Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Dekorative Gene

Von Peter Glaser 

Vom persönlichen Gen-Profil aus einer Speichelprobe zum gerahmtem Foto: Der DNA-Kitsch für die Wohnzimmerwand wirft die Frage auf: Gehört die Zukunft der Banalisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse?

Im Labor wird aus einer Speichelprobe des Kunden mit einem Standardverfahren ein persönliches Gen-Profil erstellt. Foto: Togo/Wikipedia
Im Labor wird aus einer Speichelprobe des Kunden mit einem Standardverfahren ein persönliches Gen-Profil erstellt. Foto: Togo/Wikipedia

Stuttgart - Hier geht es in Zukunft um die Zukunft. Das StZ-Hausorakel Peter Glaser befragt einmal die Woche die Kristallkugel nach dem, was morgen oder übermorgen sein wird – und manchmal auch nach der Zukunft von gestern. Dazu als Bonus: der Tweet der Woche!

Manche präsentieren sich mit freundlicher Ironie, zum Beispiel Schmuckdesigner, die mit Molekülstrukturen spielen. Manche sind zumindest unbekümmert bunt, man erinnere sich nur an die farbenfrohen Fraktale, mit denen sich jahrelang Kunstausstellungen in Sparkassenfilialen bestücken ließen. Es gibt damit aber ein ähnliches Problem wie mit Sonnenuntergängen: Sie sind wunderschön, aber die fortgesetzte Reproduktion macht sie zu Kitsch.

Nun gibt es auf dem Sektor des wissenschaftlichen Kitschs etwas ungewöhnlich Modernes: Deko-DNA. Die Molekülwendeltreppe mit dem schlichten Namen Desoxyribonukleinsäure „als perfekte Geschenkidee für jeden Anlass oder als Firmenpräsent“: Das DNA-Portrait, gefertigt von der kanadischen Firma DNA 11 bietet sich als progressive Alternative für Leute an, die sonst gern in ihrer Wohnung Fotos von sich selbst aufhängen. Sie können nun der zeitgemäßen Freude am Exhibitionismus in neuem Ausmaß nachgehen.

Banaler bunter Barcode

Der Kunde erhält ein Set mit einem Wattestäbchen zur Entnahme einer DNA-Probe, dazu einfache Anweisungen. Die DNA-11-Gründer Adrian Salamunovic und Nazim Ahmed sehen sich „mit der Kreation von wahrhaft personalisierter einzigartiger Kunst nach individuellen Kundenwünschen“ als Wegbereiter der DNA-Kunst. In ihrem Labor wird aus einer Speichelprobe des Kunden mit einem Standardverfahren ein persönliches Gen-Profil erstellt, „eine perfekte unbearbeitete Digitalaufnahme“ davon angefertigt, die ursprüngliche Probe vernichtet und das gerahmte Foto – in einer von 25 Farbvarianten – mit einem Echtheitszertifikat ausgeliefert. Einige Kunden haben auch ihre Haustiere genetisch porträtieren lassen.

Im Labor haben die eingefärbten, geometrisch angeordneten DNA-Streifchen, wenn man sie unter UV-Licht betrachtet, noch einen gewissen ästhetischen Reiz. Der erlischt allerdings zu einem banalen bunten Barcode, wenn man ihn ausdruckt und in „Edelstahl-Akzente“ rahmt. „Das Museum of Modern Art führt DNA-11-Kunstwerke in seinen exklusiven Museumsläden“, verheißt das DNA-11-Marketing. Der in demselben Museum vertretene Andy Warhol hat schon in den Achtzigerjahren aus seinen Körpersekreten Kunst gewonnen, die mit Bordmitteln einfach und in personalisierter Form selbst hergestellt werden kann. 1982 stellte Warhol auf der Documenta 7 in Kassel seine „Piss Paintings“ aus – mit Urin per Oxidation auf Kupferplatten „gemalte“ Bilder.

=

Und hier noch wie immer der Tweet deer Woche: https://twitter.com/florianaigner/status/543447657994551296