People Pleasing Wenn man allen gefallen will und sich selbst aufopfert
Nach Jahren der Anpassung und Aufopferung für andere ändert Lucinde Hutzenlaub ihr Leben. Sie entscheidet, es nicht mehr allen recht machen zu wollen.
Nach Jahren der Anpassung und Aufopferung für andere ändert Lucinde Hutzenlaub ihr Leben. Sie entscheidet, es nicht mehr allen recht machen zu wollen.
Lucinde Hutzenlaub liebt es, gebraucht zu werden. Sie genießt es, gemocht zu werden. Ihr Leben lang kümmert sie sich um andere. Ob ein Freund nachts bei Schneesturm zum Flughafen muss oder ihre Kinder spontan Freunde mitbringen und Nudeln wollen – sie macht es. Mit Anfang 50 erkennt sie, dass ihr Wunsch, gemocht zu werden, ungesund ist. „Ich bemühe mich so sehr um andere, dass sie oft keinen Grund haben, sich um mich zu kümmern“, schreibt sie in ihrem Buch „Unperfekt ist genau richtig“. People Pleasing nennt sich das, wenn Menschen alles tun, um anderen zu gefallen. Hutzenlaub entscheidet: Damit ist nun Schluss.
An einem Dienstagvormittag bei einem Frühstück erzählt die Autorin und Coachin aus Böblingen, wie sie durch diese Erkenntnisse ihr Leben verbessert hat. Sie kommt schnell auf den Punkt: „Ich habe nichts zu verheimlichen.“ Seit Kurzem ist sie zum zweiten Mal geschieden. Ihre erste Tochter bekam sie während des Vordiploms, der Vater war Musiker. Mit ihrem zweiten Mann war sie 25 Jahre verheiratet, bis zur Silberhochzeit. Sie haben drei Kinder.
Hutzenlaub wohnt nun seit der Trennung allein in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in Böblingen Fast drei Jahre ist das her, dass sie aus dem gemeinsamen Familienhaus ausgezogen ist. Die erste Zeit in der neuen Wohnung war schwer für sie: „Ich wusste nicht, wie laut Stille sein kann“, sagt sie.
Ausgerechnet kurz vor Weihnachten zog sie aus. Anfangs freute sie sich auf die neue Freiheit, lud mit Freundinnen Umzugskartons ins Auto. Doch schon am ersten Sonntag wusste sie nichts mit sich anzufangen. Sie ging in ihre Lieblingskneipe in Böblingen und saß dort den ganzen Nachmittag. Manchmal buchte sie eine Thai-Massage, nur um einen Termin zu haben.
Lucinde Hutzenlaub hat den Großteil ihres Lebens ihren vier Kindern gewidmet. Sie lebte das klassische Modell: Der Mann verdiente den Hauptteil, sie steuerte etwas bei. Sie schrieb Kolumnen, machte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und später zur systemischen Coachin. Heute arbeitet sie als Schreibtrainerin an schönen Orten wie Ischia oder in der Türkei. Inzwischen hat sie mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Bestseller „Ich dachte, älter werden dauert länger“.
Mit dem Ende ihrer Ehe verlor sie ihre Rollen als Ehefrau und Mutter im Alltag. Das fiel ihr in ihrer Coaching-Ausbildung auf, als sie sich die Frage stellen soll: Wer ist der wichtigste Mensch in deinem Leben? „Ich wäre nie darauf gekommen, dass ich das sein könnte. Ich habe immer meine Kinder gesagt“, sagt sie. In dieser Phase stößt sie auf den Begriff People Pleasing, der sich am ehesten mit Gefälligkeitsverhalten übersetzen lässt, und findet sich darin wieder.
Ihre Lebensgeschichte, die sie in ihrem Buch erzählt, könnte die vieler Frauen zwischen 40 und 50 sein. Frauen, die ihr Leben der Familie gewidmet und sich dabei selbst vergessen haben – vielleicht nicht nur ein bisschen.
People Pleasing beschreibt ein Verhaltensmuster, bei dem Menschen übermäßig bemüht sind, anderen zu gefallen – oft auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse. Der Begriff ist keine klinische Diagnose, aber psychologisch gut erforscht. Er hängt eng mit niedrigem Selbstwert, Harmoniestreben und der Angst vor Zurückweisung oder Konflikten zusammen.
