Pedelec-Station in Fellbach Nicht mal ein Rad wird pro Tag geliehen

Von Dirk Herrmann 

Die Nachfrage an der Fellbacher Pedelec-Station an der Ecke Fellbacher Straße und Schaflandstraße lässt zu wünschen übrig. Pro Jahr gibt es dort lediglich 300 Entleihvorgänge. Dennoch soll es an der Lutherkirche eine zweite Station geben. Aber warum?

Große Vorfreude im März 2016 am Fellbacher Bahnhof: Der damalige Oberbürgermeister  Christoph Palm (rechts) und Gemeinderäte weihten mit einer Testfahrt die Pedelec-Verleihstation ein. Foto: Simone Käser/Archiv
Große Vorfreude im März 2016 am Fellbacher Bahnhof: Der damalige Oberbürgermeister Christoph Palm (rechts) und Gemeinderäte weihten mit einer Testfahrt die Pedelec-Verleihstation ein. Foto: Simone Käser/Archiv

Fellbach - Wer hin und wieder oder auch häufiger an der Ecke Fellbacher Straße und Schaflandstraße vorbeikommt, wird konstatieren: Hier ist ziemlich wenig los. Das betrifft nicht den Pendelverkehr von Auto- oder Radfahrern an der Bahnunterführung.

Die Region Stuttgart verfügt derzeit über 176 Regio-Rad-Stuttgart-Stationen

Vielmehr bezieht sich diese Feststellung auf die dortige Pedelec-Station. Diese wurde vor mehr als vier Jahren feierlich eröffnet. Ihre Existenz könnte sich also in Fellbach herumgesprochen haben. Doch selbst dort regelmäßig vorbeischlendernde oder radelnde Zeitgenossen versichern, „noch nie“ jemanden ins Gebäude hinein- oder herausgehen gesehen zu haben.

Die Station auf der Nordseite der Bahnunterführung ist Bestandteil des Programm „Modellregion für nachhaltige Mobilität“ des Verbands Region Stuttgart. Zur Eröffnung am 17. März 2016 kam die Regionaldirektorin Nicola Schelling nach Fellbach. Nach einer Umrüstphase auf das DB-System Regio-Rad Stuttgart (beziehungsweise „Call a Bike“) stehen seit dem vorigen Jahr zehn Leih-Pedelecs am Fellbacher Bahnhof für Berufspendler und Freizeitradler zur Verfügung. Die Idee von Regio-Rad Stuttgart ist es, ein regionsweites, möglichst lückenloses Verleihsystem sowohl entlang der Haltepunkte des Schienennahverkehrs (S-Bahn) als auch in der breiten Fläche anzubieten. Insgesamt verfügt die Region Stuttgart derzeit über 176 Regio-Rad-Stuttgart-Stationen und hat rund 26 000 Kunden.

In Stuttgart besteht ein engmaschiges Netz von mehr als 100 Stationen

Kritische Beobachter werden hinzufügen: Aus Fellbach sind diese Kunden wohl nicht gerade. Denn die Ausleihzahlen der hiesigen Station verdeutlichen, warum kaum jemand je eine Interessentin oder einen Ausleiher gesehen hat: Jährlich gebe es nur 300 Entleihvorgänge, erklärte die Fellbacher Baubürgermeisterin Beatrice Soltys im Gemeinderat. Das sei, wie auch die Mobilitätsbeauftragte Birgit Orner in ihren schriftlichen Ausführungen ergänzte, „nicht besonders hoch“. Umgerechnet komme man also nicht mal auf eine Ausleihaktion am Tag.

Kleines Trostpflaster von Birgit Orner: Die Fellbacher Zahlen seien im Vergleich mit Kommunen ähnlicher Größe sogar noch gut. Allerdings: Vergleicht man die Ausleihzahlen der Stadt Stuttgart mit denen des Umlands, werden große Unterschiede deutlich. Grund, so Orner: In Stuttgart besteht ein engmaschiges Netz von mehr als 100 Stationen. „An Spitzenstationen gibt es bis zu 10 000 Ausleihen pro Jahr“, sagt Birgit Orner.

