Performance im Schauspiel Nord Kunstaktion für ausstiegswillige Prostituierte

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Mit einer Performance unter dem Titel „Galateas“ im Schauspiel Nord hat eine Crowdfunding-Aktion zur Unterstützung von Prostituierten begonnen, die aus dem Milieu aussteigen wollen.

Der Lohn geht an andere:  Performance von Teresa Grebtschenko Foto: Sabine Schwieder
Der Lohn geht an andere: Performance von Teresa Grebtschenko Foto: Sabine Schwieder

Innenstadt - Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen, fallen im Sozialstaat Deutschland zunächst einmal in ein Loch. Sind sie nicht gemeldet, erhalten sie drei Monate lang keine Sozialleistungen. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, haben sich Kulturschaffende aus dem Raum Stuttgart zusammengetan. Mit einer Reihe von Veranstaltungen unter dem Titel „Galateas“ wollen sie in diesen Wochen den Caritasverband unterstützen. Dieser hält mit dem Café „La Strada“ nicht nur eine Anlaufstelle für Prostituierte, sondern auch eine Wohnung für ausstiegswillige Frauen bereit. Eine Crowdfunding-Kampagne soll zu deren Lebenshaltungskosten beitragen. Initiatorin des Projekts ist die Ludwigsburger Künstlerin Justyna Koeke. Sie ist Mitglied im Kunstverein Gästezimmer, der sich als Mitveranstalter für eine Performance im Schauspiel Nord zur Verfügung gestellt hat, mit der die sechswöchige Galateas-Spendenaktion begonnen hat.

Kunstobjekte werden lebendig

Die Zuschauer erwartete ein halbdunkler Raum, in dem scheinbare Kunstobjekte aus Stoff, Kleidern oder Federn verteilt waren. Als die Opernsängerinnen Caterina Berzé und Josefin Feiler zu singen begannen, erwiesen sich diese Kunstobjekte als Menschen: Studierende des Studiengangs Figurentheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bewegten sich zur Musik und ließen die scheinbar leblosen Dinge lebendig werden. Sie wurden zu Frauen, die sich anpriesen, ihren Körper zum Teil unter qualvollen Bedingungen zur Schau stellten.

Das war schon sehr beeindruckend. Vollends fasziniert aber war das Publikum, als die Performance-Künstlerin Teresa Grebtschenko mit „Marathon“ auf einer Liege mit seltsamen Musikinstrumenten die Arbeit einer Prostituierten darstellte. Deren Verdienst wurde am Schluss mit Hilfe eines Ventilators in die Luft geblasen: von Zwangsprostitution profitieren andere, nicht die Frauen selbst.

Liberalisierung sorgt für große Not

Ebenso beeindruckend legten Sabine Constabel und Monika Barz vom Verein „Sisters“ dar, weshalb Prostitution geächtet werden sollte. Der Verein unterstützt aussteigewillige Frauen in Deutschland. Der Großteil der Betroffenen, so erklärten sie, kommt aus Osteuropa und prostituiert sich nicht freiwillig. Seit der Liberalisierung im Jahr 2001, die ursprünglich für mehr Schutz sorgen sollte, ist die Konkurrenz unter den Bordellbetreibern größer geworden. Sie werben mit Flatrates und setzen die Frauen vermehrt physischer und psychischer Gewalt aus.

Unaufgeregt, sachlich und vollkommen überzeugend warben Sabine Constabel und Monika Barz für das sogenannte Nordische Modell: Frauen, die auf den Strich gehen, bleiben straffrei, aber der Kauf von Sex ist verboten. Selbst das im Juli in Kraft tretende Prostituiertengesetz bezeichneten sie als unzureichend. So sei es nicht gelungen, das Schutzalter auf 21 zu erhöhen, die betroffenen Frauen sind aber größtenteils zwischen 17 und 22 Jahre alt. Auch habe man nicht erreichen können, dass Schwangere, die als besondere Attraktion gelten, geschützt werden.

„Rotlicht aus“

„Rotlicht aus“ durch ein Sexkaufverbot scheint die einzige Möglichkeit zu sein, die Betroffenen zu schützen. Dem Einwand aus dem Publikum, das würde Frauen, die frei und selbstbestimmt als Prostituierte arbeiten, die Grundlage entziehen, widersprachen die Fachfrauen von „Sisters“. „Deren Zahl ist gering. Der Kollateralschaden ist aber zu groß“, machte Sabine Constabel deutlich. Begriffe wie „Wellness-Oase für den Mann“ oder „Sexarbeiterinnen“ verschleierten die alltägliche Not von Zwangsprostituierten.

Die beidenFrauen berichteten von jungen Männern, die nach der Schule gemeinsam ein Bordell besuchen und dort ihr „erstes Mal“ erleben. „Sie lernen nicht, wie Sexualität in einer partnerschaftlichen Beziehung funktioniert. Das tut den Männern nicht gut, aber auch nicht der Gesellschaft“, sagte Monika Barz.

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