Ingrid Braitmaier kämpft den Kampf gegen die Einsamkeit alter und psychisch kranker Menschen. Sie tut das mit dem Einsatz freiwilliger Helfer. Und die sind ein knappes Gut. Braitmaier koordiniert in Stuttgart bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva) den Besucherdienst „Vierte Lebensphase“. Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß Braitmaier, dass es wichtig ist, diesen Einsatz entsprechend zu würdigen. Weil das Dabeibleiben der Ehrenamtlichen auch davon abhängt, wie gut sie betreut und begleitet werden, „bilden wir unsere Freiwilligen in Gruppen fort.“ 50 Stunden dauert das. Thematisiert werden dabei auch die Grenzen des Helfens.
Durchschnittsalter: 62,4 Jahre
Niemand soll mehr tun, als er sich vorgenommen hat. „Wir warnen davor, den vereinbarten Rahmen zu überschreiten“, sagt Braitmaier. Es könne sonst zu anstrengend sein. Es gehe darum, die Hürden fürs Engagement niedrig zu halten. Waren diese Gruppen bis vor fünf Jahren 15 bis 20 Personen stark, „sind wir jetzt froh, wenn wir zehn Teilnehmer pro Gruppe haben.“ Zwei Gruppen sind es jährlich. Die Altersspanne reicht von 22 bis 89 Lebensjahren. Bei 62, 4 Jahren liegt das Durchschnittsalter der Helfenden. Dreiviertel sind Frauen, sagt Braitmaier.
Auch Ulrike Holch, die das Freiwilligenzentrum Caleidoskop der Stuttgarter Caritas leitet, hält eine professionelle Begleitung für das A und O der Ehrenamtsarbeit. „Man muss sich abgrenzen können, um nicht aufgefressen zu werden.“ Die Ansage, nur zeitlich befristet einsatzbereit zu sein – beispielsweise für drei Monate in den Semesterferien – sei momentan die Normalität. Das heiße für Sozialeinrichtungen, sich umzustellen. Menschen würden sich nicht mehr für die nächsten fünf Jahre engagieren. Besonders bei der Youngcaritas kommen Helfende punktuell. Etwa für einen Einsatz bei „Warm durch die Nacht“, wo die Hilfe für Obdachlose im Fokus steht.
In Sorge ist Holch angesichts der Veränderung der vergangenen 20 Jahre nicht. Auch ist sie keine Anhängerin der These, dass früher alles besser war. Sie sieht „sehr viel selbstbewusstere Ehrenamtliche, die wissen, was sie bringen und was sie wollen“. Das Ehrenamt sei den gleichen Veränderungen wie die Gesellschaft insgesamt unterworfen.
Win-Win-Situation im Ehrenamt
Und die wird immer älter. Gehen ihr irgendwann die Ehrenamtlichen aus, weil diese selbst auf Hilfe angewiesen sind? Oder liegen in den vielen gesund alt werdenden „Silveragern“ erst recht viele Möglichkeiten für das Ehrenamt. Braitmaier sieht in der Gruppe der agilen Rentnerinnen und Rentnern ein Chance für die Zukunft und weist auf die Win-Win-Situation hin. Ein Ehrenamt strukturiere ja auch die viele in der neuen Lebensphase zur Verfügung stehende Zeit. Ihre Kollegin Holch betont, dass es bei allen Krisen der Vergangenheit die Zivilgesellschaft war, die spontan zur Stelle gewesen sei. Sie scheint die verlässliche Größe, wenn es brennt.
„Das Ehrenamt wird nicht aussterben“
Simone Höckele-Häfner, die als Abteilungsleiterin im baden-württembergischen Sozialministerium auch für das Ehrenamt zuständig ist, sagt: „Eine rein auf Professionalität gründende Gesellschaft stelle ich mir sehr kalt vor. “ Das Ehrenamt bringe Wärme in die Gesellschaft.
