Nach einem Unfall in Äthiopien hat sich Daniela Mezgerbei einem Medizinmann behandeln lassen.

Strohgäu: Annegret Jacobs (jac)

Vaihingen - Es ist ein Fehltritt, der Daniela Mezger ihr persönliches Ereignis des Jahres beschert. Es geschieht während einer Gruppenreise durch Äthiopien im Oktober. Die 33-Jährige aus Vaihingen, Ausbilderin bei einer Bank, will ein Boot besteigen, das sie und ihre Reisegruppe zu einem Kloster auf einer Insel bringen soll. Der Wellengang auf dem See ist heftig und im Bootsrumpf ein Loch, notdürftig mit einer Plane bedeckt. Mit dem rechten Fuß gerät Mezger ins Loch. „Es tut einen Mordskrach“, dann wird sie erst einmal ohnmächtig vor Schmerzen. Als sie wieder zu sich kommt, hat sie heftige Schmerzen. Sie hat keine klaffende Wunde, aber der Außenknöchel ihres rechten Fußes ist auf die Größe einer Apfelhälfte angeschwollen.

Was tun, fragt sich die 33-Jährige panisch. Es ist der zweite Tag ihrer zehntägigen Rundreise durch Äthiopien, eines der ärmsten Länder der Welt. Dort zu reisen, mit einem gerissenen Band oder gar einem gebrochenen Fuß, wird ein Ding der Unmöglichkeit sein. Statt Straßen gibt es Schotterwege, eine dreistündige Fahrt über Land bedeutet ein dreistündiges Geschaukel im Wagen. Das geschwollene Bein ruhig stellen? Unmöglich. Selbst einfache Dinge, sich etwa mal auf eine Bank zu setzen und den Fuß hochlegen, das ist ihr gleich klar, werden sehr schwierig werden. „In Deutschland gibt es überall Bänke, in Äthiopien nicht.“

In Äthiopien gibt es nicht überall Krankenhäuser

In Äthiopien gibt es auch nicht überall Ärzte, geschweige denn Krankenhäuser. „Hättest Du ein Problem damit, wenn ich einen Schamanen hole?“, fragt sie der Reiseführer, als die Gruppe am Abend ins Hotel zurückkommt. Mezgers Fuß ist noch weiter angeschwollen, die Schmerzen nahezu unerträglich. „Er wird schon wissen, was er tut“, denkt sich Daniela Mezger. Zudem: „Und ich wollte alles tun, um diese Schmerzen los zu werden.“

Keine zehn Minuten später betritt ein sehr alter Mann mit grauem Bart die Eingangshalle des Hotels. Auf dem Kopf trägt er einen weißen Hut, sein Gewand ist bodenlang und weiß. Daniela Mezger liegt auf dem Sofa in der Hotellobby und wartet nun, dass das Patientengespräch losgeht und der Reiseleiter die Fragen des Schamanen übersetzt. „Doch der hat mich als Person überhaupt nicht angesehen. Er hat mir nur in die Augen und auf meinen Fuß geschaut. Danach hat er zwei Leuten gezeigt, wo sie mich festhalten sollen, an den Schultern und am Bein und dann hat er an meinem Fuß gezogen und gedrückt, dass ich das ganze Hotel zusammengeschrien habe.“

Die Behandlung des Schamanen überrascht die Deutsche

Die Schwellung sei merklich zurückgegangen, sagt Mezger. Dann tut der Schamane etwas, das sie dann vollends überrascht: „Er sagte, dass ich aufstehen und durch den Raum gehen solle.“ Die Vaihingerin folgt den Anweisungen des Medizinmannes – und es klappt: „Ich konnte laufen, zwar unter Schmerzen, aber es ging“, sagt sie. Es sei nichts gebrochen, er habe nur zwei Verbindungen, die getrennt waren, wieder gekittet, übersetzt der Reiseleiter die knappe Erklärung des Schamanen. Daniela Mezger ist nun vollkommen perplex. Aber im weiteren Verlauf der Reise befolgt sie akribisch auch den letzten Rat, den der Medizinmann ihr gegeben hat: Den stramm gewickelten Verband um den rechten Knöchel noch ein paar Tage dran zu lassen. „Den habe ich bis zum Ende der Reise nicht mehr abgenommen.“

Daniela Mezger kann weiterreisen. Oft bleibt sie während der Besuche von Ausgrabungsstätten und Kirchen einfach draußen sitzen – und bekommt so ihren ganz eigenen Blick auf das Land. „Viele Leute sind stehen geblieben und haben sich mit mir unterhalten.“ So, wie bereits wenige Minuten nach dem Unfall auf dem Boot. „Eine Familie hat angehalten und gefragt, was passiert ist. Die waren richtig betroffen, dass mir so etwas in ihrem Land passiert ist.“ God bless – Gott segne Dich, das hört sie immer wieder, nebenbei auch die Lebensgeschichte derer, die bei ihr Halt machen. Wenn sie doch humpelnd die Stufen einer Kirche erklimmt, dann steht oft schon der Pfarrer mit einem Stock dort. Oder aber ein Passant kommt spontan auf sie zu, hakt sich bei ihr unter und stützt sie. „Mein Unfall hat unsere Reise bestimmt langsamer gemacht, ich musste einfach öfter mal Pause machen“, sagt sie. Aber das habe niemand in der Reisegruppe übel genommen – im Gegenteil: „Durch die Pausen haben wir einen viel intensiveren Kontakt zu den Menschen bekommen.“

„Diese alten Männer haben oft Erfahrung“

Zurück in Vaihingen geht Daniela Mezger zu ihrer Ärztin, „Sie war sich sicher, dass der Fuß gebrochen war.“ Doch das Röntgenbild zeigt: Der Knochen ist heil. Vermutlich sei dann ein komplizierter Bänderriss die Folge des Unfalls. Erst dann erzählt Daniela Mezger von der Behandlung durch den Schamanen. „Diese alten Männer haben oft Erfahrung“, sagt die Ärztin aus Vaihingen darauf.

Eine deutsche Ärztin, auf die Mezger noch während der Reise durch Äthiopien trifft, bestärkte die Vaihingerin in ihrer Entscheidung: „In ein Krankenhaus wäre sie wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse im Land auch nicht gegangen.“ Aber dass sie baldmöglichst wieder nach Äthiopien zurückkehrt, das ist für Daniela Mezger gewiss.

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