Die Stadt Ludwigsburg mit ihren sechs Stationen eine deutlich bessere Auslastung

Dass andere Städte gegenüber Fellbach die Ausleihnase vorn haben, ist nach Orners Analyse mit darin begründet, dass es dort mehrere Entleihstationen gibt. Beispielsweise hat die Stadt Ludwigsburg mit ihren sechs Stationen eine deutlich bessere Auslastung. Orner: „Die Route zwischen Bahnhof und dem Gewerbegebiet Grönerstraße und Gänsefußalle in Ludwigsburg gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten Routen in der Region.“

Fellbach hingegen mit seiner lediglich einen Station erreiche nur eine relativ niedrige Auslastung. Das gelte auch für andere Städte mit nur einer Station.

Um diese mauen Zahlen zu verbessern und eine bessere Auslastung des Pedelec-Verleihs in Fellbach zu erreichen, soll nun als „sinnvolle Ergänzung“ zur Station am Bahnhof eine Ergänzungsstation in der Fellbacher Stadtmitte errichtet werden. Als Standort auserkoren ist der Bereich beim Endhaltepunkt der Stadtbahnlinien U1 und U16, also direkt an der Lutherkirche. Diese Station soll eine frei stehende werden – ohne sogenannte Einhausung – und verfügt laut Planung über fünf Leih-Pedelecs und drei freie Abstellplätze. Die Rad-Verantwortlichen im Fellbacher Rathaus erhoffen sich positive Effekte von der zentralen Lage und dem Anschluss an Stadtbahn und Buslinien.

Bei Bedarf könne die Station künftig zusätzlich mit E-Lastenrädern bestückt werden

Zur weiteren Erhöhung der Attraktivität wird am Standort Stadtmitte außerdem eine vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) betreute Radservice-Säule installiert. Ebenfalls wird dort eine Informationstafel zum Fellbacher Radnetz aufgestellt. Bei Bedarf könne die Station künftig zusätzlich mit E-Lastenrädern bestückt werden, die dann für Einkaufs- oder Transportfahrten in der Kommune genutzt werden können.

Drei der fünf neuen Leih-Pedelecs in der Stadtmitte sollen von den zehn an der ohnehin nicht ausgelasteten Bahnhofs-Station abgezwackt und an die Lutherkirche verlagert werden. Dies reduziere die Kosten der Ergänzungsstation deutlich, erklärt Birgit Orner, denn statt fünf müssten somit nur zwei zusätzliche Leih-Pedelecs bereitgestellt werden.

Durch diese Ersparnis sowie weitere Zuschüsse des Verbands Region Stuttgart bleibt – bei Gesamtkosten von 47 500 Euro – als Eigenanteil für die Stadt Fellbach bis zum Jahresende 2026 lediglich ein Betrag von 11 850 Euro. Weil es die regionalen Zuschüsse nur gibt, wenn der Antrag bis 21. August eingereicht ist, stimmten die Stadträte (bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung), wie von der Verwaltung erhofft, der Innenstadt-Ergänzungsstation zu.

Zweite Station als neue Chance

Als „längst überfällig“ bezeichnete in der Pedelec-Diskussion der SPD-Stadtrat Sebastian Bürkle die neue Ergänzungsstation in der Stadtmitte: „Je mehr solcher Verleihpunkte, umso besser.“ Allerdings sollte dieses Station „direkt sichtbar sein, dass sie ins Auge springt, wenn man aussteigt, und nicht irgendwo im Hinterhof angesiedelt sein“.

Bei dem überschaubaren finanziellen Aufwand sollte man mit dieser zweiten Station „dem Projekt eine Chance geben, sich zu entwickeln“, erklärte Thomas Seibold (Freie Wähler/Freie Demokraten). Wobei das Projekt „in großstädtischem Bereich wohl besser funktioniert als im ländlichen“ – um zu ergänzen, „wir sind hier an der Schnittstelle“.

Jörg Schiller (CDU) mahnte an, den Bereich bei der Station am Bahnhof ordentlicher zu gestalten und aufzuräumen, „das sieht sehr schmuddelig aus dort drumherum“. Sein Parteifreund Erich Theile zeigte sich allerdings wenig begeistern von der wetterungeschützten Variante ohne Einhausung. Die Baudezernentin Beatrice Soltys kommentierte den Einwurf trocken: „Es ist kein Dach vorgesehen, den nassen Sattel kann man auch abwischen.“




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