Performance-Star in Tübingen Marina Abramovic ist nun unsterblich

In der 3-D-Installation „The Life“ taucht Marina Abramovic als Geistwesen auf. Foto: VG Bild-Kunst/Marina Abramovic

Marina Abramovic ist ein Star und eine der faszinierendsten Künstlerinnen der Welt. Jetzt war sie in der Kunsthalle Tübingen, die Arbeiten zeigt, die den Atem stocken lassen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Tübingen - Eine falsche Bewegung und der Pfeil saust mitten ins Herz. Die Hände zittern, man ahnt, dass den beiden die Kräfte schwinden: Marina Abramovic und Ulay. 1980 stellten sie bei einer Performance ihre Liebe auf die Probe und griffen zu Pfeil und Bogen. Sie hielt den Bogen, er den Pfeil – und hätte einer der beiden losgelassen, wäre es nicht gut ausgegangen.

 

Aber auch in dieser atemberaubenden Performance ist Marina Abramovic dem Tod von der Schippe gesprungen. Immer wieder hat sie ihn herausgefordert, schnitt und verbrannte sich, tanzte in Ekstase bis zum Zusammenbruch. Einmal wäre sie vom Publikum sogar fast erschossen worden. Marina Abramovic ist durch die Hölle gegangen – und letztlich geläutert hervorgegangen. Nun war die 74-Jährige in Tübingen zu Besuch, gut gelaunt und quietschfidel, gelassen und ausgeglichen. Eine Persönlichkeit, wie man sie nicht alle Tage trifft.

Ein toller Erfolg für Nicole Fritz

Nicole Fritz, die Direktorin der Kunsthalle Tübingen, hat gemeinsam mit Abramovic eine bemerkenswerte Einzelausstellung entwickelt. „Jenes Selbst/Unser Selbst“ nennt sich die Schau, die nicht nur die Stationen des Werkes, sondern auch Abramovic’ eigene Entwicklung nachzeichnet. Ihr Weg begann 1946 in Belgrad mit Eltern, deren Herz vor allem für das serbische Militär und Disziplin schlug. Heute ist sie nicht nur eine der erfolgreichsten, sondern auch bekanntesten Künstlerinnen der Welt. Sie ist ein Star, ist Pop – und zu ihren Performances und Ausstellungen pilgern oft Hunderttausende.

Schon als junge Künstlerin war Abramovic in Tübingen

Und nun Tübingen, wo sie als junge Frau mit Ulay, einem deutschen Künstler, am Anfang ihrer Karriere sogar mehrfach Station machte. Ein Video erinnert an eine Performance, die 1975 in der Galerie Ingrid Dacic stattfand. Fünfzig Minuten lang sagte Abramovic wie in der Psychoanalyse, was ihr gerade in den Sinn kam: „Eishockey, Rugby, König Nikola, Museum der Revolution, Kruzifix, Cevapcici . . .“ Schon hier klingt ihr Lebensthema an: den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen, um frei zu werden.

Ein Zeichen von tiefem Vertrauen

Zwölf Jahre lebten und arbeiteten Marina Abramovic und Ulay in enger Symbiose zusammen und versuchten auf vielerlei Weise, Grenzen zu überwinden. Aber wenn sie sich in „Rest Energy“ (1980) mit Pfeil und Bogen gegenüberstehen, erzählt das auch von der Verletzlichkeit der Liebe, vom ewigen Kräftemessen der Geschlechter – und ist eine starke Geste gegenseitigen Vertrauens.

Als die beiden 1988 jeweils an einem Ende der chinesischen Mauer losliefen, um sich in der Mitte zu treffen und für immer zu trennen, markierte das den Endpunkt ihrer Liebe. Marina Abramovic stürzte in eine Krise, aber schaffte den künstlerischen Neubeginn mit einem längst bewährten Mittel: dem Schmerz. Immer wieder hat sie sich in Extremsituationen gebracht, körperlich wie geistig, um dem Publikum vor Augen zu führen, wovor wir Menschen uns am meisten fürchten: Schmerz und Tod. Sie durchlebte die Schmerzen, um uns zu zeigen, dass man ihnen standhalten kann.

Schlangen wickeln sich um den Hals der Künstlerin

Es stockt einem der Atem, wenn sie unbeweglich auf dem Stuhl sitzt und stoisch erduldet, wie sich zwei armdicke Schlangen um ihren Körper schlingen und zischelnd ihr Gesicht ins Visier nehmen. Dann wieder hat sie sich so lange selbst ausgepeitscht, bis ihr Rücken mit blutigen Striemen gezeichnet war. Auch wenn Abramovic wie hier an die christliche Flagellation erinnert oder Rituale anderer Kulturen zitiert, berühren ihre Arbeiten auch ganz unmittelbar.

Den Geist domestizieren

Die Tübinger Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie stark sich Marina Abramovic in diesen fünfzig Jahren weiterentwickelt hat – und sich dabei im Kern doch stets treu geblieben ist. Ob sie Schmerzen ertrug oder inzwischen in quälenden Achtsamkeitsritualen ihren Geist zu domestizieren versucht, letztlich ist es immer der Versuch, Kontrolle zu erlangen, dem eigenen psychischen und physischen Erleben nicht länger ausgeliefert zu sein – und frei zu werden. „Cleaning the house“ nennt sie diese innere Reinigung. Wohl auch deshalb ist sie heute so populär, weil sie in unserer reizüberfluteten Welt Konzentration lehrt. Sie hat sie von Beginn an in ihren Performances trainiert.

Die Künstlerin zerfällt zu Staub

Performance ist eine flüchtige Kunstgattung. Einige ihrer Arbeiten überleben als Videos, mitunter wurden die Aktionen auch nachgestellt mit anderen, jüngeren Leuten. Nun hat Abramovic endlich eine Lösung gefunden, wie sie als Künstlerin weiterleben kann, auch wenn sie eines Tages gestorben sein wird. Neueste Technologie macht es möglich. Mit einer magischen Mixed-Reality-Installation taucht die Künstlerin in der Kunsthalle virtuell auf. Wie leibhaftig macht sie mit dem Publikum Exerzitien zur Klärung des Geistes – bis sie sich schließlich in Nichts auflöst und zu Staub zerfällt.

Marina Abramovic bringt zum Weinen

In die Augen schauen
„The Artist is present“ nannte sich eine Performance, die Abramovic 2010 im New Yorker MoMA zeigte. Drei Monate lang saß sie täglich sieben Stunden bewegungslos auf einem Stuhl. Besuchern, die sich ihr gegenüber setzten, schaute sie eindringlich in die Augen. Viele begannen zu weinen oder lächelten beseelt, denn Abramovic gab den Menschen offensichtlich das, was sie wohl selten bekommen: volle Aufmerksamkeit, oder, wie die Künstlerin es nennt, „bedingungslose Liebe“.

Achtsamkeit üben
Abramovic hat eine Methode entwickelt, die die Menschen zur Ruhe bringt und die Sinne für die Kunst öffnet. In der Alten Oper Frankfurt hat sie 2019 die „Abramovic-Methode“ erstmals bei einem Konzert angewendet. Das Publikum musste alle elektronischen Geräte abgeben und vorab Achtsamkeitsübungen absolvieren. „Wenn man ständig aufs Handy schaut und seine Sorgen ins Konzert mitbringt, kann man die Musik nicht wirklich aufnehmen“, sagt sie.

Info
Die Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen ist bis 13. Februar 2022 zu sehen – täglich von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr.

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