Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Auf dem Weg zu Riechtum und Gluck

Von Peter Glaser 

Wieder einmal wird versucht, das Mauerblümchen der Technologisierung zum Aufblühen zu bringen: Geruch meets Hightech

Sensorische Techniken kommen bisher nicht an die Leistungsfähigkeit der Sinne Riechen und Schmecken ran.  Foto: Achim Zweygarth
Sensorische Techniken kommen bisher nicht an die Leistungsfähigkeit der Sinne Riechen und Schmecken ran. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Hier geht es in Zukunft um die Zukunft. Das StZ-Hausorakel Peter Glaser befragt einmal die Woche die Kristallkugel nach dem, was morgen oder übermorgen sein wird – und manchmal auch nach der Zukunft von gestern. Dazu als Bonus: der Tweet der Woche!

Aisen Caro Chacin, eine Absolventin der Parsons New School for Design in New York, hat eine Uhr entworfen, an der man die Zeit nicht ablesen, sondern riechen kann. Scent Rhythm heißt der Zeitmesser, der Gerüche abgibt, die mit dem körpereigenen circadianen Rhythmus zusammenhängen (so werden die Körperrhythmen bezeichnet, die innerhalb eines 24-Stunden-Tages stattfinden – bekanntestes Beispiel ist der Schlaf- und Wach-Rhythmus). Morgens riecht die Uhr nach Kaffee, ab Mittag nach Geld, Abends nach Whisky und Nachts nach Kamille. 

Vor allem die Distanzsinne – Sehen, Sprechen, Rufen, Hören, Werfen – sind in Form verschiedener Technologien ausgeformt, vom Telefon über die Telekommunikation bis hin zur Flugdrohne. Den Intimsinnen Riechen und Schmecken in ihrer Leistungsfähigkeit kommen die derzeitigen sensorischen Techniken nur andeutungsweise nahe. Für viele Säugetiere, von denen die meisten besser riechen können als der Mensch, ist der Geruchssinn in vielen Bereichen der primäre und mit Abstand wichtigste in der sozialen Kommunikation. In dem vielschichtigen Wahrnehmungssystem des Riechens werden nach einem noch unerforschten Prinzip Gerüche aus den tausenderlei vorkommenden Varianten zugeordnet und unterschieden, die Emotionen, Körper- und Verhaltensreaktionen hervorrufen. 

Guerilla-Geruch

Vor einiger Zeit hat das japanische Telekom-Unternehmen NTT Communications den Prototypen eines Großbildschirms vorgestellt, den man riechen kann. Das Aroma-emittierende Kaoru Digital Signage Display wurde vor einer Tokioter Bierhalle eingesetzt, um die Nasen von Passanten mit Düften zum Beidrehen zu bewegen – und zur Betrachtung der Videos mit schäumenden Biergläsern, die auf dem Display zu sehen waren. (Untersuchungen haben ergeben, dass etwa Zitrusgeruch mit Bier assoziiert wird). In einer speziellen Ausgabeeinheit an dem Display werden aromatische Öle ultraschallverdampft. In bis zu 500 Meter Enfernung läßt sich die Luftumgebung des Geräts so beduften. 

Bier mit Guerilla-Geruch zu vermarkten, stößt nicht überall auf Begeisterung. Kritiker äußern Unbehagen, die Manipulation der menschlichen Tiefensinne für Marketingzwecke ginge einen Schritt zu weit. Geruch und Geschmack erschließen uns das Gebäude der Erinnerung auf eine unvergleichlich hochauflösende Weise. Durch die Intimsinne öffnet sich eine sozusagen naturmediale Informationsdichte – einige wenige Moleküle, die wir bereits als Geruch wahrzunehmen imstande sind, können uns auf eine Zeitreise an die Quellen dieser Wahrnehmung schicken.

Ungehobene Innovationen

Vorstöße wie Riechfilme im Kino, etwa der 1981 uraufgeführte Film „Polyester” von John Waters, sind bisher allerdings Kuriosa geblieben. Auch der Trailer zu der romantischen Komödie „27 Dresses" wurde in Premierenkinos duftbegleitet präsentiert – 20th Century Fox versuchte mit dieser Innovation, die Kinobesucher mit einem „frischen und blumigen Duft im Saal“ zu erfreuen, „der parallel zur Bildpräsentation über die Klimaanlage in den Kinosaal gelangt und zum Ende des Trailers rasch wieder verfliegt". Auch Duft-CD-Player und Anverwandtes haben es zu noch nicht viel mehr als Promotion-Gags gebracht. Firmen wie das deutsche Unternehmen Aerome, das sich auf „Duftkommunikation“ spezialisiert hat und riechbare Kioske und Getränkeautomaten herstellt, bedienen einen flüchtigen, aber interessanten Markt. Die Intimsinne gehören zu den großen Herausforderungen der Technik, hier schlummern mit Sicherheit noch ungehobene Innovationen. 

Dass in allen Medien, die mit „Tele-“ anfangen — Television, Telefon, Telekommunikation — die Ferne auch schön fern bleibt und uns nicht zu sehr auf den Pelz rückt, hat vor allem damit zu tun, dass digitale Informationen und TV-Bilder dankenswerter Weise nicht riechen. Über die Tiefenwirkung der Düfte läßt sich geradewegs und unter Umgehung der Vernunft kommunizieren. Der winzige Anhauch eines Geruchs kann machtvolle Wirkungen in Gefühl und Gedächtnis erzeugen. Zugleich bringt er uns an die Grenzen unseres Sprachvermögens. Wer Weinkoster oder Parfumeure beim Ringen um die Beschreibung von Nachklängen auf den Geschmacksknospen im Abgang eines guten Tropfens oder von Herz- und Kopfnoten einer wohlriechenden Mischung beobachtet, weiß, was ich meine.

Manches Startup wie die Firma Digiscent, die mit dem persönlichen Duft-Synthesizer iSmell und ausladenden Geruchsdatenbanken Mensch und Internet in Riechweite bringen wollte, ist bereits wieder verduftet. Und inwischen hebt ja ein anderer Aspekt dieser Art von Sinnesautomation sein düsteres Haupt — die Überwachungstechnik. Das Herumschnüffeln...

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Und hier noch wie immer der Tweet der Woche:

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Das beste an dem Spiel ist Twitter.</p>&mdash; DonDahlmann (@DonDahlmann) <a href="https://twitter.com/DonDahlmann/statuses/483707721192341504">30. Juni 2014</a></blockquote>

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