Knackig geformt, rot, makellos. Zum Anbeißen schön liegen die 36 Erdbeeren auf dem langen Tisch im Atelier des Theater Rampe. Als Bataillon in Reih’ und Glied angerichtet neben Küchenutensilien, allerlei Ingredienzien wie Zuckerwürfel, Essig und Stroh-Rum sowie präzise aufgestellte Werkzeuge, die dem Einsatz harren. Was die Dame, die nun tatkräftig herein schreitet, wohl Leckeres daraus zaubern wird? Erst schützt sie sich selbst. Über ihr schwarzes Blusenkleid bindet sie perfekt eine Schürze – so blütenweiß wie die Papierdecke auf einem zweiten großen Tisch in der Raummitte. Doch bald wird es schmutzig, der so sicher anmutende Alltag zum Schlachtfeld. Bald werden sich blutrote Flecken und Schlieren abzeichnen: Spuren des Massakers der Scheinfrüchtchen.
Der sichere Tod hat viele perfide Gesichter
„Death Is Certain“ heißt die Performance von Eva Meyer-Keller, Choreografin aus Berlin, die in ihrem Werk Schnittstellen von Wissenschaft, Verfahrensmodellen, bildender und darstellender Kunst auslotet. Und der sichere Tod hat viele perfide Gesichter.
Die Performerin, streng einer Rezeptliste folgend, lässt zunächst eine Erdbeere mit Klebeband am Tischrand ins Leere stürzen. Eine andere wird im Wasserglas versenkt, eine weitere mit offenen Kabelenden zischend unter Strom gesetzt. Zum Einsatz kommen auch Bügeleisen und Teesieb, die darin klemmende Erdbeere kommt an den Wandhaken. Die im mit Frischhaltefolie abgedeckten Glas wiederum stirbt an Zigarettenrauch – per Strohhalm hineingepustet. Dann wird gevierteilt mit Haarklammern, an die Wand genagelt, angebohrt, Gift gespritzt, auf einem Scheiterhaufen aus Streichhölzern verbrannt, in Gips versenkt, mit Goldlack besprüht, geböllert, abgestürzt im Spielzeugauto und am Luftballon. Auf letzteren wirft die Künstlerin Dartpfeile. Und auf die Wunden jener Erdbeere, deren Haut sie abfeilte, streut sie Salz.
In der eigenen Haut fühlt man sich da längst unwohl, mit jedem Mini-Szenario mehr. Was scheinbar harmlos begann, wird ernst: Die Kochshow-Kulisse verwandelt sich zur Folter- und Hinrichtungskammer, die Früchte zu Symbolen menschlicher Verletzlichkeit, Leid und Vergänglichkeit. Das auf viele Arten, die Betrachtenden haben eigene Assoziationen, die sie darauf projizieren – je nach Erfahrungen und Erlebnissen.
Künstlerischer Aufruf zum Hinschauen, Reflektieren
Schon an über 200 Orten auf sechs Kontinenten zeigte die gebürtige Baden-Württembergerin ihre Performance, nun tut sie das erstmals in Stuttgart. Ihr Stück mutet nicht nur in dieser krisengeschüttelten Zeit, den täglichen Nachrichten, den asozialen Inhalten der sozialen Medien höchst brisant an. Es ist immer aktuell. Eva Meyer-Keller will, dass die Menschen hinschauen, über Verantwortung und Gewalt, die sich durch die Geschichte zieht, reflektieren. Das hat sie erreicht: „Death Is Certain“ ist ein Muss.