Es läuft: Jessica-Bianca Wessolly vom VfL Sindelfingen. Foto: Imago/Eibner
Der VfL Sindelfingen ist in der Leichtathletik bestens aufgestellt. Nun gibt es mit Blick auf die Sommerspiele 2028 ein „Perspektiv-Team Olympia“ – das auch eine Antwort auf die alles andere als optimale Unterstützung des Verbandes ist.
Jochen Klingovsky
09.05.2025 - 14:50 Uhr
Die Leichtathletik-Welt blickt in diesem Jahr immer wieder nach Asien. In Japan gibt es Mitte September den Saisonhöhepunkt, doch schon der Weg zur WM 2025 in Tokio führt viele Sportlerinnen und Sportler nach Fernost. Im chinesischen Guangzhou finden an diesem Wochenende beispielsweise die World Relays statt, die inoffiziellen Staffel-Weltmeisterschaften. Zum deutschen Team, das dort an den Start geht, gehört auch Jessica-Bianca Wessolly. Das ist schon allein deshalb bemerkenswert, weil das Jahr 2024 für die Sprinterin alles andere als glücklich gelaufen war. Umso zuversichtlicher blickt sie nun nach vorne – was auch mit einer besonderen Perspektive zu tun hat, die ihr von ihrem Verein VfL Sindelfingen geboten wird.
Doch von vorne. 2022 feierte Jessica-Bianca Wessolly ihren bislang größten Erfolg. Bei der EM in München gehörte sie zum deutschen 4x100-Meter-Team, das Gold holte, auch dank ihrer Leistung im Halbfinale. Danach nahm sie Kurs auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Dort wäre sie auch dabei gewesen, wenn sie nicht erst Mitte Juli im schweizerischen La-Chaux-de-Fonds die 200 Meter in 22,50 Sekunden zurückgelegt hätte, sondern schon zwei Wochen früher – so blieb ihr trotz erfüllter Direktnorm eine Nominierung verwehrt. Zugleich kam der Wettkampf zwei Wochen zu früh, um dank dieser Zeit bereits das Ticket nach Tokio zur WM 2025 lösen zu können. „Es war“, sagte Jessica-Bianca Wessolly damals, während ihr Tränen der Freude und Verbitterung über die Wangen liefen, „das beste Rennen meiner Karriere.“ Aber noch lange nicht das Ende.
VfL Sindelfingen fördert 18-köpfiges Team
Denn Jessica-Bianca Wessolly („Wir haben gute Chancen, ins Finale zu kommen“) wird nicht nur an diesem Wochenende bei den World Relays für Deutschland laufen, dank ihrer guten Weltranglistenposition dürfte ihr auch die WM-Teilnahme in Tokio schon jetzt sicher sein. Und auch Los Angeles, wo 2028 die Olympischen Spiele stattfinden, ist ein durchaus realistisches Ziel – das sie mit Hilfe des VfL Sindelfingen erreichen möchte.
Velten Schneider im Vorlauf über 3000 Meter Hindernis bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Foto: Imago/Eibner
Jessica-Bianca Wessolly (28) und Velten Schneider (25), bei den Sommerspielen 2024 in Paris Teilnehmer über 3000 Meter Hindernis, sind die prominentesten Namen im „Perspektiv-Team Olympia“ des umtriebigen Vereins, der im vergangenen Jahr zu den zehn erfolgreichsten Leichatathletik-Clubs in Deutschland zählte. Insgesamt 18 Sportlerinnen und Sportler werden vom VfL Sindelfingen gefördert, zum siebenköpfigen Top-Team gehören neben Wessolly und Schneider auch 800-Meter-Läufer Alexander Stepanov, Langstrecklerin Mia Jurenka, 400-Meter-Hürden-Spezialistin Melanie Böhm sowie die Kugelstoßer Eric Maihöfer und Silas Ristl. Ebenfalls unterstützt werden die acht Athleten des Potenzial-Teams sowie drei Nachwuchstalente. „Vereine müssen sich professioneller aufstellen, wenn sie ihr Niveau halten wollen“, sagt Jürgen Kohler, der Leichtathletik-Abteilungsleiter des VfL Sindelfingen, „und zugleich ist unser Olympia-Team natürlich auch eine Antwort auf das nicht optimale Fördersystem des Verbandes.“ Über dessen Hürden Velten Schneider viel zu erzählen weiß.
Kritik an der Förderung des Verbandes
Der 3000-Meter-Hindernisläufer hat die erfolgreichste Saison seiner Karriere hinter sich. Trotz anfänglicher Verletzungssorgen lief er im Mai 2024 in Brüssel in 8:20,94 Minuten eine neue persönliche Bestzeit, steigerte sich dabei gleich um mehr als sechs Sekunden. Er qualifizierte sich für die EM in Rom, erreichte dort den Endlauf, wurde zudem bei den nationalen Titelkämpfen Zweiter. Und er war auch erstmals bei den Olympischen Spielen dabei – obwohl er parallel zum Leistungssport Humanmedizin studiert und ihn mental belastet, dass er stets darum bangen muss, finanziell über die Runden zu kommen. Er gehört zwar dem Perspektivkader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) an, sagt allerdings: „Die Zustände dort sind nicht optimal.“ Umso wichtiger sei für ihn die Olympia-Initiative seines Heimvereins: „Für mich ist diese Unterstützung der größte finanzielle Baustein.“
Der Plan des ehrgeizigen VfL Sindelfingen ist, ein Trio nach Los Angeles zu bringen. „Um dies zu schaffen“, sagt Jürgen Kohler, „muss alles passen.“ Wie schon öfter in der Vergangenheit. Seit Los Angeles 1984 kommen Leichtathleten des Vereins auf 14 Starts bei Olympischen und Paralympischen Spielen – darunter waren Namen wie Heide-Elke Gaugel, Jörg Vaihinger, Birgit Hamann, Niko Kappel oder zuletzt in Paris Carolina Krafzik, die ihre Karriere mittlerweile beendet hat. Nun will der VfL Sindelfingen mit der nächsten Generation ein weiteres Kapitel in seiner Erfolgsgeschichte schreiben. „Im Spitzensport“, sagt Jürgen Kohler, „darf man sich keine Grenzen setzen.“ Erst recht nicht, wenn das wichtigste Ziel der nächsten Jahre in den USA liegt.