Persönlichkeit Muss ich für immer bleiben, wie ich bin?

Manche Menschen behalten immer die Ruhe, andere werden schnell nervös – mit etwas Arbeit kann man das zumindest beeinflussen. Foto: imago/Josep Rovirosa

Viele Menschen sind unzufrieden mit sich – und möchten sich ändern. Die Heidelberger Psychologin Cornelia Wrzus erklärt im Interview, warum das so schwer ist – und was wir tatsächlich an uns verändern können.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Nicht mit allen unseren Eigenschaften sind wir zufrieden. Aber können wir uns wirklich ändern? Oder ist unsere Persönlichkeit fest in uns angelegt? Die Persönlichkeitsforscherin Cornelia Wrzus von der Universität Heidelberg ist dieser Frage nachgegangen und erklärt auch, warum wir uns gar nicht immer verändern müssen.

 

Frau Wrzus, wer formt unsere Persönlichkeit?

Das lässt sich nicht so klar sagen. Kinder bringen eine Veranlagung mit, und auch mit den besten elterlichen Absichten lässt sich manches nicht ändern. Das zeigt sich oft auch daran, wie unterschiedlich Geschwister manchmal sind. Trotzdem ist unsere Persönlichkeit eine Mischung aus Genen, elterlichem Einfluss, und auch unsere Freunde und Lebenspartner machen uns aus.

Die Psychologieprofessorin Cornelia Wrzus forscht zu Persönlichkeitsentwicklung. Foto: PR/privat

Eltern haben also einen nicht so großen Einfluss, wie manche therapeutischen Strömungen wie die Psychoanalyse behaupten?

Als Eltern fürsorglich und warm zu sein, Grenzen zu setzen und sich selbst immer wieder zu reflektieren – das wird als Grundvoraussetzung für eine gute Persönlichkeitsentwicklung angesehen. Irgendwann im Jugendalter reduziert sich aber der Einfluss der Eltern. Dann werden die Freunde, das soziale Umfeld und Partnerschaften wichtiger. Oft suchen wir uns aber zum Beispiel unsere Partner schon danach aus, dass sie uns in einigen Bereichen ähnlich sind.

Persönlichkeitsentwicklung ist ein Trend. In der Coaching-Szene wird oft vermittelt, man könne alles schaffen, wenn man sich nur genug anstrengt. Stimmt das?

In einem gewissen Rahmen können wir an uns arbeiten und unsere Verhaltensweisen ändern. Studien zeigen durchaus Wirksamkeit von bestimmten Coachings, die oft therapeutische Ideen und Übungen nutzen. Gleichzeitig kommen andere Studien zu dem Ergebnis, dass Menschen insgesamt im Laufe ihres Erwachsenenlebens gelassener, zuverlässiger und stressresistenter werden. Auch werden sie kompetenter im Umgang mit anderen. Im Durchschnitt nehmen also die Eigenschaften emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit im Laufe unseres Lebens ohnehin eher zu – sodass man sich fragen könnte, ob man ein Coaching braucht oder eher abwartet, was passiert, wenn man älter wird und mehr Erfahrungen sammelt.

Also können wir uns durchaus ändern?

Ja und Nein. Unsere Persönlichkeitseigenschaften sind relativ stabil im Erwachsenenalter. Unsere Eigenschaften wie zum Beispiel Ordnungssinn, Hilfsbereitschaft oder Stressempfindlichkeit haben auch eine starke biologische Komponente. Manche Menschen sind zum Beispiel auch von Natur aus einfach schneller nervös oder ängstlicher als andere. Trotzdem kann sich durch Coaching oder eine Therapie viel ändern, was bestimmte Denk- und Verhaltensweisen betrifft.

Vor allem Menschen mit psychischen Problemen wie Ängsten hoffen ja, dass sie sich diese abtrainieren können. Wie gut funktioniert das?

In einem gewissen Ausmaß sind Ängste völlig normal und auch wichtig. Wenn sie zu stark werden und man manche Ängste überwinden möchte, gehört vor allem viel üben dazu. Es hängt natürlich immer auch von der Tagesform ab, wie stark Ängste dann manchmal noch auftreten. Zu Beginn meiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Doktorandin hatte ich bei öffentlichen Vorträgen immer starkes Herzklopfen zusammen mit großer Aufgeregtheit. Denkbar ungünstig für eine wissenschaftliche Karriere, wo ich ständig Vorträge und Vorlesungen halten muss.

