„Peer Gynt“ im Stuttgarter Schauspielhaus Sind wir nicht alle ein bisschen Gynt?

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Fängt stark an und lässt stark nach: Christoper Rüping, Shootingstar der deutschen Theaterszene, inszeniert im Stuttgarter Schauspielhaus „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen. Als Animateure mit dabei: ein Herrenchor, fünf Frauen und Edgar Selge.

In der Kathedrale der Lügen: Edgar Selge als Peer Gynt, im Hintergrund die Damen  Caroline Junghanns, Svenja Liesau, Julischka Eichel und  Birgit Unterweger Foto: Conny Mirbach
In der Kathedrale der Lügen: Edgar Selge als Peer Gynt, im Hintergrund die Damen Caroline Junghanns, Svenja Liesau, Julischka Eichel und Birgit Unterweger Foto: Conny Mirbach

Stuttgart - Jeder Regelverstoß wird irgendwann zur Regel – und was einst eine Innovation war, Grenzen sprengend, Horizont erweiternd, sinkt infolge routinierter Anwendung zur Konvention herab. Dass Schauspieler aus ihrer Rolle steigen, gehört zu dieser Sorte des schon längst eingemeindeten Tabubruchs. Mehr und mehr verbreitet diese neue Regel nur noch Ödnis und Langeweile, so wie jetzt im Schauspielhaus, wo der vierte Akt des „Peer Gynt“ gestrichen ist. Bei Henrik Ibsen würde der Titelheld nun über die Meere fahren, um sich die Welt erotisch und ökonomisch untertan zu machen. Beim Regisseur Christopher Rüping aber nimmt er sich, müde geworden, eine Auszeit von seinen sauf- und rauflustigen Abenteuern und überlässt das Feld vier jungen und quicken Schauspielerinnen, die jetzt keine Rolle mehr haben außer jener, das Publikum mit Aufgekratztheiten zu animieren: in einem Quatsch-Comedy-Club der gehobenen Staatstheater-Art.

Das Damenquartett ist gut gelaunt. Mit Mikros in der Hand, sich mit willigen Zuschauern abwechselnd, fabuliert es Geschichten herbei, die so nicht bei Ibsen stehen. Manche davon handeln aber trotzdem von Peer, der jetzt zwar nicht, anders als noch in der Vorlage, nach Afrika segelt, sondern nach Südamerika reist. Mal ist er dabei ein Tanzlehrer auf der MS Europa, mal ein Schulgründer in Kolumbien, mal ein Schauspieler in Brasilien. Um diesen Kerl rankt sich Sage um Sage. Und Sage um Sage plaudern Julischka Eichel, Caroline Junghanns, Svenja Liesau und Birgit Unterweger das Publikum allmählich in die Pause und – mit weiterem Endlospalaver – gar in den fünften Akt hinein. Dann kehrt mit den Zuschauern auch Edgar Selge in den Saal zurück. Er spielt Peer Gynt, der auch öfters aus der Rolle fallen darf.

Die Scouts im Publikum

Die Lizenz dazu gibt ihm der Regisseur. Er zählt mittlerweile zu den Shootingstars der deutschen Theaterszene. In der letzten Saison hat Rüping mit dem „Fest“ nach Thomas Vinterberg seinen Einstand in Stuttgart gegeben und ist damit prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden. In der nächsten Saison wird er Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, einer der renommiertesten Bühnen des Landes – und auch jetzt, bei seinem stark bearbeiteten „Peer Gynt“, sitzen wieder Scouts im Schauspielhaus, um die neueste Arbeit des dreißigjährigen Burschen zu sehen. Rüping gehört, so scheint’s, der Generation Nerd an, die mit Video- und Computerspielen aufgewachsen ist, weshalb er die Sprunghaftigkeit zum Erzählprinzip macht und dem Ernst der Dinge mit heiterem Unernst so lange ausweicht, bis es nicht mehr geht. Dass er aber Talent hat, wenn er auf postdramatischen, nur Leerstellen übertünchenden Schnickschnack verzichtet, zeigt er in seiner rund dreistündigen Ibsen-Inszenierung durchaus.

