Peinlicher Fall für die Polizei Wie drei Müllwerker in Stuttgart Haschisch aus dem Kraftwerk angelten

So sieht es aus, wenn es im Kraftwerk Münster im Kessel brennt. Doch einmal gingen nicht alle Drogen in Flammen auf. Foto: Archiv/r

Regelmäßig werden beschlagnahmte Rauschgiftmengen unter polizeilicher Aufsicht amtlich verbrannt – doch vor mehr als 20 Jahren bedienten sich Müllwerker im Heizkraftwerk in Stuttgart-Münster selbst.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Nein, man habe keinen Plan vorher gehabt. „Eine spontane Schwachsinnsaktion“, sagt der Müllwerker. Zentnerweise Drogen, von der Polizei beschlagnahmt, Millionenwerte auf dem Weg zum Feuerofen. Eine Verlockung. Natürlich habe man davor immer mal wieder Witze gemacht, nach dem Motto: „Von dem, was da jetzt verheizt wird, könnten wir alle in Rente gehen.“ Die drei Müllwerker vom Müllheizkraftwerk in Stuttgart-Münster gingen dann aber nicht in Rente, sondern in Untersuchungshaft.

 

Denn die Herren Müllwerker hatten sechs Kilogramm Haschisch, die im Kessel 26 amtlich verbrannt werden sollten, heimlich für eigene Zwecke abgezweigt. Ohne dass die Drogenfahnder vom Landeskriminalamt davon etwas merkten, als sie sichergestelltes Rauschgift der scheinbar sicheren Vernichtung überantworten wollten. Ein peinlicher Fall für die Polizei. Wie konnte dieser Coup vor über 20 Jahren gelingen?

Nach der Vesperpause geht alles ganz schnell

Schulden, teils Unterhaltsverpflichtungen, zwei von ihnen Gelegenheitskiffer – und dann kommt da diese Gelegenheit am 23. Juli 2002 für drei Müllwerker im Alter von 28, 35 und 41 Jahren. In einer Zeit, in der in Baden-Württemberg jährlich gut 800 Kilo Rauschgift sichergestellt und zweimal im Jahr im Kraftwerk Münster unter 230 000 Tonnen Müll verbrannt werden, ist den Mitarbeitern durchaus bekannt, was es bedeutet, wenn da mal Lieferwagen und viele Polizisten auftauchen. „Über die Monitore im Leitstand bekommt man das mit“, sagt der Leitstandfahrer später vor Gericht. In 22 Meter Höhe werfen die Beamten die Rauschgiftpakete in den Schacht, der Vernichtung entgegen. Allerdings braucht es lange, bis der Müll tatsächlich den Feuerkessel erreicht. Länger jedenfalls, als die Beamten vor Ort sind.

Drei Stockwerke tiefer hat man gerade eine Vesperpause beendet, als der 28-Jährige das Fehlen der Beamten bemerkt und seinen 41-jährigen Kollegen benachrichtigt. Beide wissen: Der Drogenmüll hat den Feuerkessel noch nicht erreicht. Und der Jüngere eilt zur Revisionsluke, die eigentlich nur für Inspektionsgänge gedacht ist, und öffnet sie. Da purzeln ihm Päckchen entgegen, Tüten mit weißem Pulver. „Das Kokain habe ich wieder reingeworfen“, sagt er. Dutzende Platten aber holt er raus. Sechs Kilo Haschisch. Der Stoff wird in einem Raum im Schrank zwischengelagert, dann in der Nachtschicht nach Hause gebracht. Der Leitstandfahrer kriegt einen 500-Gramm-Anteil.

Niemand bemerkt den Diebstahl

Die Tat bleibt unentdeckt. Der 28-Jährige raucht selbst, backt mit Kumpels berauschende Kekse. Der 35-jährige Leitstandfahrer raucht was bei Konzerten und Motorradtreffen. Verkaufen aber ist ihm zu gefährlich: „Ich kenne keine Connection und hatte Angst, das was passieren könnte.“ Der Stoff ist allerdings nicht sonderlich berauschend - mit einem THC-Gehalt von 1,4 Prozent ist das Haschisch doch sehr gestreckt. Zum Vergleich: Die Bundespsychotherapeutenkammer hatte im vergangenen Jahr bei der Frage einer Legalisierung von Cannabis für einen Höchstanteil von 15 Prozent des psychoaktiven Wirkstoffs THC plädiert.

Irgendwie müssen sich die Drei dann aber doch verplaudert haben. Denn kurz vor Weihnachten erzählt eine sogenannte Vertrauensperson einem Drogenfahnder der Stuttgarter Polizei die Geschichte mit der Revisionsluke. Die Fahnder suchen unter 170 Mitarbeitern nach den zunächst unbekannten schwarzen Schafen, machen sie ausfindig, observieren sie – finden aber keine Hinweise auf einen schwunghaften Drogenhandel. Im Juli 2003, erst ein Jahr nach der Tat, klicken die Handschellen. Die verdächtigen Drei hatten brav gehaushaltet: Die Kripo kann nach fast einem Jahr immer noch 4,2 Kilo der Beute sicherstellen.

Drei biedere Männer auf der Anklagebank

Im November 2003 sitzen drei biedere Männer auf der Anklagebank des Amtsgerichts Bad Cannstatt. Zwei sind Väter, der eine geschieden, der andere Häuslebauer mit Zwillingen, ohne Vorstrafen bis dahin. Sechs Kilo seien eine Menge Holz, sagt der Richter, alle Angeklagten hätten ihre Stellung ausgenutzt, eine gewisse kriminelle Energie an den Tag gelegt. Doch weil sie Geständnisse abgelegt, die Beute überwiegend zum Eigenverbrauch genutzt hätten, nicht vorbestraft seien, ihre Arbeit verloren und eine gute Prognose hätten, belässt es das Gericht bei einer Bewährungsstrafe. Ein Jahr und neun Monate für die beiden Angler, neun Monate für den Mitwisser im Leitstand.

Nachahmer dürften sie in den folgenden 20 Jahren wohl keine gefunden haben. Die Polizei behält die Sache mit der Luke seither ganz genau im Auge.

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