Performance in Ludwigsburg Tänzerisch auf der Suche nach dem Gleichgewicht
Im Innenhof der Ludwigsburger Karlskaserne zeigen Equi Libreeine Mischung aus Modern und kreativem Tanz.
Im Innenhof der Ludwigsburger Karlskaserne zeigen Equi Libreeine Mischung aus Modern und kreativem Tanz.
Die beiden Körper bewegen sich schnell und exzentrisch über den Rasen im Innenhof der Karlskaserne. Der Tanz unter dem alten, knorrigen Ahornbaum ist eine Mischung aus Modern und kreativem Tanz. Die musikalische Untermalung: eher bedrohlich als dramatisch. Hier und da scharfe und schaurige Akzente im Ton, so auch im Tanz.
Am Wochenende präsentierten Equi Libre, bestehend aus Yahi Nestor Gahe, Sanga Ouattara und Ikheyon Park ihre Tanzperformance „Im Gleichgewicht bleiben“. Sie hatten sich im Vorfeld mit Fragen wie „Wie finden zwei Körper eine gemeinsame Balance?“ oder „Wie kommt ein sich bewegender Körper ins Gleichgewicht?“ beschäftigt. Diese setzten sie nun künstler- und tänzerisch um.
Mal ist es ein tänzerisches Miteinander, dann wieder ein Gegeneinander, hier ein fernes und dort ein nahes körperliches Abtasten, dann kommen die Tänzer kurzerhand ins Gleichgewicht, doch ebenso plötzlich ist es wieder zerstört.
Denn ins Gleichgewicht bringen, heißt nicht unbedingt in Balance bleiben, das lernt das Publikum schnell. Es ist nämlich beim Tanz wie im realen Leben – immer wieder gerät man aus dem Gleichgewicht. Wir werden erschüttert von äußeren Ereignissen und Krisen, unsere Vorstellungen passen nicht mit jenen Ansichten anderer Kulturen zusammen. Alles scheint auf der Kippe zu stehen. Das Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft wächst. Lässt es sich nicht beseitigen? Tänzerisch betreiben die drei Künstler Aufklärung: Sobald ein Gleichgewicht gefunden wird, muss es zwangsweise wieder zerstört werden, ansonsten tritt Statik an Stelle des Gleichgewichts. Und dann bewegt sich nichts mehr – und keine Bewegung ist auch keine Lösung. Dem geschuldet sind auch drei Körper in Aktion. Während Gahe und Outtara den tänzerischen Part übernehmen, ist Park jener Protagonist, der abwechselnd das Gleichgewicht herstellt oder verhindert.
So tanzen sich Equi Libre also immer wieder in ihr Gleichgewicht. Sie rollen durchs Gras, treten regelmäßig in Interaktion mit Stehaufmännchen, liegen sich angespannt und argwöhnisch gegenüber, wie im Schützengraben in einem Krieg. Sie suchen Gemeinsamkeiten, sie tauschen sich aus. Immer wieder nimmt der Tanz höllisch an Fahrt auf, bis er wieder nahezu gänzlich zum Erliegen kommt.
Auch das Publikum wird miteinbezogen. Zwei Damen dürfen sich versuchen, mit den Herren ins Gleichgewicht zu kommen. Keine leichte Angelegenheit. Sie tänzeln quer über die Rasenfläche, probieren die verschiedensten Posen aus. „Ja gut“, schallt es durch den Innenhof, bevor das Gleichgewicht mit einem dumpfen Plumps zerstört wird. Und wieder, und wieder, und wieder.
Es kommen wilde Schreie nach Vertrauen, Sicherheit und Freiheit auf. „Ich, ich, ich!“; schreit Gahe und die Szenerie schaukelt sich zum vorläufigen Höhepunkt auf. Dann wieder absolute Stille. Das furiose Chaos endet im ruhigen, eintönigen Innehalten. Nochmals kommen die Körper dann zusammen. So eng wie noch nie während der Szenografie. Doch auch dieses Gleichgewicht wird wieder zerstört. Sie schwingen, fallen, stehen – wie eine Wippe, rund 70 Minuten lang.
Das Publikum fasziniert, erschüttert, irritiert – aber auch belustigt. Am Ende auf alle Fälle begeistert und inspiriert. Die Frage nach dem Gleichgewicht und der Balance des Lebens, darüber kann nun jeder für sich nachdenken und in Bewegung bleiben.