und ich freue mich, gemeinsam mit ihnen. auf die Einweihung des neuen Schulgebäudes“, ergänzt Schulbürgermeister Yalcin Bayraktar.