Personalwechsel an der HFT Stuttgart Frauenduo startet an der Hochschule für Technik

Das neue Führungsduo an der Hochschule für Technik (v. r.): Rektorin Katja Rade und Kanzlerin Doreen Kirmse Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Seit 1. September leitet Katja Rade als Rektorin die Hochschule für Technik – als erste Frau. Fast zeitgleich hat Doreen Kirmse als Kanzlerin dort begonnen. Die promovierte Betriebswirtin und die Juristin sind beide alte Hasen im Wissenschaftsbetrieb – und die Chemie zwischen ihnen stimmt.

Stuttgart - Im Rektorat der Hochschule für Technik (HFT) liegen auf der Ablage seitlich noch einige Überraschungssäckchen mit Süßigkeiten. Die hat die frisch gebackene Rektorin Katja Rade selber gepackt und mit Schleifchen von ihrer kürzlichen Hochzeit verschnürt – „klimaneutral“, sagt die 55-Jährige. „Wir haben schon alle Räume in der HFT erobert“, berichtet sie – samt der Menschen, die trotz Corona und zu Ende gehender Urlaubszeit gerade in der – derzeit studentenlosen – Hochschule arbeiten. Mit „wir“ meint Rade auch ihre Kanzlerin Doreen Kirmse (48). Diese ist seit Juli im Amt, Rade seit 1. September, die beiden verstehen sich als Team. Das Du geht ihnen schon locker über die Lippen. „Eigentlich bin ich seit dem 29. Januar hier angekommen“, sagt Rade. Dem Tag ihrer Wahl. Darüber, dass sie gleich im ersten Wahlgang von Hochschulrat und Senat gewählt worden war, war besonders ihr Vorgänger Rainer Franke froh, der jetzt im Ruhestand ist. Ihm war ein guter Stabwechsel wichtig.

 

Zwei Frauen mit einer Bilderbuchkarriere

Jetzt wollen also zwei Frauen die HFT wuppen. Es scheint, als hätte die Findungskommission ein gutes Händchen gehabt. Denn Katja Rade und Doreen Kirmse sind nicht nur beide erfahren im Wissenschaftsbetrieb, sondern verfolgen auch ähnliche Ziele. Und: Zwischen den beiden Frauen stimmt auch die Chemie. Rade, gebürtig in Darmstadt, ist promovierte Betriebswirtin, bekam 2001 ihren ersten Ruf an die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart, war von 2007 bis 2017 Professorin an der Pforzheim Business School, wo sie 2009 einen Lehrpreis erhielt. Doch sie kann auch Verwaltung. Denn von 2012 bis 2014 kümmerte sie sich dort als Prodekanin um die Bereiche Haushalt, Finanzen, Qualitätsmanagement und internationale Akkreditierung. Von 2015 bis 2017 war sie als Prorektorin für die strategische Planung und Hochschulentwicklung der Hochschule Pforzheim zuständig. Die vergangenen drei Jahre war sie Rektorin an der SRH Hochschule Heidelberg, wo sie 2018 vom Stifterverband für Lehrexellenz ausgezeichnet wurde.

Eine Bilderbuchkarriere kann auch Doreen Kirmse vorweisen. Die Juristin, die zunächst als Rechtsanwältin in Frankfurt am Main gearbeitet hat, wechselte 2009 als Referatsleiterin in die Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft und beschäftigte sich dort mit Steuerrecht und wissenschaftlichen Kooperationen. 2015 wurde sie Kaufmännische Direktorin und Vorstand am Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden, 2016 Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft.

Als erste Aktion ein hochschulweiter Strategieprozess

Welche inhaltlichen Schwerpunkte in der HFT künftig gesetzt werden sollen, das will Rektorin Rade in einem hochschulweiten Strategieprozess entwickeln – gemeinsam mit Vertretern aller Fakultäten, Dekanen, Teamleitern. Wenn die Eckpunkte stehen, sollen alle Hochschulgruppen in den Prozess einbezogen werden. Dass Rade es ernst meint, zeigt ihr Zeitplan: Das erste Kickoff-Treffen war am 23. September. Denn schließlich gehe es um wichtige Entscheidungen: „Wollen wir wachsen oder nicht? Wie international wollen wir werden? Was sind künftige Forschungsschwerpunkte? Welche Studiengänge sollten wir 2027 haben oder 2030?“ In einem Punkt muss Rade nicht lange nachdenken: „Die HFT-Stipendien würden wir gern weiterführen.“ Diese werden seit 2011 von einer hochschuleigenen Stiftung finanziert und ergänzen die Deutschlandstipendien.

Gestaltung des Hochschulcampus Stadtmitte als „zähes Projekt“ identifiziert

Rektorin Rade und Kanzlerin Kirmse sind sich darüber einig, dass die HFT das Corona-Sommersemester gut hingekriegt hat. „Da kann die Hochschule stolz drauf sein“, meint Rade. Das ist natürlich auch ein Lob für ihren Vorgänger Franke. Diese Entwicklung, meint Kirmse, „hat die Digitalisierung sehr vorangetrieben“. Das spielt auch ihr in die Karten. Denn ihr Ziel sei ein papierloses Büro. Sie weiß aber auch: „Das wird Überzeugungsarbeit kosten.“ Dabei sei ihr wichtig, Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. „Wir wollen, dass die Prozesse transparenter werden“, sagt Kirmse. Mit wir meint sie auch Rade. Die möchte gar „mit Transparenz die Welt retten“. Hinterzimmerpolitik lehnt die Rektorin ab. „Hochschulen leben davon, dass die Menschen für ihre Projekte brennen“, sagt Rade. Sie selbst sieht sich als Hochschulmanagerin, ihren Führungsstil bezeichnet sie als klassisch-kooperativ. Einiges haben die beiden Frauen in ihren neuen Jobs schon gelernt. Dass der Hochschulstandort in der Stadtmitte besser sichtbar gemacht werden müsse, dass aber der sogenannte Masterplan Campus „ein sehr zähes Projekt“ sei, wie Kirmse feststellt. Klar ist ihnen, dass man da mit den Nachbarn gut kooperieren müsse. Den Anfang hat Rade schon gemacht – und sich mit ihren früheren Kollegen aus der DHBW getroffen. Ein Heimspiel. Auch bei der Bewältigung der Raumengpässe werden die Frauen dicke Bretter bohren müssen. Da hat sich schon Vorgänger Franke die Zähne ausgebissen. In Corona-Zeiten schlägt dieser Engpass doppelt zu Buche. „Denn wir wollen nach Möglichkeit Präsenzveranstaltungen anbieten.“ Auch Rade selber will nicht ganz von der Lehre lassen: Im Sommersemester will sie eine BWL-Vorlesung halten.

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