Die Vize-Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Kerstin Andreae, setzt auf ein Team beim Wahlkampf 2013. Das sagt sie im Interview mit der StZ.
10.03.2012 - 06:00 Uhr
Stuttgart - Claudia Roths Vorstoß, Spitzenkandidatin werden zu wollen, hat die Grünen kalt erwischt. Kerstin Andreae plädiert für eine Doppelspitze.
Frau Andreae, Claudia Roth hat sich selbst zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl ausgerufen. Hat sie damit den Grünen zur Unzeit ein Personalproblem bereitet?
Spitzenkandidaturen entscheidet die Partei. Claudia Roth hat ihr Interesse bekundet, und dafür gibt es keine Unzeit. Es ist für uns Grüne ja auch typisch, dass wir viele Leute haben, denen die Partei und auch die Öffentlichkeit zutraut, Spitzenkandidaturen zu übernehmen.
Jürgen Trittin, der starke Mann der Grünen, schweigt beredt. Er wollte wohl allein Spitzenkandidat werden. Ist er ausgebremst?
Das sind Munkeleien, zu denen er zu Recht geschwiegen hat. Die Partei entscheidet, in welcher Formation wir in den Wahlkampf ziehen. Da gibt es unterschiedliche Interessen. Ich kann Claudia Roths Forderung nach einer Doppelspitze verstehen. Es steht den Grünen gut an, eine Frau nach vorne zu stellen.
Jürgen Trittin und Claudia Roth gehören zum linken Flügel. Zur Tradition der Grünen gehört, dass der realpolitische und der linke Flügel austariert werden. Haben die Linken den Realos ein Schnippchen geschlagen?
Dieses Austarieren kann die Bevölkerung wenig nachvollziehen. Mir ist wichtig, dass wir mit einem Team und Personen in die Wahl gehen, die unsere grüne Bandbreite ausdrücken. Die Ansprechpartner sind für Unternehmerinnen wie für Krankenpfleger, für Umweltaktivisten wie für Gewerkschaften.
Bisher stand Renate Künast für die Realos. Doch die ist seit der vergeigten Berlin-Wahl nur noch ein Schatten ihrer selbst. Erwarten Sie also weitere Kandidaturen?
Die Grünen sind immer für Überraschungen gut. Ich erwarte mir aber vor allem, dass wir eine gute Lösung finden. Und diese gute Lösung heißt Ausgewogenheit, Bandbreite, Vielfalt. Wie wir das im Einzelnen machen, klären wir intern. Und Renate Künast ist keineswegs schwach.
Sie betonen die Bandbreite und das Team. In Baden-Württemberg hat Winfried Kretsch-mann diese Regel durchbrochen und war sehr erfolgreich damit. Sind die grünen Traditionen in dieser Hinsicht noch zeitgemäß?
Es gab auch in Baden-Württemberg um Kretschmann herum ein Spitzenteam . . .
. . . das er aber souverän ignoriert hat.
Die Medien konzentrieren sich gerne auf eine Person, vor allem dann, wenn sie so interessant und präsent im Wahlkampf ist, wie Kretschmann. Bei Joschka Fischer war das übrigens ähnlich. Wir sind kein Traditionsverein, wo immer alles gleich abläuft. Aber mit dem Spitzenteam um Kretschmann herum ist es gelungen, verschiedene Bevölkerungsgruppen anzusprechen.
Aber der realpolitische Flügel der Grünen schwächelt erkennbar.
Ich sehe das nicht so. Die Beschlusslage der letzten Parteitag orientiert sich an grünen und an durchsetzbaren Positionen – eben realpolitisch. Ich glaube, dass die ganze Flügelarithmetik weder personell noch in ihrer inhaltlichen Schärfe noch gegeben ist. In weiten Teilen sind wir uns erst mal einig. Gerade für unsere vielen neuen Mitglieder –sowohl in Baden-Württemberg wie im Bund – ist die Strömungsfrage eine Diskussion von gestern.
Das Gespräch führte Barbara Thurner-Fromm.