Denn was für ein Mensch ist Peer Gynt? Die Pausenfrauen haben mit ihrer ironischen Conférence schon recht: Er ist ein „Teufelslügenschmied“, er flunkert und prahlt sich durch die Welt, die er sich flunkernd und prahlend macht, wie es ihm gefällt. Fiebernd träumt sich der Bauernlümmel weg aus seinem Dorf, hinein in interkontinentale Geschäfte, die er in Marokko und Ägypten tatsächlich auch abwickelt, er ist ein Projektemacher und Kriegsgewinnler und bei all dem ein großer Frauenverführer. Aber warum ist er das? Woher diese – moderne – Unruhe? Was Ibsen in seinem 1867 geschriebenen Stück, einige Jahrzehnte vor Freud, psychoanalytisch andeutet, greift der talentierte Mr. Rüping auf und denkt es auf interessante und überraschende Weise fort: Peer wird zum Lügner, sobald Frauen in seiner Nähe sind. Er kann nicht anders. Das ist seine Natur. Und wenn er seiner Fantasie freien Lauf lassen muss, muss er auch sich selber laufen lassen. Der Mann flieht vor der Selbsterkenntnis.

Verwirrter Alter mit Rollator

Erster Akt. An den Bühnenrändern sitzen Julischka Eichel und Caroline Junghanns und hauchen verheißungsvoll „Peer Gynt“ ins Mikro. Der eiserne Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf einen leeren schwarzen Raum mit unzähligen Zinkeimern und Zinkwannen. Sonst nichts. Auf das später ins Spiel kommende Zwiebelgleichnis anspielend, demzufolge Peer Gynt nur aus Schalen bestehe, aber keinen Kern besitze, öffnen sich im Hintergrund weitere Wände und machen den Raum tiefer noch als tief. Und endlich zeigt sich auch Gynt selbst, der von seinem verzwiebelten Versteck aus, den Scheinwerfer wie einen Rollator mit sich führend, langsam bis zur Rampe schreitet. Noch eben ein verwirrter Alter, bringt ihn der Anblick von fünf schönen Frauen – zu den bereits genannten kommt noch Nathalie Thiede hinzu – hübsch in Fahrt und Stimmung. Peer lügt schon zum Auftakt wie gedruckt.

Souverän rezitierend berichtet Selge also von seinem atemraubendem Bocksritt über den Gendingrat. Klug setzt er die Pausen und beiläufig die Gesten, mit denen er das herbeigeflunkerte Geschehen unterstreicht. Und das verfehlt seine Wirkung nicht. Mit bewundernden Ohs und Ahs kommentieren die Spielerinnen sein Abenteuermärchen und muntern ihn auf, die unglaubliche Story weiter und weiter zu spinnen – und weil alle Mikros auf Hall gestellt sind, scheint es, als predige er seine Lügen in einer finster gewaltigen Kathedrale. Damit schlägt er nicht nur das Dramenpersonal in Bann, sondern auch das Theaterpublikum. Den ersten Selge-Monolog quittiert es mit Szenenapplaus.

Kinderfasching für Senioren

Der Mann, der bei Frauen nur lügen kann: das ist ein starker, theatralisch effektvoller Auftakt einer Inszenierung, die dann aber auch stark nachlässt. Denn Rüping verfolgt seine Eingangsidee nicht weiter, sondern zappt in seiner nerdhaft völlig disparaten Inszenierung Einfällen hinterher, die ihm so durch den Kopf geschossen sein mögen. Für Bewegung ist dabei immer gesorgt, im Wortsinn: Wenn der Womanizer Peer bei der Hochzeit von Ingrid den Brautraub plant, plant ihn Selge mit den Frauen im Publikum und sucht sich 24 Damen aus, mit denen er für ein „Äktle ins Chambre séparéele“ gehen kann. Tatsächlich verlassen alle gemeinsam den Raum, um später mit den 24 Herren eines ebenfalls zum Einsatz kommenden Männerchors 24 Brautpaare zu bilden. Denn sind wir nicht alle ein bisschen Gynt? Ja, da kommt Stimmung wie bei einer Saalwette auf, bei diesem Kinderfasching für Senioren, der nur noch von der uninspiriert grauen Schlammschlacht in der Welt der Trolle getoppt wird: der Tiefpunkt dieser in seiner Qualität ungemein schwankenden Inszenierung.

Und der Höhepunkt? Schalten wir zurück zu Edgar Selge, der bei einer seiner vielen Rollenausstiege – bei Ingrids Hochzeit, vor dem Stuttgarter Brautraub – die ihn verschmähenden Dorfmädchen rüde anbrüllt: „Was glaubt ihr, weshalb die Leute hier sind? Wegen mir! Weil ich Peer Gynt bin“ – und dann guckt er ins Parkett und weiß, dass er mit diesem Satz nicht ganz falsch liegt. Am Ende wird Christopher ­Rüpings unausgegorener Ibsen-Workshop vom Publikum heftig bejubelt, die paar Buhs sind leicht zu überhören. Aber dass sie dem Hauptdarsteller gelten, ist so gut wie ausgeschlossen. Was das Stuttgarter Publikum nicht verschmäht, ist Edgar Selge.