Und es bringe vielleicht auch Menschen in Kontakt miteinander, die sich sonst nicht begegnen würden. Die Fachfrau ist der Überzeugung, dass die Interessen von Kindern an dem, was später mal zu einem ehrenamtlichen Engagement werden könnte – etwa für die Feuerwehr – früh gefördert werden müssen.
Allen Unkenrufen zum Trotz glaubt auch Höckele-Häfner: „Das Ehrenamt wird nicht aussterben.“ Auch wenn sich die Strukturen durch höhere Mobilität etwa ändern, „werden sich die Menschen weiter engagieren. “ Und wenn es zeitlich befristet in Projekten sei. Das Land Baden-Württemberg unterstützt das ehrenamtliche Engagement im laufenden Jahr mit insgesamt 7 772 600 Millionen Euro.
Bessere finanzielle Unterstützung gefordert
Die beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg, Diakonie und Caritas, forderten anlässlich des Internationalen Tag des Ehrenamts Anfang Dezember eine bessere finanzielle Ausstattung dieser Tätigkeit. Sie betonen dabei die Bedeutung der Arbeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie. 136 000 ehrenamtlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten den Angaben zufolge in den Einrichtungen der beide Verbände.
Wie sind die aktuellen Zahlen des statistischen Bundesamtes also einzuordnen? Im Jahr 2022 engagieren sich danach 15,72 Millionen Menschen ehrenamtlich. Im Vorjahr waren es noch 16,24 und 2020 waren es sogar noch 17,11 Millionen Menschen. Aber: es haben auch schon einmal viel weniger Menschen ein Ehrenamt bekleidet als heute. 2018 waren es 14,87 Millionen Menschen.
Hoffnung durch jüngere Rentner
Hoffnung machen könnten die Zahlen, die die amtliche Statistik ebenfalls ausweist: Danach liegt der Anteil der ehrenamtlich Tätigen nämlich bei den Altersgruppen über 50 Jahren – sowohl bei den 50- bis 59-, bei den 60-bis 69-Jährigen und auch bei den über Siebzigjährigen – durchgehend über ihrem jeweiligen prozentualen Anteil an der Bevölkerung insgesamt.
Besonders ist das offenbar bei den Frischverrenteten, den Menschen über 60 Jahren, der Fall. Sie machen 16,7 Prozent der Ehrenamtlichen aus, obwohl ihr Bevölkerungsanteil nur bei 14,7 Prozent liegt. Es besteht also vielleicht doch Hoffnung.
Gut jeder Dritte Bürger engagiert sich
Erhebung
Das Bundesfamilienministerium lässt alle fünf Jahre den Deutschen Freiwilligensurvey erheben. Er gibt einen Überblick über das freiwillige Engagement aller über 14-Jährigen. Die aktuelleste Erhebung stammt aus dem Jahr 2019, ist also vor der Coronapandemie entstanden.
Zahlen
Vor Corona, im Jahr 2019, engagierten sich 28,8 Millionen Menschen freiwillig – das sind 39,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland. Zwischen 2014 und 2019 ist die Engagementquote laut Freiwilligensurvey stabil geblieben. Etwa 17 Prozent bringen mit sechs und mehr Stunden viel Zeit für ihre freiwillige Tätigkeit auf. Dabei zeigt sich seit 1999 ein fortlaufender Trend zu einer weniger zeitintensiven Ausübung der freiwilligen Tätigkeit. Zwischen den Beobachtungszeiträumen 1999 und 2019 sank der Anteil der Engagierten, die mit sechs und mehr Wochenstunden viel Zeit in ihre freiwillige Tätigkeit verbringen .
Personen
Unterrepräsentiert bei den Helfern sind Menschen mit Migrationshintergrund. Menschen mit höherem Bildungsniveau sind überproportional häufig vertreten. Frauen engagieren sich häufiger als Männer in Bereichen, die als familienbezogen oder sozial charakterisiert werden können. Männer sind hingegen vor allem in der Politik oder auch bei Unfall- oder Rettungsdiensten sowie in der freiwilligen Feuerwehr stärker vertreten als weibliche Ehrenamtliche.