Permafrost Black-Metal-Festival mit Nachspiel

Von Sven Ullenbruch 

Die Grünen werfen den Verfassungsschützern in Baden-Württemberg vor, die rechtsextremistische Musikszene zu verharmlosen. Der Anlass ist das Black-Metal-Festival Torn Your Ties 2016.

In Sachsen-Anhalt stufen die Verfassungsschützer die Band Permafrost als rechtsextremistisch ein. Foto: Facebook
In Sachsen-Anhalt stufen die Verfassungsschützer die Band Permafrost als rechtsextremistisch ein. Foto: Facebook

Stuttgart - Der Black-Metal-Untergrund feierte den Tag als Erfolg. „Ihr habt echt Eier bewiesen! Ich ziehe den Hut!“, lobhudelte das Insider-Portal Sturmglanz. „Darüber wird man noch lange sprechen.“ Zumindest damit hatten die Verfasser recht behalten. Was sich im September 2016 in Boxberg-Bobstadt im Main-Tauber-Kreis abspielte, beschäftigt jetzt das Innenministerium in Stuttgart. In einer Anfrage erkundigten sich die Grünen-Abgeordneten Hermann Katzenstein und Alexander Meier nach Erkenntnissen über rechtsextreme Konzerte. Im Fokus: das Black-Metal-Festival Torn Your Ties 2016. Trotz öffentlicher Kritik spielte dort vor 200 Gästen die Band Permafrost aus Zeitz.

Die Verfassungsschützer in Sachsen-Anhalt stufen die Kapelle seit Jahren als rechtsextremistisch ein. Die Musiker sind unter Neonazis gut vernetzt und tragen ihre Gesinnung teils offen zur Schau. Den Vertrieb ihrer Alben übernehmen einschlägige Plattenfirmen. Für den Stuttgarter Verfassungsschutz ist das alles kein Grund, den Auftritt als rechtsextreme Veranstaltung zu erfassen. Schließlich hätten auch „nicht extremistische“ Bands gespielt. Und in rechtsextremen Kreisen sei nicht dafür geworben worden, so das Ministerium.

Unklarheit über Veranstalter

Für Katzenstein sind das „steile Thesen“. Er will auf jeden Fall nachhaken. Auch der Bielefelder Pädagoge Jan Raabe kann sich der Argumentation nicht anschließen. „Es ist ein Widerspruch, eine Band gerade wegen ihres Gesamteindrucks als rechtsextremistisch einzustufen, ein Konzert mit der Band dann aber nicht als rechtsextremistisch zu bewerten“, sagt der Experte für die rechte Musik-Szene. „Da hilft es auch nicht, wenn andere Bands mit auf der Bühne gestanden haben.“ Er widerspricht auch der Aussage, das Festival sei nicht in entsprechenden Kreisen beworben worden: Ein Blick auf die Facebook-Seite der extrem rechten Szene Black Metal-Szene zeige, dass die Infos auch dort wahrgenommen wurden und werden. Raabe befürchtet, dass sich die Behörden zu sehr auf die klassische Nazi-Skinhead-Szene konzentrieren und kein Verständnis für den extrem rechten Teil des Black Metal haben.

Dass sich die Szene formiert, ist auch den Behörden nicht ganz entgangen. Das Festival habe die Black Metal Legion durchgeführt, schreiben die Ministerialen. In der „rockerähnliche Gruppierung aus der Bodenseeregion“ seien auch einzelne Angehörige der rechten Szene aktiv. Auf den Kutten der Legionäre aus dem Hegau prangen Pentagramme und umgedrehte Kreuze. „Black Metal bleibt Krieg“ verkündet die Gruppe im Internet. Aber war die Legion tatsächlich für das Konzert verantwortlich? Der Zimmermann und stellvertretende Ortsvorsteher Heiko Gubelius dementiert: „Ich war alleiniger Veranstalter und bin kein Mitglied der Black Metal Legion – auch wenn ich die Jungs gut kenne“. Die Aufregung versteht er nicht: „Ich würde es wieder machen.“

Szene hetzt gegen „Gutmenschen“

Genau das befürchtet Rüdiger Krauth. Der evangelische Dekan hat sich vor Ort gegen den Permafrost-Auftritt engagiert. Er will die Menschen sensibilisieren. Viele bekämen gar nicht mit, wie rechtes Gedankengut sich breit mache. Krauth sieht die Verantwortung deshalb vor allem in der Zivilgesellschaft: „Wir müssen mutig für die Demokratie und unsere Werte einstehen.“

Das Torn Your Ties Festival wird in diesem Jahr keinen Anlass bieten. Vermutlich findet es erst wieder 2018 statt, sagt Gubelius. Andere Szene-Vertreter kündigen im Internet Konsequenzen aus den öffentlichen Diskussionen um Permafrost und andere Bands an. Man müsse sich dem „Fadenkreuz von Gutmenschen“ besser entziehen, heißt es dort: „Die Konzerte müssen kleiner werden und die Mundpropaganda wird immer wichtiger.“