Wie haben Sie diese Ängste überwunden?

Es hat mehrere Trainings, Coachings und viele Jahre praktischer Erfahrung gebraucht, bis mein Herzschlag und meine Nervosität dann irgendwann kaum noch auffällig waren. Dabei haben mir neben regelmäßigem Konfrontieren vor allem Atemübungen und Tipps zur Körper- und Geisteshaltung geholfen. Es hilft oft, sich die Situationen ins Gedächtnis zu rufen, wo es bereits gut geklappt hat und wir etwas gemeistert haben.

Wie gehe ich es an, wenn ich mich verändern möchte?

Es sollte auf jeden Fall nicht von außen vorgegeben werden, dass man etwas ändern müsste. Das geht nicht. Man muss es selbst wollen. Und dazu braucht es meistens einen gewissen Leidensdruck. Und dann sollten wir in kleinen Schritten vorgehen bis man sich in einer Situation sicher und gut fühlt, dann kann man die nächste Stufe angehen. Zum Beispiel bei Vortragsängsten erst einmal die Rede vor Freunden halten und darauf achten, wie Körperhaltung und ruhige Atmung die Nervosität verringern.

Brauche ich dafür immer therapeutische Hilfe?

Nein, nicht unbedingt. Es gibt heute auch gute andere Methoden. Wir testen zum Beispiel gerade ein sozio-emotionales Training namens „Gelassener durchs Leben“, welches verschiedene Ansätze und Übungen für den Alltag kombiniert. Es soll dabei helfen, stressige und unangenehme Situationen gelassener anzugehen und Kontakte zu anderen Menschen zu verbessern. Viele haben das Problem, dass sie in sozialen Situationen häufig erst im Nachhinein denken ‚Ach Mist, hätte ich doch anders reagiert.‘ Inzwischen haben wir gute Belege, viele Personen berichteten erstaunliche Veränderungen im Lauf des Trainings, sie haben neue Verhaltensweisen und Denkweisen erworben.

Manche Menschen wollen sich nicht verändern. Sie wollen akzeptiert werden, wie sie sind.

Es ist ja auch gut, dass wir alle so unterschiedlich sind. Die Unterschiede in unseren Eigenschaften haben einen Nutzen. So gibt es Menschen, die sehr gewissenhaft, ordentlich und pünktlich sind, aber es muss auch chaotischere Menschen geben. Oft sind diese zum Beispiel kreativer. Und manche unserer Schwächen können wir auch lernen als Teil von uns zu akzeptieren. Wir können uns auch nicht völlig verändern. Menschen, die in sozialen Situationen sehr schnell nervös sind, werden wohl kein Partylöwe werden.

Manche Menschen halten sich für zu nett und fühlen sich dann oft ausgenutzt. Ist das trotzdem eine gute Eigenschaft?

Wenn es zu stark ausgeprägt ist, dann kann man tatsächlich häufig ausgenutzt werden. Ich verstehe auch, dass man in manchen Positionen oder Ämtern nicht immer nur nett und fürsorglich sein kann. Trotzdem brauchen wir Menschen in der Gesellschaft, die eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft haben und sich zum Beispiel ehrenamtlich oder in Hilfsorganisationen engagieren. Die Frage ist also gar nicht immer, muss ich mich ändern. Sondern: Wo finde ich meine Nische?

Zur Person

Leben
Cornelia Wrzus ist Professorin für Psychologische Alternsforschung an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Sie interessiert sich für Persönlichkeitsentwicklung im Erwachsenenalter und Alter, Persönlichkeit und soziale Beziehungen im Lebensverlauf, Neurotizismus und Stressreaktionen in Alltagssituationen und dafür, das verständlich zu vermitteln.

Buch
Ihr Buch „Werden, wer ich bin. Psychologisches Wissen zur Persönlichkeitsentwicklung“ ist im Springer Verlag erschienen. (nay)

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