Nicht jede Konkurrenz belebt das Geschäft. Die hier ganz gewiss nicht: Der Mangel an Kitaplätzen bringt das gesellschaftlich und wirtschaftlich notwendige Ziel der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Konkurrenz zu dem bildungspolitisch ebenso notwendigen Ziel der frühkindlichen Bildung. Die Kommunen, auch wenn sie es nicht zugeben, haben mit der Reduzierung der Kita-Öffnungszeiten eine klare Priorität gesetzt: für die frühkindliche Bildung für möglichst viele Kinder. Die Dringlichkeit liegt, nach etlichen Pisa-Studien mit mauen Ergebnissen für deutsche Grundschüler, auf der Hand.
Nachwirkende Macht alter Rollenbilder
Doch das faktische Zurück zu Heim und Herd, das die verkürzten Betreuungszeiten bedeuten, wirft die Emanzipation um Jahrzehnte zurück. Es werden wieder mal überwiegend die Frauen sein, die in die Bresche springen müssen. Darin zeigt sich die nachwirkende Macht nur scheinbar überwundener Rollenbilder. Andererseits lässt sich die mühsam erkämpfte Gleichberechtigung nicht einfach abwickeln, und deshalb rächt sich der Rückschritt an sich selbst. Die Lücken im Kita-Angebot werden gigantische Löcher reißen in alle möglichen Produktions- und Versorgungsnetzwerke, in denen Frauen inzwischen den ihnen gebührenden Platz einnehmen.
Aus der Balance geratene Work-Life-Balance
Ein ganz anderer Effekt beschleunigt noch die Personalnot-Spirale: die aus der Balance geratende Work-Life-Balance. Nicht zugunsten von Work. Wer sich auf einschlägigen Online-Foren umtut, gerät in eine Party ungleich geteilter Teilzeit: Gefeiert wird ein immer größerer Teil Heim und Herd, ein immer kleinerer Teil Beruf. Ja, auch und gerade von Frauen, die meisten mit Uni-Abschluss. Frohgemut geben sie ihre finanzielle Unabhängigkeit preis, als hätten sie nie etwas gehört von Scheidungsraten, Trennungen und Altersarmut, die den eine oder zwei Generationen älteren Frauen droht. Natürlich spiegelt sich dieser Trend in den widersprüchlichen Kita-Bedarfserhebungen und kommt den Kommunen als teilweise verringerte Nachfrage zupass.
Deutschland hinkt bei der Kinderbetreuung dem hinterher, was in den meisten anderen europäischen Ländern bereits Standard war, als hierzulande noch flächendeckend die Hausfrauenehe grassierte. Allerdings ist es ja nicht so, dass in den vergangenen Jahren nichts passiert wäre. Seit 2012 hat sich die Zahl der Erzieherinnen und Erzieher um 51 Prozent erhöht – im Vergleich mit anderen Berufen eine geradezu sensationelle Steigerung. Aber der nachholende Bedarf ist eben noch schneller gewachsen. Statt sich mit falschen Alternativen aus der Affäre zu ziehen, bleibt den Kita-Trägern keine andere Wahl, als mit Klugheit und Kreativität weitere Menschen für diese anspruchsvolle Profession zu interessieren, die Wege für Quereinsteiger zu ebnen, den Einsatz von Fach- und anderen Kräften verantwortungsvoll zu kombinieren. Zuvorderst aber geht es um die gesellschaftliche Anerkennung. Wenn noch den nichtsnutzigsten IT-Nerd ein Silly-con-Valley-Nimbus umflort, während Erzieherinnen und Erzieher „nur mit Kindern rumtütteln“, stimmt was nicht. Umgekehrt wird ein Schuh draus.