Auf dem Pariser Platz ist die audio-visuelle Performance „Circles“ mit mehr als 300 Mitwirkenden uraufgeführt worden.

Stuttgart - Der Pariser Platz war am Sonntagabend ein großer Konzert- und Bewegungsraum. Mehr als 300 Sängerinnen und Sänger und andere Mitwirkende haben die audio-visuelle Performance „Circles“ von Amir Shpilman uraufgeführt. Die Chorsinfonie führte zu Begegnungen und Kurzzeitbeziehungen unterschiedlichster Art.

„Jede Stadt hat ihren Rhythmus aus täglichen Routinen, ein Gefüge aus Aktivitäten, Gesprächen und Begegnungen“, heißt es in der Beschreibung von „Circles“, das ein Projekt im Rahmen des Künstefestes „Die irritierte Stadt“ ist – und eigentlich schon im vergangenen Jahr hätte aufgeführt werden sollen, was die Pandemie aber verhinderte. Und jede Stadt habe „Muster aus Klängen, Emotionen und Farben“, die von „Circles“ in eine Performance übersetzt würden, „in der Hunderte Sängerinnen und Sänger das Publikum mit einem faszinierenden Klang- und Bewegungszeremoniell umspielen und mit ihrem Klang einhüllen und berühren“.

Manch einer ignoriert die Schlange und marschiert zielstrebig zum Einlass

Wer sich am Sonntagabend im einsetzenden leichten Regen dem Konzertraum Pariser Platz näherte, geriet schon in der Warteschlange vor dem Eingang in die ersten Begegnungsgefüge. Solche Reihen von Wartenden gehören im Zuge der notwendigen 3-G-Kontrollen inzwischen zum Alltag, aber manche wollen trotzdem nicht ein paar Minuten früher kommen, um rechtzeitig zum Konzertbeginn auch drinnen zu sein. Aus Angst den Anfang zu verpassen, ignorieren sie dann starren Blicks die Schlange und marschieren zielstrebig zum Einlass, weil sie ja für 19 Uhr „gebucht“ – der Eintritt kostete nichts – hatten. Erfolg hatten sie dadurch nicht und mussten sich wieder hinten einreihen, aber jede dieser Aktionen verlängerte die Wartezeit der anderen. Auch das ist Teil des alltäglichen Stadtrhythmus, nicht nur vor Welturaufführungen.

Drinnen auf dem Platz wiesen aufs Pflaster aufgeklebte weiße Pfeile den Weg durch die Klanginstallation aus Menschenstimmen. Die Sängerinnen und Sänger zahlreicher Chöre, wie etwa den Hymnus Chorknaben, dem Motettenchor Stuttgart, dem Solitude Chor oder dem Frauenchor Egenhausen, hatten sich mit Smartphones in den Händen weiträumig in konzentrischen Kreisen auf dem Platz aufgestellt. „Dirigenten“ mit Tablets auf Notenständern schickten Töne, Farben und Bewegungen über den ihnen am nächsten stehenden Sänger in die Kreise hinein. Die Sängerinnen und Sänger gaben sie mit ihrer Stimme, mit schwingenden Bewegungen und der entsprechenden Farbe auf ihrem Handydisplay weiter.

Die Komplexität menschlicher Beziehungen zelebrieren

Die Besucher bewegten sich pfeilgemäß durch diese hin- und herwabernde vielstimmige Klangwolke erst immer weiter bis ins Zentrum der Kreise hinein und dann wieder hinaus. Die Performance wollte „die Komplexität menschlicher Beziehungen mit einer im wahrsten Sinne bewegenden, farbenfrohen Open-Air-Choreografie“ zelebrieren, und jeder Besucher empfand, sah und hörte die Farb-Raum-Ton-Kreise anders: Manche wurden von den fortschreitenden sanften hohen Tönen regelrecht in die Kreise gezogen, andere durch tiefe Bassstimmen geerdet – und wieder andere erschreckten sich bei einer raschen, abgehackten, hohen Tonfolge, die ein bisschen an vorbeirauschende Star-Wars-Kampfgleiter erinnerte.

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30 Minuten dauerte eine Aufführung, drei gab es am Sonntagabend insgesamt. Dabei wird es auch erst einmal bleiben. Das Festival „Die irritierte Stadt“ ist ein Projekt der Akademie Schloss Solitude, der Freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart, der Musik der Jahrhunderte, des Produktionszentrums Tanz und Performance, des Theaters Rampe und des Kulturamts der Landeshauptstadt. Es wird gefördert aus Mitteln des Bundes unter anderem aus dem Sonderprogramm Neustart Kultur und der Stadt. Die meisten Festivalveranstaltungen fanden im vergangenen Sommer statt, manche mussten coronabedingt verschoben werden. Im Theater Rampe wird im November die Performance „The Users“ in leicht abgeänderter Form noch einmal zu sehen sein, unter www.irritiertestadt.de/spielplan.

Nächstes Jahr könnten die „Circles“ in Berlin aufgeführt werden

Kerstin Wiehe aus Berlin hat als künstlerische Beraterin viel Zeit und Herzblut in das mehrfach verschobene Projekt gesteckt. „Ich fand es sehr berührend“, sagt sie und ist auch am Tag nach der Uraufführung immer noch beeindruckt „von der Art und Weise, wie sich die Sängerinnen und Sänger eingebracht haben. Viele haben gesagt: Wir wollen es noch einmal machen, auch in einer anderen Stadt.“ Das will das „Circles“-Team jetzt auch tatsächlich angehen, nächsten Sommer sollen die „Circles“ ihre Kreise in Berlin ziehen.