Die Psychologin Mia Radovanovic und ihr Team an der Universität Toronto fanden heraus, dass People Pleasing häufiger bei Mädchen auftritt als bei Jungen. Der soziale Druck, sich anzupassen, beginnt demnach oft schon im Vorschulalter, wenn Lehrer von Mädchen mehr Gehorsam erwarten.
Eine Studie von Robert F. Kushner und Seung W. Choi aus dem Jahr 2010 zeigt, dass 54 Prozent der Frauen dieses Verhalten zeigen, während es bei Männern nur 40 Prozent sind.
Ulrike Bossmann, promovierte Psychologin aus Karlsruhe, hat ein Buch über People Pleasing geschrieben. Sie betont, dass Freundlichkeit, Empathie und Hilfsbereitschaft zwar positive Eigenschaften sind, aber wer immer nur andere glücklich machen will, bleibt selbst auf der Strecke. People Pleaser verausgaben sich oft und sorgen nicht für ihre eigene Erholung, schreibt sie. Ihr Selbstwertgefühl ist oft fragil.
Bossmann warnt, People Pleasing nicht mit nett sein zu verwechseln. Es bedeutet vielmehr, sich anzupassen und gefällig zu sein. Ein weiteres Problem: Betroffene sprechen selten aus, was sie belastet oder enttäuscht. Die Gefühle verschwinden dadurch nicht, sondern stauen sich an. „Sie können sich später entladen“, schreibt Bossmann. Es besteht die Gefahr, am eigenen Leben vorbei zu leben.
Wenn People Pleaser beginnen, sich selbst wichtig zu nehmen, irritiert das oft ihr Umfeld. Hutzenlaubs Sohn warf ihr anfangs Egoismus vor. Doch sie hat gelernt, dass Selbstfürsorge nicht egozentrisch ist. Sie genießt inzwischen das Alleinsein und springt nicht mehr sofort, wenn jemand etwas von ihr will. Irgendwann stellte sie fest: Für sie springt auch niemand ständig.
In ihrem ersten Frühling in der neuen Wohnung erkrankte sie an einer Lungenentzündung. Sie lag im Bett, allein, und niemand rief an. „Ich dachte, die Welt hat mich vergessen“, erzählt sie. Sie weinte bittere Tränen.
Dann klingelte es an der Tür. Ihr Nachbar Steffen stand davor, wollte eigentlich nur irgendwas fragen. Stattdessen sagte er: „Brauchst du eine Umarmung?“ Heute hat Hutzenlaub viele enge Kontakte im Haus, fühlt sich wohl. „Ich habe in den letzten drei Jahren tolle Dinge erlebt – aber auch meinen persönlichen Tiefpunkt durchlebt“, sagt sie. Existenzängste, Einsamkeit und die Sorge vor Altersarmut haben sie zeitweise intensiv begleitet nach der Trennung.
Inzwischen hat sie einen neuen Partner. Er lebt in Hannover. Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, sich bewusst für jemanden entschieden zu haben – nicht, um eine Familie zu gründen oder aufgrund anderer äußerer Zwänge. Sie nennt es eine „liebevolle Beziehung auf Augenhöhe“. In dieser Beziehung kann sie endlich ihr Bedürfnis nach Nähe ausleben. „Früher habe ich mich damit immer gefühlt, als sei ich einfach ‚zu viel‘ für jemand anderes“, sagt sie.
Das People Pleasing hat sie weitgehend hinter sich gelassen. Ämter wie Elternvertreterin in der Schule übernimmt sie nicht mehr wie selbstverständlich. Sie hat erkannt, dass sie sich lange nicht für liebenswert hielt, weil sie sich als fehlerhaft empfand. Als unperfekte Mutter, als unperfekter Mensch. „Ich hatte ständig auch das Gefühl, jeder will mich anders haben. Und ich müsste dann auch genau so sein“, sagt sie. Das Modell der schwäbischen Hausfrau, die funktioniert, niemanden stört und keine eigenen Bedürfnisse hat, passt nicht zu ihr.
Heute lebt sie freier. Sie ernährt sich gesünder, isst vor allem Obst und Gemüse, treibt viel Sport. Wenn jemand in ihren Coachings zu ihr sage, „du hast mein Leben verändert“, sei das für sie ein großer Erfolg. Aber sie muss das Leben von anderen nicht mehr auf Kosten von sich selbst verändern.